mein schoener garten.deWas es mit dem Schulweg der Kinder von Adamstal auf sich hatte

Kurt Nelhiebel

Bremen (Weltexpresso ) -  Die Kinder meines Heimatortes Adamstal hatten es nicht weit zur Schule, aber der Weg dorthin war einsam und dauerte gut eine halbe Stunde. Zwischen dem letzten Haus von Adamstal und dem ersten Haus von Bausnitz mit seiner Volksschule kamen sie nur an Feldern  und am Ufer der Aupa vorbei, neben der sich die unbefestigte Straße um den Berg schlängelte. Einen Bürgersteig gab es nicht. Gesäumt  wurde die Straße an abschüssigen Stellen von klobigen Grenzsteinen, die wir Schleudersteine nannten.

Bildschirmfoto 2021 11 28 um 19.00.59Am äußeren Ende führte  die Straße durch einen mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Hohlweg. Das war die von allen so bezeichnete Drehe. Das etwa etwa zweihundert Meter lange Straßenstück  stand in dem Ruf, lichtscheuem Gesindel als Lager- und Übernachtungsplatz zu dienen. Ich selbst habe dort zu keiner Zeit jemanden getroffen, auf den die Beschreibung gepasst hätte. Meine Mutter zeigte mir eines Tages einen Kamm mit scharfen Zinken, den sie auf dem Weg zur Arbeit immer in der Schürzentasche habe. „Wenn mir jemand zu nahe kommt, dann fahre ich ihm mit dem Kamm wie mit einem Messer durch das Gesicht“, sagte sie.


Wenn wir Kinder im Winter zur Schule mussten, war es morgens noch finster, so dass wir uns meistens in kleinen Gruppen auf den Weg machten und unsere Angst in der Drehe durch lautes Geplapper vertrieben. Aber auch an hellen Sommertagen behielt das  Stück Straße seinen schlechten Ruf.  Eines Morgens – ich ging damals schon zur Oberschule - lief mir ein Mann über den Weg, der mit dem Ruf „Dort oben hängt er“ in den Flur des letzten Hauses stürzte. Musste ich an einem Toten adambahnvorbei?  Ich hielt inne, tat so, als suchte  ich etwas in meiner Schultasche, machte kehrt und hängte mich dem nächsten Fußgänger an die Fersen. Tatsächlich hatte sich an jenem Tag ein pensionierter Eisenbahner das Leben genommen.

Eine andere Möglichkeit, die gruselige Ecke zu meiden, stand Kindern und Heranwachsenden offen, denen es nichts ausmachte, auf allen Vieren zu kriechen. Er führte über den „halben Berg“, war sehr steil und eigentlich mehr ein Klettersteig. Aber er verkürzte den Weg um den Berg herum  um die Hälfte. Ein anderer Weg führte über den „ganzen Berg“ durch einen Buchenwald. Im  Herbst war er unter teilweise  knietiefem  Laub nicht leicht zu finden. Dann gab es noch den Weg über den Tunnelberg, dessen Namen wir auf der zweiten Silbe betonten. Durch seinen Bauch führte die eingleisige Bahnstrecke (oben im Bild)  in die deutsch besiedelten Randgebiete im Nordosten der ersten Tschechoslowakischen Republik. Über einen Zickzack-Weg gelangte man im Sommer nach oben und war dann in wenigen Minuten im Nachbarort.

An die vierte Abkürzung erinnert mich eine Glockenblume (Titelbild), die ich bei meinem letzten Besuch in der alten Heimat dort gepflückt und in die adamstalBrieftasche gesteckt habe. Sie steht unter Glas in einem hölzernen Bilderrähmchen  auf dem Fernseher in meinem Arbeitszimmer. Ihre blaue Farbe hat sie längst verloren, verrät ihre Art aber durch die Glockenform, der sie ihren Namen verdankt. Dieser Weg führte von der Schule aus gesehen an zwei Einödhöfen vorbei und von dort über ein Wehr zur Landstraße entlang der Aupa. Wenn es im Spätherbst erstmals gefroren hatte, legten wir spaßeshalber die Zunge auf das eiserne Geländer und blieben prompt daran hängen. Wer seinen warmen Atem einen Moment aus dem Mund strömen ließ, konnte sich schmerzlos wieder befreien. Nicht jeder Neuling kannte den Trick und zahlte unter dem Gelächter der Umstehenden sein Lehrgeld.

Die Angst vor der Drehe begleitete mich auch dann noch,  als ich im Jünglingsalter auf „Brautschau“ ins Nachbardorf ging. Eines Abends sah ich von Weitem das Karbidlicht eines Radfahrers auf mich zukommen und ließ mich überholen, um nicht allein durch die Drehe zu müssen. Das ging eine Weile gut, bis der Radfahrer das Tempo erhöhte und ich allmählich außer Atem geriet. Als wir die Drehe fast hinter uns hatten und ich schon aufgeben wollte, hörte ich den Radfahrer auf Tschechich um Hilfe rufen. „Pomoc!, Pomoc!“ hallte es immer lauter und immer ängstlicher durch die Finsternis. Ich blieb stehen und musste lachen, hatte ich  doch selber vor lauter Angst die Nähe des Mannes  gesucht. (Aus dem Zyklus „Die Kinder von Adamstal“)

Foto:
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Links die Haarnadelkurve ist "die Drehe". Adamov ist die tschechische Bezeichnung für Adamstal, Bohuslavice der tschechische Name für Bausnitz
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Das ist der Ort Bausnitz, in dem die Kinder von Adamstal zur Schule gingen. Im Vordergrund die im Text erwähnte eingleisige Bahnstrecke.
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Aufnahme von Adamstal
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