hwk 18 1Die dritte Siam-Reise (7): Diffuse Geschichtsschreibung

Hannah Wölfel & Hanswerner Kruse

Battambang / Kambodscha (Weltexpresso) - Der rote Bus rumpelt und rappelt langsam über die Schlaglöcher von Siem Reap nach Battambang, für die 160 km braucht er fast fünf Stunden. Die schmale Straße wird zeitgleich von wenigen Arbeitern über die Hälfte der Strecke ausgebaut, auf den kilometerlangen Baustellen sehen wir lediglich drei Dampfwalzen. Währenddessen trocknen die Bauern auf den planierten Flächen mit riesigen Planen ihren angebauten Reis - wahrscheinlich dort auch die nächsten 20 Jahre.

hwk 18 hutteMir geht noch der letzte Tag in Siem Reap im Kopf herum, den wir mit einem der Tuc-Tuc-Fahrer unseres Guesthouses „Babel“ verbrachten. Dieses unglaubliche Gästehaus, über das wir noch mal gesondert schreiben werden, entwickelte mit drei Fahrern eine spezielle Village Tour: Abends sitzen wir irgendwo auf dem Land im Freien vor dem Haus von Heng. Kinder toben herum, Hühner gackern, Hunde kläffen, Mücken stechen. Nachbarn kommen vorbei, setzen sich kurz zu uns. Gemeinsam mit Hengs Familie essen wir von ihm lecker zubereitetes Essen. Vorher waren wir in der Lotus-Farm und sahen, den Arbeiterinnen beim hwk 18jungeSpinnen der Lotusfasern zu, besuchten einen lokalen Markt und lernten fremdartige Nahrungsmittel wie Morning Glory, Räucherfisch oder Stängel von Wasserlilien kennen und erkundeten einen buddhistischen Friedhof. In einer schlichten, völlig leeren Wellblechbaracke auf Stelzen, dem neuen „Haus“ von Hengs Schwager, aßen wir kalte Fischsuppe und tranken warme Cola. Unbefangen säugte die Schwägerin ihren einjährigen Sohn, die übrigen Kinder plapperten munter mit uns in ihrer fremden Sprache.

hwk 18 wascheEs war eine Exkursion, die uns unglaublich dicht mit den Menschen auf dem Land zusammenbrachte, unter die Haut ging - und in der wir die schreckliche Armut und extreme Einfachheit des Landlebens der Khmer hautnah erlebten. Diese und auch andere Touren des „Babels“ (im letzten Blog berichteten wir von der Cultural Village Tour) verstehen sich ausdrücklich als Alternative zu den touristischen Massenaufläufen in Ankor Wat.

Aber der schlaue und lebensfrohe Henk erzählt uns plötzlich, dass die bösen Vietnamesen (die unserer Meinung nach doch das Land von der grauenhaften Gewaltherrschaft der Roten Khmer befreiten) an der entsetzlichen Armut Schuld seien: Pol Pot habe nur Gutes für sein Land gewollt, damals sei es den Khmer eigentlich gut gegangen und „Bruder Nummer 1“ habe vom Terror der Kommunisten nichts gewusst... Wir sind fassungslos!

Seitdem las ich viel - im Internet schnell Erreichbares - über die grauenhaften Jahre der Roten Khmer - und war aufs neue fassungslos: Die hwk 19 dorfVerbrecher dokumentierten alle ihre Gewalttaten akribisch, die zwei Millionen bestialisch Ermordeten oder an Hunger und Krankheiten Gestorbenen sind keine Phantasmagorie. Ansonsten ist unglaublich, wer von den Politgangstern wen verraten oder ermordet hat, übergelaufen oder nach Thailand geflüchtet ist...

Die Geschichte der kommunistischen Bewegung Kambodschas, die Tyrannei in den 1970er-Jahren und der erneute, fast zwanzigjährige Guerillakampf der Roten Khmer übertrifft Shakespeares gruselige Königsdramen bei Weitem: jeder kambodschanische Politiker ist auch heute noch ein korrupter Macbeth oder Richard III. Die Chinesen, die USA und Thailand unterstützten die Roten Khmer massiv, um dadurch den (angeblich) vietnamesisch-russischen Einfluss in Süd-Ost-Asien hwk 18 2einzudämmen. Dazu trugen die Europäer durch die Anerkennung der Diktatoren noch ihren Teil bei. Bis zuletzt wehrten sich die US-Amerikaner und Chinesen dagegen, das Kambodscha-Tribunal (ab 2006) zu unterstützen oder wenigstens intensive Wiederaufbauhilfe zu leisten.

Dieses bettelarme Khmer-Volk wurde zwischen den diversen Machinteressen eingestampft. Und wir staunen, wie offen, neugierig und mit welch großer Lust am Lernen, die Kambodschaner wieder auf Fremdes zugehen und anderes integrieren wollen.

Manchmal ist das auch komisch - oft rätseln wir, was die Verkäuferinnen oder Kellner von uns wollen. „We she can?“ beispielsweise ist keine Obama-Frage, sondern meint, ob wir das Essen „with chicken“ (mit Huhn) möchten...

Fotos:
Wir haben viele der beschriebenen Situationen oder Menschen nicht wie im Zoo fotografieren wollen - oder das Fotografieren einfach vergessen.
© Hanswerner Kruse