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Kategorie: Bücher
WEBOK 2 Campionati mondiali calcio 1934Serie: Eine andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft, Teil 3/3 

Von Hans Otto Rößer

Kassel (Weltexpresso) - Politische Korruption: Sympathien für Faschismus und Militärdiktaturen

Noch vor der ökonomischen offenbarte die FIFA ihre politische Korruption, ihre Komplizenschaft mit faschistischen Diktaturen und Militärdiktaturen und später auch ihre Doppelstandards gegenüber Mächten, die Krieg führen. Schon die zweite Weltmeisterschaft im faschistischen Italien Mussolinis 1934 zählen die Autoren zu „einem der dunkelsten Kapitel“ in der Geschichte der FIFA. Bereits das offizielle Plakat zeigte einen stilisierten Soldaten mit faschistischem Führergruß. Mit Führergruß traten die Mannschaften Italiens und Deutschlands auf.


Die Deutschen trugen Trikots mit Reichsadler und Hakenkreuz auf weißem Grund. Der Weg der italienischen Mannschaft zur Meisterschaft verlief über zahlreiche ungeahndete Fouls und Verletzungen gegnerischer Spieler. Im Viertelfinale gegen Spanien erlitt der spanische Torwart eine Rippenfraktur. Aufgrund der gehäuften Regelwidrigkeiten wurde das Spiel am nächsten Tag wiederholt. Der neue Schweizer Schiedsrichter setzte das Verhalten vom Vortrag fort: Vier spanische Spieler konnten verletzt weiterspielen, den Spaniern wurden zwei Tore ohne ersichtlichen Grund aberkannt. Die FIFA tolerierte das Verhalten des Schiedsrichters, erst der Schweizer Fußallverband sperrte ihn lebenslänglich. Eine besonders schöne Leistung gelang dem schwedischen Schiedsrichter im Halbfinale Italien gegen Österreich. Er nahm der österreichischen Mannschaft die Chance, einen Ausgleich zu erzielen, indem er eine Flanke der Österreicher selbst aus der Gefahrenzone vor dem italienischen Tor köpfte (vgl. hierzu Gomes, Jäger, S. 32-35).

Ähnlich wie 1934 konnten die italienischen und deutschen Mannschaften 1938 in Paris agieren, obwohl Frankreich noch von einer sozialdemokratisch-liberalen Volksfront regiert wurde. Die österreichischen Spieler waren nach dem „Anschluss“ Österreichs im März dem großdeutschen Team eingegliedert worden. Der österreichische Stürmer Hans Pesser bezeichnete den vom deutschen Nationaltrainer und NSDAP-Mitglied Sepp Herberger geforderten Stil des Spielens als „Kraft durch Tritte“.

1954 erklärte der damalige DFB-Chef Peco Bauwens das „Wunder von Bern“ mit dem weiter geltenden „Führerprinzip“, während die unterlegenen Ungarn Doping-Verdacht äußerten. Der DFB sprach von Vitaminspritzen, während andere den „Griff nach der Panzerschokolade“ vermuteten, also die Injektion des Metaamphetamins „Pervitin“, das schon im Weltkrieg ermattete Wehrmachtssoldaten kriegstüchtig hielt. Der DFB verweigerte Untersuchungen, wenige Wochen nach der WM lagen Ottmar und Fritz Walter sowie Helmut Rahn mit Hepatitis-Infektionen auf der Intensivstation.

Ein besonders hässliches Kapitel vom „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“ (Th. W. Adorno) schlagen Gomes und Jäger in der Darstellung der WM in Argentinien 1978 auf. Das Land lebte seit dem Militärputsch 1976 unter einer faschistischen Militärdiktatur, in der etwa 30000 Menschen entführt, gefoltert und getötet wurden. Es geht nicht nur um die Dummheit des deutschen Mannschaftskapitäns Hans-Hubert ‚Berti‘ Vogts, der Argentinien als Land lobte, in dem Ordnung herrscht, und der – wie überraschend – keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen hat. Auch Bundestrainer Helmut Schön hat nichts gesehen, was er mit einer „ausgesprochenen Diktatur“ verbinden kann. Weggesehen haben noch ganz andere und folgenreicher. Die VW Werke und Mercedes Argentinien denunzierten (wie bereits in Brasilien) unbequeme Mitarbeiter bei der Junta und griffen nicht ein, wenn diese von den Schergen des Regimes vom Werksgelände weggeschleppt wurden. Das deutsche Regierungspersonal, vorneweg Außenminister Genscher, unternahm nichts, um die junge Deutsche Elisabeth Käsemann aus den Fängen der Diktatur zu befreien. Sie wurde am 24.05. 1977, kurz nach ihrem 30. Geburtstag, ermordet.

