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Kategorie: Bücher
Bildschirmfoto 2026 02 01 um 20.08.05Das Krimi-Jahr 2025 – Sonja Hartl und Thomas Wörtche & ein Podcast, Teil 1/3

Thomas Wörtche

Berlin (Weltexpresso) - Sonja Hartl und Thomas Wörtche blicken je einzeln auf das Jahr 2025 und unterhalten sich im Podcast „Abweichendes Verhalten“ über das Krimi-Jahr 2025.


Natürlich nervt und stresst alles: Die Weltlage, die Politik, die Ökonomie, das Klima, die sozialen Verwerfungen, die ubiquitäre Empathielosigkeit, Antisemitismus, Rassismus, Misogynie, Queerfeindlichkeit und andere Malaisen, die einem den Alltag vermiesen. Jo. Jammern und Wehklagen jedoch, Angst und Panik allenthalben können einem auf den Keks gehen, zumal all das Gequieke meistens auch nicht interesselos ist.  Deswegen hatte ich eigentlich vor, die übliche CM-Jahresrückschau Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ zu widmen. Und ja, ich weiß, dass man Ernst Bloch viel verzeihen müsste: Stalinistische Ausrutscher, esoterischen Fidelwipp und viel zu viel Transzendenz. Aber nicht deswegen habe ich eine neue Auseinandersetzung mit Bloch (meine Ausgabe von 1973, = stw 3, ist zerfleddert, übersät mit Anstreichungen und Kommentaren, ich muss damals die drei Bände inhaliert haben) erstmal vertagt, obwohl ich auch heute noch viel Sinnvolles am Prinzip Hoffnung finde und der Überzeugung bin, dass es die einzige Kategorie ist, die den Laden und somit auch mich, noch am Laufen hält.

Vertagt habe ich das, weil mir kurz vor der Deadline ein anderes Buch in die Hände gefallen ist, das mindestens genau so viel mit meiner Biographie zu tun hat: Harald Jähners „Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967.“ Sagen wir mal so: Kaum jemand hat mir (Jahrgang 1954) mein frühes Leben so gut erklärt wie Jähner (Jahrgang 1953).

1967, naja eher 1968 markiert den Zeitpunkt, an dem ich – bilde ich mir wenigstens ein – anfing, die Welt ein bisschen zu verstehen, eigene Gedanken zu entwickeln, als sich das arg kindliche Gemüt allmählich zu einem arg jugendlichen Gemüt wandelte. Jähners Rekonstruktionen der 1950er und 1960er Jahre vertreiben den Nebel der Nostalgie, der Atmosphären, der Gefühle, der womöglich falschen und limitierten Erinnerungen.  Ich hatte glücklicherweise sehr liberale, tolerante Eltern, die mir das Leben als Einzelkind nie schwierig gemacht haben, aber ich habe sehr wohl viele Erinnerungen an den Mottenkugelgeruch irgendwelcher Familienfeiern, die ich bedrückend und beklemmend empfand, auch wenn ich nicht genau verstand, warum das so war. All das beredte Schweigen, der ewige Spruch „wir haben ja nichts gewusst“, die Beteuerung, der Führer habe immer eine „tadellose Frisur“ gehabt, das Pochen auf „Anstand und Sitte“, der Begriff des „Ordentlichen“ als höchste Norm gar Telos, die Fress- und Sauforgien, die Verehrung von mir befremdlich erscheinenden Filmen (Karl-May, Edgar-Wallace) und Fernsehsendungen (die Samstag-Abend-Shows, mon dieu), der selbstverständlich daherkommende, konsensuale Rassismus nebst Xenophobie, der Abscheu vor „N…musik“ (ich entdeckte gerade Jazz und Blues als meine Lebensmusik), die latente Intellektuellenfeindlichkeit („Spinner“), die Verachtung von Armut (als ob die eine moralische Kategorie wäre), all diese Abscheulichkeiten erschienen mir als Störgeräusche, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte.

Der Vorzug von Jähners Buch besteht nun nicht (nur) darin, die all diesen Phänomenen innewohnenden Dialektiken aufzudröseln, die sind inzwischen alle reflektiert und bekannt, sondern darin, verschütt gegangene Unbequemlichkeiten wieder zu exhumieren, wie der berühmte tote Hund bei Gottfried Keller, den die Nachbarn nächtens ausgraben und einem auf die Türschwelle legen.

