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Kategorie: Bücher

TitelllÜber das erste Schreibretreat „Erzähl dich“ an der Algarve

Roswitha Cousin

Berlin (Weltexpresso) - Der Buchmarkt erlebt seit Jahren eine stille Verschiebung. Neben Romanen, Sachbüchern und politischer Analyse wächst ein anderes Feld stetig: autobiografische Texte, Memoirs, persönliche Essays, Lebensgeschichten. Menschen schreiben über Herkunft, Brüche, Migration, Krankheit, Arbeit, Familie. Über das, was sie geprägt hat – und über das, was sich erst im Rückblick als bedeutsam zeigt.


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Auffällig ist dabei: Viele dieser Texte entstehen nicht aus literarischem Ehrgeiz, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Aus dem Wunsch, Ordnung zu schaffen. Zusammenhänge zu erkennen. Die eigene Geschichte ernst zu nehmen, bevor sie verblasst.

Genau hier setzte das erste Schreibretreat „Erzähl dich – autobiografisches Schreiben an der Algarve“ an.


Schreiben jenseits von Selbstdarstellung

Drei Tage lang kamen Teilnehmerinnen an einem ruhigen Ort im Süden Portugals zusammen, um sich schreibend mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Nicht als Therapie, nicht als Coaching, nicht als Bühne. Sondern als Arbeit.

Der Ablauf war klar strukturiert: kurze theoretische Impulse zu Formen autobiografischen Schreibens – Autobiografie, Memoir, autofiktionales Erzählen – wechselten sich mit intensiven Schreibphasen ab. Dazwischen: Lesen. Zuhören. Gespräche. Pausen.

Ein zentraler Unterschied zu vielen Schreibformaten zeigte sich schnell: Geschrieben wurde nicht „für die Schublade“ und auch nicht für sofortige Veröffentlichung. Die Texte, die im Retreat entstanden, wurden im geschützten Rahmen gelesen und nicht bewertet, sondern gespiegelt. Erst im Lesen, mit Abstand, wurden Muster sichtbar: wiederkehrende Themen, Leerstellen, Umgehungen, aber auch überraschende Klarheit.

An Erinnerungen herankommen – auch an schwierige

Ein besonderer Fokus lag auf der Frage, wie Erinnerungen überhaupt zugänglich werden. Nicht nur die schönen, sondern auch die sperrigen, schmerzhaften, lange verdrängten.

Die Schreibübungen arbeiteten bewusst mit Sinneseindrücken, mit Sprache, mit Zeit. Nicht mit Druck. Erinnerungen sollten sich zeigen dürfen, nicht erzwungen werden. Manche Texte blieben leicht, andere emotional. Beides hatte Platz.

draußenbbEine Teilnehmerin, Renate, beschreibt ihre Erfahrung so:
„Ich hatte Blockaden, die ich seit Jahren mit mir herumgetragen habe. Durch das Schreiben haben sie sich gelöst. Es war wunderbar – und sehr emotional.“

Solche Rückmeldungen waren kein Ziel des Retreats, aber sie zeigten, was möglich wird, wenn Menschen einen tragfähigen Raum finden.

Wurzeln und Flügel

Inhaltlich ließ sich die Arbeit an den Texten immer wieder auf grundlegende Fragen zurückführen. Fragen, die viele Menschen beschäftigen, oft ohne Worte dafür zu haben. Woher komme ich? Was hat mich geprägt? Welche Entscheidungen ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben? Was möchte ich weitergeben?

Die zehn Gründe, die später auch Grundlage einer begleitenden Postserie wurden, lassen sich wie eine Landkarte autobiografischen Schreibens lesen: Wurzeln spüren und Flügel entwickeln. Erinnerungen festhalten, bevor sie verschwinden. Spuren lesen. Perspektiven erweitern. Rote Fäden erkennen. Ein Vermächtnis schaffen. Vergangenes einordnen. Zeitzeugenschaft übernehmen. Orientierung finden. Und schließlich: sich selbst näherkommen – Satz für Satz.

Dabei ging es nie um große Gesten. Sondern um Genauigkeit. Um Sprache. Um Verantwortung – auch gegenüber anderen Menschen, die Teil der eigenen Geschichte sind.

die zweiZwei Frauen, ein gemeinsamer Raum

Geleitet wurde das Retreat von Bettina Haskamp und Susanne Tenzler. Beide bringen unterschiedliche berufliche Hintergründe mit, teilen aber eine Haltung: autobiografisches Schreiben als ernsthafte, respektvolle Arbeit.

Mehrere Teilnehmerinnen beschrieben die Leitung als „kompetent“, „zugewandt“ und „klar“. Eine schrieb rückblickend:
„Bettina und Susanne sind zwei wunderbare Frauen, die genau wissen, was sie tun und gleichzeitig Raum lassen.“

Vielleicht ist genau diese Mischung entscheidend: Struktur ohne Enge. Begleitung ohne Vereinnahmung.

Weitergehen

Das erste Retreat ist inzwischen abgeschlossen. Doch das, was dort begonnen hat, wird weitergeführt für andere, am nächsten Ort.

Vom 10. bis 12. April findet „Erzähl dich“ erneut statt, diesmal an der Westküste der Algarve, direkt am Meer. Weitere Termine sind von Februar bis November an unterschiedlichen Orten der Region geplant – zwischen Atlantik, Fluss und Küste.

In einer Zeit, in der Sichtbarkeit oft mit Lautstärke verwechselt wird, setzt dieses Format bewusst früher an. Vor dem Buch. Vor der Veröffentlichung. Vor der Bühne.
Am Anfang.


Fotos:
©Redaktion

Info:
Erzähl dich – autobiografisches Schreiben an der Algarve
Workshops von Februar bis November
Nächster Termin: 10.–12. April · Budens (Westküste)
www.erzaehldich-portugal.de