Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 8. Januar 2026, Teil 3Marta Bałaga
Berlin (Weltexpresso) – WAS INTERESSIERT DICH SO SEHR AN DEM THEMA GESCHWISTER? Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass man mit seinen Brüdern und Schwestern so viel gemeinsam hat: Man hat dieselben Eltern, gehört derselben sozialen Schicht an und ist am selben Ort aufgewachsen. Roses Bruder wird eines Verbrechens beschuldigt. Sie kennt ihn schon ihr ganzes Leben lang. Sie konnte sich immer wieder auf ihn verlassen. Plötzlich sieht sie eine Seite an ihm, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Das bringt sie dazu, ihre gesamte Sichtweise auf die Menschen, aber auch auf sich selbst zu überdenken. Denn wenn man
seinem eigenen Fleisch und Blut nicht vertrauen kann, wem kann man dann überhaupt noch vertrauen? Wenn dieses Vertrauen einmal verloren gegangen ist, stellt sich als Nächstes die Frage: „Bin ich auch in der Lage, das zu tun, was er getan hat? Was hat ihn dazu gebracht, es zu tun? Habe ich das auch? Und wenn nicht, was ist dann der Unterschied zwischen uns?“
ES GIBT DIESE VORSTELLUNG, DASS DIE FAMILIE IMMER AN ERSTER STELLE STEHEN SOLLTE; DASS MAN DIE MENSCHEN, DIE MAN LIEBT, BESCHÜTZEN SOLLTE, EGAL WAS PASSIERT. ROSE BEGINNT, GENAU DAS IN FRAGE ZU STELLEN.
Wir sehen die Familie gerne als etwas, auf das man sich immer verlassen kann. Diese Menschen sollen einen unterstützen – zumindest ist das die Idee. Aber was passiert, wenn es innerhalb dieses gemütlichen Nests widersprüchliche Interessen gibt? Ich wollte, dass die Kamera Roses mentalen Zustand widerspiegelt. Ihr Zuhause beginnt sich klaustrophobisch anzufühlen, weil es keinen Raum für die jeweiligen Wünsche gibt. An einem Punkt fühlt es sich so an, als würden sich die Wände buchstäblich um Rose herum schließen. Um ihren Bruder zu unterstützen, müsste sie ihre eigene Identität opfern. Sie kann nicht mehr sie selbst sein – es sei denn, sie beschließt, ihre eigene Wahrheit zu leben. Ich habe viel über diese Art von Konflikten nachgedacht und darüber, wie diese Familie am einfachsten weitermachen kann. Und wer entscheidet, wie das zu geschehen hat? Man kann aufhören, mit seinem Bruder zu
sprechen, aber er wird an Weihnachten da sein. Man kann seiner Familie nicht wirklich entkommen. Sie ist in einem eingeprägt und Teil der eigenen Geschichte.
ROSE, GESPIELT VON MARIE BLOCHING, IST SELBST KEINE GANZ STABILE FIGUR. SIE WIRKT VERLOREN, SUCHT NOCH NACH DEM SINN IN IHREM LEBEN. WARUM BIST DU IHR GEFOLGT?
In ihrer eigenen Familie war sie immer das sogenannte „Problemkind“. Ich fand es faszinierend, dass sie nicht karriereorientiert oder besonders unabhängig ist. Wir sind es mittlerweile gewohnt, starke Frauen in Filmen zu sehen. Ich wollte allerdings jemanden zeigen, der wirklich verwirrt ist. Rose ist noch auf der Suche. Wir begegnen ihr in einem Moment der Schwäche, aber das bedeutet nicht, dass sie schwach ist. Sie ist in der Lage, zu ihrem Bruder zu gehen und ihn um Hilfe zu bitten, ihren Kopf auf seine Schulter zu legen. Ich glaube, sie verläßt sich ein wenig zu sehr auf andere – es ist eindeutig eine sehr schmale Grenze. In gewisser Weise haben sie eine Beziehung, die von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist. Rose ist es gewohnt, dieses kleine Mädchen zu sein, das von ihrem älteren Bruder beschützt wird. Und dann muß sie etwas in Frage stellen, das scheinbar in Stein gemeißelt war. Rose ist
impulsiv, sie handelt oft, bevor sie nachdenkt. Ich glaube, mir war es wichtig, dass sie Fehler machen darf. Sie muss einen sehr vielschichtigen Konflikt bewältigen. Und sie gehört nicht zu den Menschen, die genau wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen können. Sie ist nicht ohne Fehler, aber sie lernt, auf ihre eigene Stimme zu hören. Sie verliert vielleicht ihren Bruder, aber sie gewinnt ihr Selbstbewusstsein zurück.
