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Kategorie: Film & Fernsehen
meatSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 31. Dezember 2025, Teil 11

Redaktion 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – WAS WAR DER AUSGANGSPUNKT FÜR HOLY MEAT – UND WANN WUSSTEN SIE, DASS DARAUS EIN SPIELFILM WERDEN SOLL?

Ganz am Anfang stand der simple Gedanke, eine kommerzielle Komödie über das deutsche Stadt-Land-Gefälle zu schreiben. Ich bin selbst auf dem Dorf aufgewachsen und unmittelbar nach meinem Schulabschluss in die Großstadt abgehauen, wodurch sich eine Menge filmreifer Erfahrungen und Beobachtungen angesammelt hatten. Glücklicherweise erhielt ich eine
Stoffentwicklungsförderung für die Grundidee eines abstrusen, provinziellen Laientheaterstücks, das aus dem Ruder läuft, und wollte diese parallel zu meinem Regiestudium an der Filmuni Babelsberg zunächst nur als Autorin vorantreiben.

Irgendwann landete das Projekt auf dem Schreibtisch der wunderbaren SWR-Redakteurin Stefanie Groß, die meine bisherigen Werke mochte und mir anbot, mit diesem mein Langspielfilmdebüt als Regisseurin zu geben. Da ich ursprünglich nie intendiert hatte, diesen Film selbst zu inszenieren, begann nun die eigentliche Entwicklungsarbeit - ich musste den Stoff aus meiner eigenen Perspektive neu entdecken und ihn mir so weit zu eigen machen, bis ich das Gefühl hatte, wirklich die richtige Regisseurin dafür zu sein.



IHRE EIGENE SCHULZEIT AUF EINER KATHOLISCHEN KLOSTERSCHULE WAR PRÄGEND FÜR DIESEN FILM. WIE SEHR FLIESST DIESE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG IN DIE GESCHICHTE EIN?

Ohne diese persönlichen Erfahrungswerte hätte die Geschichte niemals entstehen können. Dabei war aber nicht nur die Klosterschule ausschlaggebend, sondern das gesamte, sehr
katholische Umfeld, in dem ich meine Kindheit und Jugend zugebracht habe. Dadurch bin ich früh in Kontakt mit den Licht-, aber auch mit den Schattenseiten der katholischen Kirche
gekommen und hatte schon lange das Bedürfnis verspürt, diese in filmischer Form zu untersuchen.


WARUM HABEN SIE SICH ENTSCHIEDEN, SOLCH EIN SCHWERES THEMA ALS SCHWARZE KOMÖDIE ZU ERZÄHLEN?

Gerade darin lag für mich der größte Reiz dieses Projekts. Es ist mir wichtig, mir immer neue, filmische Herausforderungen zu suchen und eben nicht den naheliegendsten Weg zu wählen - der in diesem Fall wohl eine dramatische oder gar dokumentarische Form gewesen wäre. Als Filmemacherin habe ich große Freude daran, Dinge miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen wollen, und damit im besten Fall Horizonte zu erweitern.

Bei HOLY MEAT betrifft das nicht nur das Genre, sondern auch die ungewöhnliche Konstellation unserer Figuren. Darüber hinaus sehe ich im Genre der Komödie das große Potenzial,
ein breites Publikum zu erreichen und diesem zugleich neue Denkanstöße mitgeben zu können. Ich bin der Überzeugung, dass Humor oft der direkteste Zugang zu ernsten Themen ist
und Menschen auf eine Weise verbindet, wie es kaum etwas anderes vermag.



WAS INTERESSIERT SIE AN DER VERBINDUNG VON RELIGION, THEATER UND MACHT?