Zurecht machen die beiden Autoren auch auf die „Doppelmoral“ der FIFA und der deutschen Regierung aufmerksam. Während die FIFA 2022 Russland wegen des Kriegs in der Ukraine von der Teilnahme an der WM in Katar ausschloss, wurden die USA für ihre zahlreichen Kriege und Beteiligungen an Putschen vor und parallel zu Weltmeisterschaften niemals sanktioniert. Die deutsche Regierung schließlich hatte die WM-Vergabe an Katar forciert und deutsche Unternehmen machten in der Folge phantastische Gewinne, während sich die Innenministerin eben dieser Regierung und die deutsche Nationalmannschaft auf einmal vor der WM zur moralischen Instanz aufschwangen und ihr Pretty in Pink performten.

Welche Idole?

Wenn man deutsche Bestechungen im Nachhinein offen und zynisch rechtfertigt wie der „Stern“-Korrespondent Michael Streck: „Dass … schmierige Gelder flossen, und, und, und. Das stimmt natürlich alles. Es stimmt aber eben auch, dass es mir, sorry, vor allem rückblickend scheißegal ist“, wenn überall Herrenmenschengehabe und braunes Nachleben zum Vorschein kommen, macht man sich wenig Freunde, zumal bei solchen nationalen Verbänden, die nicht das nötige Kleingeld haben, um wirkungsvoll im Korruptionsgeschäft mithalten zu können, kurzum bei vielen Menschen des „globalen Südens“. Hinzu kommt die Überheblichkeit (ehemaliger) Spielerstars. Nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 1990 verkündete der Trainer Beckenbauer: „Wir sind die Nummer 1 in der Welt. Aber die Auswahl [für einen unbesiegbaren Kader] wird noch kompakter durch die ostdeutschen Spieler. Wir sind über Jahre nicht mehr zu besiegen. Es tut mir leid für den Rest der Welt …“ Bei der WM-Party für den Weltmeistertitel 2014 nach dem Endspielsieg über Argentinien gaben die deutschen Spieler eine Bühnenvorstellung, indem sie gebückt in Schlange gingen und sangen: „So geh’n die Gauchos, die Gauchos, die geh’n so.“ Dann gingen sie aufrecht und sagten, die Deutschen gehen so. Vorneweg und dicke dabei war Sebastian Schweinsteiger, der während der WM in Brasilien kein einziges Tor geschossen hatte und mittlerweile als Spielkommentator und „Experte“ nur nach einem Daueranschmachten von Esther Sedlaczek zwei oder drei zusammenhängende Sätze hervorbringt. In den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 schied das deutsche Team jedes Mal bereits in der Vorrunde aus. So viel zu Beckenbauers Prophezeiung.

Mit Selbstentblößungen wie die Beckenbauers oder des WM-Teams 2014 bleibt man bestenfalls ein regionales Idol. Gomes und Jäger suchen und finden ihre Fußballidole im „globalen Süden“, beginnend mit dem Mittelfeldregisseur der uruguayischen Nationalmannschaft des Jahres 1930 José Leandro Andrade, Nachfahre von Sklaven, Schuhputzer, nach einem Glamourleben in Paris mit 56 Jahren in einem Armenhaus von Montevideo gestorben. Er wird nur Kennern der WM-Geschichte bekannt sein. Zu einem richtigen Weltstar wird man erst, wenn es Medien mit weltweiter Ausstrahlung gibt, die den Namen einer Person auf den Bolzplätzen der abgelegensten Flecken der Erde bekannt machen. Diese Mittel gibt es seit der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko und sie machten Pelé zum Weltstar. Die Autoren nennen noch einige andere, Zidane, Messi, Ronaldo, aber ihr Favorit ist Maradonna, und zwar nicht, weil er sich von guten Mächten treu leiten ließ, auch nicht, weil er als Trainer der argentinischen Nationalelf auf der WM in Südafrika im grauen Anzug und mit schwarzen Schuhen einen Ball, der auf ihn zukam, unter dem Beifall des gesamten Stadions lässig ins Feld zurückschnippte, sondern weil er sich in Südafrika mit der Vorsitzenden der Mütter vom Plaza de Mayo, der Mütter der von der argentinischen Militärdiktatur spurlos Verschleppten, traf und ihr versicherte, dass er ihre Nominierung für den Friedensnobelpreis unterstütze.