Ein schönes Beispiel dafür ist die „Kulturkritik“, besser die Kritik an der „Wohlstandsgesellschaft“ nachdem die Folgen des 2. Weltkriegs erfolgreich weg-gearbeitet und weg-gedrängt wurden. Jähner präpariert sehr schön heraus, wie sehr man von rechts die Nivellierung der Gesellschaft beklagte, von links den „Konsumrausch“ und von beiden Seiten die „Amerikanisierung“ – und auf beiden Seiten war man sich einig, dass „das Volk“ zur „Erkenntnis der eigenen Lage“ nicht fähig sei. Helmut Schelsky prägte das Schlagwort von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, in der die alten Eliten ihre Privilegien und sozialen Distinktionen gefährdet sahen, und die Linke revolutionäres Potential eingedämmt und betäubt. Irgendwie erinnert mich das an den Vorwurf von Stefan Heym an die Bevölkerung der DDR nach 1989, sie sei „eine Horde von Wütigen auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef“.

 

Und das führt zu einem weiteren Grund, warum man „Wunderland“ dringend lesen sollte: Jähners Erkenntnisinteresse liegt vor allem darin zu zeigen, wie diese „Gründerzeit“ der Bundesrepublik in rasanter Dynamik die Phänomene geschaffen (hat), die uns immer noch beschäftigen“. Und sich heute verschärft haben, worüber sich eigentlich niemand verwundern darf. Alles ist schon angelegt: Der rücksichtslose Umgang mit der Natur, der niemals verschwundene, nur zeitweise schlecht verdeckte Antisemitismus, der Umgang mit den „Anderen“  – von „Gastarbeitern“ bis zur „Migration als Mutter aller Probleme“ – die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, deren Wurzeln in der Verachtung der intellektuellen Spinner liegen, die immer noch nicht realisierte Gleichstellung der Geschlechter, die einen Schritt nach vorne gemacht und allmählich wieder zurückgedreht wird, der alte Ost/West-Gegensatz, der sich nur anders kanalisiert, aber erschreckenderweise noch lange nicht überwunden ist. Der zunächst als befreiend empfundene Hedonismus, der in brutale, egoistische Empathielosigkeit umschlägt.

Diese und andere Dynamiken, die Jähners Text so klug bündelt, sind die Giftpfeile in einem Buch, an das man zunächst staunend herangeht. Die wunderbaren Beispielen aus der Medien- und Warenwelt, an die man sich erinnert (nostalgisch seufzend oder peinlich ob deren Scheußlichkeit, an die man sich zu erinnern gezwungen wird), die oft unfreiwillig komischen Emanationen des Zeitgeistes, die man heute belächeln kann (die meisten Werbesprüche und Slogans der Zeit sind mir immer noch präsent, über Mode und Interieurs kann man kichern, sich gruseln oder erfreuen) schaffen zunächst einmal eine milde und harmlose Rezeptionsatmosphäre, die auch Jähners brillanter, extrem unterhaltsamer Schreibweise zu verdanken ist. 

Seine Brisanz bekommt sein Buch aber durch seinen impliziten Bezug zum Hier und Heute. Der sagt deutlich: Dünkt Euch nicht erhaben über das was war, idealisiert es nicht, aber verdammt es auch nicht. Und denkt nicht, dass das alles selbstverständlich so sein musste, wie es war. Denn was heute passiert, versucht die Geschichte zurückzudrehen und auch die erheblichen positiven Aspekte, den gesellschaftlichen Fortschritt dieser „Gründerzeit“ zu kassieren. Die Klassenunterschiede, die immerhin mehr oder weniger geschickt moderiert waren, treten wieder deutlicher zutage, sie sind nur modifiziert. Rechte, die zumindest partiell erfolgreich erkämpft wurden, werden wieder eingeholt (Arbeitsrecht, soziale Sicherungssysteme), völkisch-nationales Denken kehrt trotz seiner evidenten Lächerlichkeit wieder an die Oberfläche zurück, unter die man sie doch lange zivilgesellschaftlich gedrückt zu haben glaubte. Erstrebenswerte Ziele (Frieden), auf die man sich satt und von der Schutzmacht USA garantiert konsensual einigen konnten, sind vor der politischen Großwetterlage bedroht und als fromme Illusion zerplatzt. Oder eben, siehe Ernst Bloch 1959 (das erschien „Das Prinzip Hoffnung“) wieder auf Start zurückgesetzt.

Der Realitätsverlust oder die Realitätsblindheit der frühen Jahre, die frommen Lebenslügen einer Gesellschaft ohne Visionen und Ziele fällt uns auf die Füße. Was nicht heißt, dass das Prinzip Hoffnung seinen Sinn verloren hätte. Ganz im Gegenteil, ich sehe nichts anderes, aber diesmal bitte realitätsbasiert.

In diesem Sinn – komm her, 2026.

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©CulturMag

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Abdruck mit freundlicher Genehmigung von CulturMag