Alle drei Aspekte waren prägende Bestandteile meines bisherigen Lebens. Durch meine bisherigen filmischen Arbeiten wie den Kinodokumentarfilm THE CASE YOU, der einen Fall von
Machtmissbrauch in der Filmbranche behandelt, habe ich mich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Themenkomplex struktureller Macht auseinandergesetzt. Spannend finde
ich, dass sich unter dieser Lupe betrachtet, sehr viele Parallelen zwischen dem Theater- oder auch Kulturbetrieb und organisierten Religionsgemeinschaften auftun. In beiden Kontexten geht es viel um Abhängigkeiten, um Hierarchien, darum, Erwartungen zu erfüllen, den eigenen Ruf zu wahren und dafür womöglich sogar über Leichen zu gehen. Die Liste ist lang.


DER FILM ERZÄHLT DIE HANDLUNG AUS DREI PERSPEKTIVEN – REGISSEUR, METZGERIN, PRIESTER. WIE IST DIESE STRUKTUR ENTSTANDEN, UND WAS ERMÖGLICHT SIE ERZÄHLERISCH?

Die Erzählweise dieses Triptychons mit wechselnden Perspektiven erlaubt es uns, jeder der drei Hauptfiguren nahezukommen und aufzuzeigen, dass jemand aus dem einen Blickwinkel die Rolle des Antagonisten einnehmen kann, während die Dinge aus dessen eigener Subjektiven völlig anders auszusehen vermögen. Man könnte sagen, diese dramaturgische Struktur ist eine Metapher für Empathie – ganz im Sinne von: Lauf erst eine Meile in den Schuhen Deines Gegenübers, bevor Du Dir ein Urteil erlaubst.

In frühen Drehbuchfassungen war mal alles aus der Perspektive des Regisseurs erzählt – vermutlich, weil seine Figur meiner eigenen Lebensrealität einfach am nächsten war – doch je
tiefer ich in die eigentliche Prämisse des Films eingetaucht bin, desto klarer wurde mir, dass die Dinge nicht so eindimensional sind und eben auch nicht sein dürfen, wenn man solche ernsten Themen verhandelt. Daraus entstand schließlich die Idee der dreifaltigen Erzählstruktur.



WELCHE VISUELLEN ODER FILMISCHEN VORBILDER HABEN SIE BEI DER GESTALTUNG VON HOLY MEAT INSPIRIERT?

Zur Inspiration für unser abstruses Theaterstück innerhalb des Films habe ich mich viel mit zeitgenössischer Theater- und Performancekunst auseinandergesetzt, die gezielt mit  Provokationen spielt, wie zum Beispiel die Werke von Hermann Nitsch oder Florentina Holzinger. Das war ein großer Spaß. Für den Film selbst haben wir uns zur Einstimmung vor allem
internationale Komödien angeschaut – zum Beispiel von den Coen Brothers, Martin McDonagh, Anders Thomas Jensen oder auch Giorgos Lanthimos. Dabei war mir wichtig zu verstehe,
wieso bestimmte Ansätze in anderen Produktionsländern so gut funktionieren und wie sich diese auf unsere deutsche Realität übertragen lassen.


DER FILM BEWEGT SICH ZWISCHEN LITURGIE UND RAUSCH, ZWISCHEN KIRCHE UND CLUB. WIE HABEN SIE DAS AUDIOVISUELL UMGESETZT?

Bildlich haben Szenenbildnerin Paula Trimbur und Kameramann Matthias Reisser tolle Arbeit geleistet, indem sie mit gezielter Überhöhung verdeutlicht haben, dass keine der gezeigten
Welten eine dokumentarische Abbildung ist, sondern eine filmische Zuspitzung, in der das Absurde möglich wird. UnserFarbkonzept orientiert sich dabei an den liturgischen Farben des Kirchenjahres - Rot, Violett und Grün -, die sich durch den gesamten Film ziehen. In der Cadrage arbeiten wir viel mit totalen Einstellungen, die dem Ensemble eine Art Theaterbühne
eröffnen, sowie mit Weitwinkelobjektiven, welche die Charaktere stets in den Kontext ihrer jeweiligen Umwelt setzen und zugleich eine leicht entrückte Wirklichkeit schaffen.