IHR BRUDER SAGT: „ICH BIN KEIN MONSTER.“ OFT NEIGEN WIR DAZU, MENSCHEN, DIE ANDERE SEXUELL MISSBRAUCHEN, ALS GEFÄHRLICHE FREMDE ZU BETRACHTEN, ABER ES KANN AUCH JEMAND SEIN, DEN MAN KENNT UND SOGAR LIEBT. GLAUBST DU, DASS DAS DANN NOCH SCHWERER ZU AKZEPTIEREN IST?
Wir möchten gerne glauben, dass wir „schlechte“ Menschen sofort erkennen können. Im wirklichen Leben funktioniert das aber nicht so. Wir hören schreckliche Geschichten über beispielsweise einen Hollywood-Produzenten und sagen: „Okay, ich werde mir seine Filme nie wieder ansehen.“ Das ist einfach, wenn es jemand ist, den man nicht einmal kennt. Es verändert das eigene Leben nicht. Doch je näher man jemandem steht, desto schwieriger wird es. Wenn etwas direkt vor einem liegt, sieht man es manchmal gar nicht. Aber ich glaube, dass wir, um als Gesellschaft voranzukommen und zu heilen, uns selbst genauer unter die Lupe nehmen müssen. Dank #MeToo haben wir gelernt, wie wir Opfern sexueller Gewalt mehr Raum geben können, was mich wirklich glücklich macht. Aber es ist Zeit für den nächsten Schritt. Wir müssen auch die Täter betrachten. Solange wir nicht anerkennen, dass sie auch Teil unseres direkten Umfelds sein können, wird sich nie etwas ändern. Wir werden einfach weiterhin, „den anderen“ die Schuld geben. Wenn Menschen, die wir lieben, beschuldigt werden, behaupten wir, es handele sich nur um ein Missverständnis, oder dass die Opfer durcheinander seien. Aber die Wahrheit ist, dass es jeder sein kann. Es kann ein ganz normaler Mensch sein, nicht nur ein unheimlicher Fremder in einer dunk - len Gasse. Ich sage nicht, dass man nieman - dem vertrauen soll, aber wir sollten die Art und Weise, wie wir Menschen beurteilen, ge - legentlich hinterfragen. Während unserer Recherchen haben meine Co-Autorin Agnes Maagaard Petersen und ich festgestellt, dass es viele Hilfsorganisationen für Opfer von Gewalt gibt, aber nur sehr wenige, die den Tätern helfen, ihr Verhalten zu verstehen und zu ändern. Als Gesellschaft packen wir immer noch fast die gesamte Last der Be - wältigung der Folgen solcher Gewalt auf die Opfer. Das fühlt sich nicht richtig an.
DEINE FIGUREN SIND SEHR VIELSCHICHTIG. WIE HAST DU SIE MIT DEN SCHAUSPIELER:INNEN ERARBEITET?
