Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 31. Dezember 2025, Teil 5
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Es gibt in der arabischen Welt Ärzte, die nicht mehr vorhandene Jungfernhäutchen (von denen wiederum andere Ärzte behaupten, es gäbe sie gar nicht) ‚reparieren‘, also die ‚Unschuld‘ wiederherstellen. So etwas wünscht man sich, wenn man nun den Film DER FREMDE beurteilen soll, der ja auf dem gleichnamigen, damals weltweit berühmten Werk von 1942 von Albert Camus, als die Deutschen den größten Teil Frankreichs besetzten, beruht. Aber, was bei einem Häutchen äußerlich funktioniert, geht mit dem eigenen Gedächtnis leider nicht. Man kann einfach nicht so tun, als ob man den Roman nicht gelesen hat, wenn man denn das Buch doch gelesen hatte.
Na gut, könnte man weiter folgern, wenn man in der Jugend, als der Existentialismus, dem Buch und Autor zugerechnet werden, sicher auch als Folge des Krieges angesagt war, geradezu eine Mode, dies Buch gelesen hatte, dann ist doch heute, soviel Jahrzehnte danach eine völlig andere Situation und man müßte das Buch erneut lesen, um die Ausgangssituation für den Film aktuell zu halten. Genau das ist eben falsch. Ein Buch hinterläßt, völlig unabhängig, wann man es gelesen hatte, einen Eindruck, ein Gefühl, einen Sinn, ein Verständnis, eine Empfindung und noch mehr. Und all das stellte sich beim Anschauen und Erleben des neuen Films DER FREMDE von François Ozon überhaupt nicht ein. Auch gut, könnte man nun weiter schließen, dann steht der Film halt für sich. Problem: Man sieht einen jungen Mann, erfährt von seinem Leben, sein Aufenthalt in Algerien, man bekommt mit, dass gefühllos seine Mutter beerdigt etc. – und fühlt ebenfalls nichts. Und hierin liegt ein filmisch existentielles Problem: das Medium Film ist grundsätzlich eine Gefühlsschleuder. Der Film kann Berge versetzen und uns in andere Sphären.
Wenn nun aber ein Film das genau nicht will, dann ist sozusagen sein Pulver verschossen – oder feucht geworden. Deshalb hilft nur eins, sowohl Handlung wie auch filmisch Auffälliges wiederzugeben, denn dass dieser Film von Besetzung und Machart her qualitativ hochwertig ist, das sieht man, man fühlt es nur nicht.
Es beginnt mit dem Schluß. Wir sind in der, in den Dreißiger Jahren noch immer von den Franzosen eingenommenen Kolonie Algerien, wogegen es längst politische Widerstände gibt, wie man an der Mauer lesen kann, an der entlang der Algerienfranzose Meursault(Benjamin Voisin ) zum Gefängnis geführt wird, bei dessen Eintritt er nach seiner Schuld, dem Anlaß der Haft gefragt wird und emotionslos antwortet: „ Einen Araber getötet.“ (Buch: "Weil ich den Araber erschossen habe.") Wer glaubt, die Aussagen seien dieselben, irrt. Im Film wird die Sinnlosigkeit durch den unbestimmten Artikel „ein“ hervorgehoben, während der Text immerhin den bestimmten Artikel wählt: „den Araber“. Dafür bleibt aber der Text bei der Anonymität des Arabers, im ganzen Buch findet sich kein Name, aber der Film macht ihn zu einem Raymond Sintès.
Dann folgt der Tod der Mutter, mit dem der Roman beginnt. Die Mutter ist in der Einrichtung, in der sie lebte, gestorben und der Sohn zeigt sich jeglicher Empathie unfähig. Er absolviert das muslimische Totenritual, sitzt die Nacht bei der Mutter, aber schon dort fällt den Umstehenden und Umsitzenden auf, dass er keinerlei Emotion zeigt, bis auf Langeweile. Das setzt sich fort. Die Fremdheit der Situation für den Zuschauenden wird durch das Schwarz-Weiß, für das sich Regisseur François Ozon entschieden hat, verstärkt. Dies Schwarz-Weiß schafft in sonnenreichen Ländern scharfe Schatten, alle Konturen werden hervorgehoben und die Welt wird ein unwirtlicher Ort. Gleichzeitig haftet dieser Welt aber auch eine Künstlichkeit an und diese Künstlichkeit setzt sich in der Gestalt des Meursault fort. Aber gerade das ist es, was Marie Cardona (Rebecca Marder) fasziniert und interessiert.
Es beginnt eine Liebesbeziehung. Die beiden sind in der Sonne und nun nimmt das Schwarz-Weiß eine andere Funktion an. Es verstärkt die Hitze und auch die Beziehung der beiden. Fast kommt einem Meursault lebendig vor, aber nur fast. Als beide den Strand entlang gehen, stoßen sie auf einen schlafenden Araber. Es ist fast irrelevant, wie es dazu kommt, dass Meursault ihn erschießt. Denn erst hat es dieser auf ihn abgesehen. Es hätte also Meursault auf Notwehr plädieren können, aber seine Gleichgültigkeit der Welt und den Menschen gegenüber schließt seine eigene Person mit ein.
Eine größere Rolle spielt dazwischen ein Nachbar, ein vulgärer Typ, der seine, ihn besuchende Freundin nicht nur mies behandelt, sondern schlägt. Dies wird immer wieder gezeigt und auch die Szenen, in denen Meursault alles mitbekommt, auch nicht einverstanden ist, aber nicht so eingreift, wie man es erwarten darf.
Und so verläßt man einen kunstvollen Film, der einen nicht berührt, weil dies ja auch nicht die Absicht war.
Foto:
©Verleih
Info:
DER FREMDE
Ein Film von
FRANÇOIS OZON
Originaltitel: L’Étranger
Frankreich 2025
Kinostart: 1. Januar 2026
Laufzeit: 122 min
FSK: ab 12 Jahren (beantragt)
Besetzung
Meursault Benjamin Voisin
Marie Cardona Rebecca Marder
Raymond Sintès Pierre Lottin
Salamano Denis Lavant
Der Geistliche Swann Arlaud
Richter Christophe Malavoy
Staatsanwalt Nicolas Vaude
Untersuchungsrichter Jean-Charles Clichet
Meursaults Mutter Mireille Perrier
Djemila Hajar Bouzaouit
Moussa Abderrahmane Dehkani
Céleste Jérôme Pouly
Peger im Altersheim Jean-Claude Bolle-Reddat
Masson Christophe Vandevelde
Leiter des Altersheims Jean-Benoît Ugeux
Stab
Regie & Drehbuch François Ozon
Drehbuch Philippe Piazzo
basierend auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus