Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 31. Dezember 2025, Teil 4Mohammed AISSAOUI
Paris (Weltexpresso) - Als ich vor den Dreharbeiten von der Rolle der Marie Cardona erzählte, reagierten die Leute oft überrascht: ‚Es gibt eine weibliche Figur in „Der Fremde“?‘ Es war spannend für mich, François über die Figur sprechen zu hören, denn ich wusste, dass er ihr einen besonderen Platz einräumen wollte. François ist ein Meister darin, die Frau, die Schauspielerin und die Figur miteinander zu verbinden.
Ich liebe die Beziehung, die Marie zu Meursault hat. Ich nde es toll, dass sie ihn trotz allem liebt, selbst wenn er distanziert, gleichgültig und emotionslos wirkt. Marie sagt viel über die Liebe aus, aber sie veranschaulicht auch die Stellung der Frau in dieser Zeit.
Ich liebte sie so, wie sie in Camus’ Roman erschien – vielleicht eine Personizierung der unerwiderten Liebe – aber durch François’ Blick und Regie erhält sie eine weitere Dimension. Als Schauspielerin war es meine Aufgabe, ihr die Tiefe zu verleihen, die sie verdient. Tatsächlich glaube ich, dass sie diese Tiefe bereits hatte, auch wenn ich manchmal noch versuche herauszunden, „IchliebeMarie,weilsiedasGlückverkörpert, verliebtzusein.“ wer sie ohne Meursault ist oder ob sie durch seine Nähe ein wenig wie Meursault wird ... Gleich und Gleich gesellt sich gern, wie man so schön sagt.
In den Filmen, die ich bisher gedreht habe, habe ich oft Charaktere mit einem starken Innenleben gespielt – Kreuzritter, Intellektuelle. Mit Marie Cardona bot mir François die Rolle einer verliebten Frau, einer sinnlichen Frau.
In dem Roman erinnert sich Meursault, als er im Gefängnis sitzt, an Marie: „ein sonnengoldfarbenes Gesicht, erhellt von Begierde“. Sie ist die Verkörperung der Sonne, der Begierde, der Liebe, der Sinnlichkeit ... Sie verkörpert die pure Lebensfreude trotz der Absurdität des Daseins. Ich erinnere mich an einen Experten, der sagte: „Marie ist Camus!“
Ich liebe diese Figur auch, weil sie das Glück verkörpert, verliebt zu sein. Es gibt ein Zitat von Camus, das dies gut erklärt: „Denn es ist nur Pech, nicht geliebt zu werden; es ist Unglück, nicht zu lieben“. Genau das denke ich auch.
Marie Cardona ist eine mutige Frau und vor allem für ihre Zeit sehr frei, frei in Geist und Körper – sie willigt ein, am ersten Abend zu Meursaults Haus zu gehen, während er eine schwarze Armbinde trägt. Sie verkörpert Lebensfreude.
Als sie bei der Gerichtsverhandlung mit Djemila spricht, möchte François zeigen, dass sie eine der Figuren ist, die zu Empathie fähig ist, und die einzige, die sich bewusst ist, was Kolonialisierung bedeutet.
Ich habe mir nicht nur François und seine Absichten für die Rolle angehört, sondern auch „Der Fremde“ dreimal gelesen. Während der Dreharbeiten hatte ich auch „Der erste Mensch“ und zwei Kurzgeschichtensammlungen dabei: „Hochzeit“ und „Sommer“, die sich um die gleichen Themen drehen. Ich habe mich auch an die Blumen geklammert, die in dem Roman erwähnt werden, weiße Affodillen, die Marie vor dem Mord auf dem Weg zum Strand verstreut. Ich sah, dass diese Blumen Frieden, Ruhe und Reinheit symbolisieren.
Ich dachte auch über stille Wut nach, über Entwurzelung, über das Gefühl, ein Fremder zu sein – für sich selbst, für andere. Ich dachte über das Warten nach: auf Veränderung, sowohl persönlich als auch politisch, auf Meursaults Liebe, auf eine Reaktion, auf eine Heirat, auf einen Blick im Gerichtssaal während des Prozesses. Als er in dem Buch Maries Blick im Publikum bemerkt, sagt Meursault, er habe „sogar vergessen, nach ihr Ausschau zu halten“.
©Verleih
Info:
DER FREMDE
Ein Film von
FRANÇOIS OZON
Originaltitel: L’Étranger
Frankreich 2025
Kinostart: 1. Januar 2026
Laufzeit: 122 min
FSK: ab 12 Jahren (beantragt)
Besetzung
Meursault Benjamin Voisin
Marie Cardona Rebecca Marder
Raymond Sintès Pierre Lottin
Salamano Denis Lavant
Der Geistliche Swann Arlaud
Richter Christophe Malavoy
Staatsanwalt Nicolas Vaude
Untersuchungsrichter Jean-Charles Clichet
Meursaults Mutter Mireille Perrier
Djemila Hajar Bouzaouit
Moussa Abderrahmane Dehkani
Céleste Jérôme Pouly
Peger im Altersheim Jean-Claude Bolle-Reddat
Masson Christophe Vandevelde
Leiter des Altersheims Jean-Benoît Ugeux
Stab
Regie & Drehbuch François Ozon
Drehbuch Philippe Piazzo
basierend auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus
Abdruck aus dem Presseheft