Auf der auditiven Ebene haben Sounddesignerin Bettina Bertók-Thumm und Mischtonmeister Michael Thumm die subjektive Wahrnehmung jeder Hauptfigur liebevoll herausgearbeitet.
Wer genau hinhört, wird erkennen, dass jedes Kapitel ein wenig anders klingt. Unser Komponist Christian Dellacher konnte sich hier natürlich so richtig austoben und seine ganze
musikalische Bandbreite zeigen - von sakralem Choral über harten Techno bis hin zu einer Musicalnummer à la Spice Girls.

Die Tanzchoreografien dazu stammen übrigens von keinem Geringeren als dem kanadischen Star-Choreografen Eric Gauthier.



SIE HABEN EIN DIVERSES ENSEMBLE BESETZT – UNTER ANDEREM MIT SCHAUSPIELER*INNEN MIT BEHINDERUNG. WELCHE HALTUNG STAND HINTER DIESER ENTSCHEIDUNG?

Unser Film lebt von dem genialen Ensemble, das die talentierte Stephanie Maile gecastet hat. Uns ist es immer wichtig, auf der Leinwand nicht nur eine kleine, exklusive Auswahl von Menschen zu zeigen, sondern das tatsächliche Leben in seiner ganzen, wunderbaren Vielfalt zu repräsentieren. Wenn man sich in der Welt – sei es in der Stadt oder auf dem Dorf - umschaut, trifft man eben auf Menschen mit und ohne Behinderung, auf Menschen diverser ethnischer Backgrounds, auf Menschen über 80 – viele dieser Gruppen werden von Film
und Fernsehen jedoch oftmals aufgrund von Bequemlichkeit oder Berührungsängsten übergangen. Dabei schlummern unserer Meinung nach hier so viele unausgeschöpfte Potentiale
und erzählenswerte Charaktere. Wir haben uns riesig gefreut, mit diesem Film einige davon zum Leben erwecken zu dürfen.



WIE HABEN SIE MIT JENS ALBINUS, HOMA FAGHIRI UND PIT BUKOWSKI GEARBEITET – WAS WAR IHNEN IM ZUSAMMENSPIEL WICHTIG?

Mit diesen Dreien zu arbeiten war eine riesige Bereicherung. Im Vorfeld hatten wir die Rollen bereits intensiv gemeinsam erarbeitet, sodass wir sie zum Zeitpunkt des Drehs in und  auswendig kannten und mit ihnen spielen konnten. Eine Komödie lebt stark von Timing und Musikalität - wir haben am Set also genauso viel Zeit mit der exakten Rhythmisierung der Szenen verbracht wie mit der emotionalen Führung der Figuren. Es ging hier um Akzentuierung, Pausierung, Dynamik.
Ich vergleiche die Arbeit der Regie immer gerne mit der einer Dirigentin – Homa, Jens und Pit waren dabei meine Solisten. Inhaltlich war es uns wichtig, differenzierte Charaktere jenseits
gängiger Klischees zu erschaffen: eine Metzgerin, die auf Rachekurs ist und gleichzeitig eine Lovestory haben darf; ein Regisseur, der mehr Fähnlein im Wind als Alphatier - und ganz
nebenbei auch bisexuell - ist, ein Priester, der unmoralisch handelt und trotzdem eine gute Seele hat.



WENN DAS PUBLIKUM DEN KINOSAAL VERLÄSST – WAS WÜNSCHEN SIE SICH, DASS BLEIBT?

Wenn jemand auf dem Nachhauseweg vom Kino angerempelt wird, wünsche ich mir, dass er oder sie nicht gleich losbrüllt, sondern einen Moment innehält und sich fragt: Wie sieht diese
Szene wohl aus der Perspektive der anderen Person aus? Hat sie es eilig, weil sie zu ihrer kranken Mutter muss? Vielleicht hat sie -15 Dioptrien? Oder womöglich wurde sie selbst den
ganzen Tag lang angerempelt und hat niemanden, bei dem sie ihren Frust ablassen kann? Empathie beginnt ja oft mit einem einzigen Perspektivwechsel - und wenn dieser durch den
Kinobesuch angeregt würde, wäre das in meinen Augen das schönste Kompliment für den Film.