FifaFans und Volk in den Weltmeisterschaften der VIPs und Suits

Die Wege zu den Austragungsorten, die Eintrittspreise, die zunehmende Attraktivität für Wohlhabende und Reiche, kurz: eine besonders bei WMs sichtbar werdende neoliberale „Gentrifizierung“ des Spieles führt in den Stadien zu einer sterilen Atmosphäre, zu einer weiteren Spaltung zwischen Spielern, Organisatoren und WM-Publikum auf der einen und den „normalen“ Zuschauern bei Ligaspielen mit Gesängen, Ultras und Rauchschwaden auf der anderen Seite. Das wurde in der WM 1998 in Frankreich sinnfällig und es war der Trainer der französischen Nationalmannschaft Didier Deschamps, kein deutscher Spieler oder Funktionär, der es auf den Punkt brachte: „Zwei Drittel der Leute dort [in den Stadien der WM-Austragung] sind von Sponsoren eingeladen, und Fußball bedeutet ihnen in Wirklichkeit nichts. Die meisten der Fans, die uns lieben, konnten es sich nicht leisten, eine Eintrittskarte zu kaufen. Die Begeisterung [draußen im Land] ist unglaublich, aber diejenigen, die in ihren Anzügen und Krawatten im Stadion auftauchen, um Trübsal zu blasen, haben dort nichts verloren.“ Mit der Anspielung auf die Sponsoren hat es folgende Bewandtnis. Da die FIFA auch bei der Vergabe von Tickets intransparent verfährt, hat ein englischer Investigativjournalist folgende Schätzung zur WM 1998 veröffentlicht: 20 Prozent der Plätze gingen an Sponsoren, 60 Prozent wurden in Frankreich verkauft, vier Prozent in der FIFA intern verteilt, so dass für die Fans der jeweils gegeneinander spielenden Teams nur 16 Prozent des Kartenkontingents übrigblieben. Dies befeuerte einmal den Schwarzmarkt und verteuerte noch einmal die Tickets. Zum Teil gab es aber auch in den Vorrundenspielen auffällig viele leere Plätze in den Stadien, weil die Sponsoren ihre Ticket-Kontingente nicht loswurden. Die Autoren geben auch einen Ausblick darauf, was mit der WM 2026 auf uns zukommen wird: Das Finale soll nach dem Vorbild des „Super Bowl“ der National Football League inszeniert werden, mit Halbzeitshow --- und Ticketpreisen bis zu 6730 Euro!

Die Antwort der ‚Normalos‘ darauf war, seit der Fernseher zum Massenmedium geworden ist, das gemeinsame Gucken in der Sportkneipe, zur Not Fernsehen mit Freunden im eigenen Wohnzimmer. Seit der WM 1998 verbreitet sich auch ein bereits vorher vorhandenes Instrument, das Public Viewing, das unter bestimmten Bedingungen sogar noch Lizenzgebühren in die Kassen der FIFA spült: vor riesigen Monitoren eine halbierte Stadionatmosphäre, leiwandst, würden die Österreicher zu solchen Surrogaten sagen.

 

Ich habe von der Lektüre des vorliegenden Buches viel gelernt und mich beim Lesen gut unterhalten. Manchmal musste ich lachen, besonders laut über die Schiedsrichter. Angewidert hat mich nicht so sehr, was ich über die WM 1934 in Italien gelesen habe; denn das war zu erwarten. Angewidert haben mich die Äußerungen einiger deutscher Spieler und das Verhalten der DFB-Funktionäre während der WM 1978 in Argentinien. Das „Sommermärchen“ 2006 war Hymnengebrüll mit Fahnenlawinen, nationalfarbene Arschgeweihe an den Autohecks und gestrickte Deutschkondome um die Rückspiegel. Wer wollte schon zurückschauen, es sollte ja vergessen werden. Für andere war und bleibt dieses „Märchen“ ein Alptraum, so für den Flüchtling aus Sierra Leone Oury Jalloh, der im selben Jahr 2006 im Dessauer Polizeigefängnis starb, verbrannte. Er soll selbst seine Matratze angezündet haben, obwohl er fest auf eine Liege gefesselt war. Das sind so deutsche Todesarten. „Gute Freunde kann niemand trennen“ hat Beckenbauer 1966 gesungen. Das ist vielleicht nicht nur Schlagerkitsch, das stimmt sogar ungefähr, aber zur Zeit der Liedveröffentlichung waren die Profispieler keine Freunde mehr, sondern wurden Solo-Unternehmer, denen es darum geht, Spielstärke in Marktmacht umzumünzen. Man kann diesen Prozess in Hans Wollers Biographie über Gerd Müller aus dem Jahr 2019 sehr gut nachverfolgen (München: Beck Verlag). Damals begann das große Geld in den Fußball zu kommen. Berührt hat mich der Bericht über die Weltmeisterschaft 1962 in Chile. Man weiß bei jedem Wort, bei jeder Zeile, die man liest, was kommen wird, am 11. 09. 1973. Der Bericht darüber gab mir das Gefühl von einer Zeit zurück, in der auch für mich im Fußball nicht alles egal war.

Foto:
FIFA-Plakat zur WM 1934 im faschistischen Italien
FIFA-Logo für die WM 2026

Info:
Carlos Gomes, Glenn Jäger: Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Köln: PapyRossa Verlags GmbH 2026.  28,00 Euro
ISBN 978-3-89438-867-6