Ich liebe es, mit Schauspieler:innen zu arbei - ten. Ich glaube, das ist eine meiner Lieblings - beschäftigungen. Ich bereite mich gerne gründlich vor und lasse viel proben, lerne die Schauspieler:innen kennen und versuche zu verstehen, wie sie Informationen verarbei - ten. Für Marie Bloching und Anton Weil, der Roses Bruder spielt, haben wir dafür gesorgt, dass sie Zeit haben, eine Beziehung zueinan - der aufzubauen. Man sollte ihnen glauben können, dass sie diese ganze Geschichte tei - len. Es hilft auch, wenn man den Darstel - ler:innen Raum für Geheimnisse lässt. Die Schauspieler:innen sollten immer etwas wis - sen, das sie nicht mit anderen teilen müssen. Letztendlich liegt es vor allem an ihnen, ihre Figuren komplex erscheinen zu lassen. Die Zusammenarbeit mit Marie war so schön, weil sie so intuitiv und präsent ist. Sie weiß, was sie zeigen und was sie verbergen muss, und sie schafft diesen Ausgleich mit solcher Leichtigkeit. Das scheint ihr ganz natürlich zu gelingen, was wirklich beeindruckend ist.
IN EINER SZENE WIRD ROSE VERHÖRT — DENN DIE JUNGE FRAU, DIE SAM BESCHULDIGT, SAH ROSE, ALS SIE DIE WOHNUNG VERLIESS. HAST DU AUCH MIT MENSCHEN GESPROCHEN, DIE MISSBRAUCH ERLEBT HABEN? ODER MIT DENEN, DIE DIESEN HELFEN, GERECHTIGKEIT ZU FINDEN?
Ich habe selbst sexuelle Gewalt erlebt. Ich weiß, dass es viele Schritte auf dieser Reise gibt, solche Erfahrungen zu verarbeiten. Für mich persönlich wurde es irgendwann wich - tig, den Täter als Menschen zu sehen. Auf diese Weise hatte er keine Macht mehr über mich. Er war kein Monster mehr, dem ich nicht gewachsen war. Wir haben für diesen Film viel recherchiert. Wir haben mit dem Freund eines verurteilten Vergewaltigers, mit Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und vielen anderen gesprochen. Vor den Dreharbeiten habe ich mit Polizist:innen und Ermittler:innen gesprochen, die sich eben - falls mit sexueller Gewalt befassen. Sie ga - ben mir Einblicke, wie man ein Verhör durch - führt. Ich habe eine kleine Fallstudie erstellt und sie am Ende gebeten, diese bestimmte Szene zu lesen und zu kommentieren – sie sagten mir, wie sie gewisse Fragen formulie - ren würden und was sie in dieser Situation nicht tun würden.
DAS ENDE DES FILMS BLEIBT ZWAR AUF GEWISSE WEISE OFFEN. ABER MÖCHTEST DU DIE ZUSCHAUER:INNEN DAMIT ZUM HANDELN ERMUTIGEN? SICH ZU ÄUSSERN, ANSTATT ZU SCHWEIGEN?
Rose ist nicht direkt in diesen Konflikt verwi - ckelt, und doch ist sie die Protagonistin. Als ich den Film zum ersten Mal als Work-in-Pro - gress vorgestellt habe, schienen die Leute sehr an dieser Perspektive interessiert zu sein. Sie ist weder das Opfer noch die Täterin. Was kann sie tun? Wir kennen alle das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Daran knüpft der Film an. Ihr Bruder tut ihr nichts an, son - dern einer anderen Frau, aber seine Handlun - gen hallen dennoch in Roses ganzem Körper nach. Was er tut, beeinflusst auch ihr Leben. Es bringt etwas zum Vorschein, von dem sie nicht wusste, dass es da war. Ich denke, mein Hauptziel mit diesem Film ist es, eine Diskus - sion anzustoßen. So viele Menschen glau - ben, dass sie keine Macht haben. Sie sehen, wie etwas Schlimmes passiert, und denken: „Ich kann nichts dagegen tun. Was macht es schon für einen Unterschied, wenn ich nur ein unschuldiger Zuschauer bin?“ Das stimmt nicht. Wir alle haben die Macht, Dinge zu verändern.
Foto:
©Bahar Kaygusuz
Info:
SCHWESTERHERZ
Regie Sarah Miro Fischer
Drehbuch Sarah Miro Fischer · Agnes Maagaard Petersen
Kamera Selma von Polheim Gravesen
Mit Marie Bloching · Anton Weil · Proschat Madani · Laura Balzer · Jane Chirwa
Aram Tafreshian · David Vormweg
Abdruck aus dem Presseheft