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Kategorie: Film & Fernsehen
b2Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 5


Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – In einem früheren Interview erzählten Sie, dass Mutter-Werden Ihnen das Gefühl vermittelt hat, in eine andere Sphäre katapultiert zu werden. Steht Ihr Eröffnungsbild mit der Raketenbahn im Wiener Prater symbolisch für dieses Gefühl.




Ja diese Kugel ist ein Symbolbild, wie Julia in dieser Geschichte in eine andere Welt geschossen wird. Ihre Welt steht mit einem Mal auf dem Kopf. Nichts ist mehr, wie es war. Das Muttersein wird Frauen ja oft als etwas verkauft, dass sie erst damit eine vollständige, erfüllte und vermeintlich glückliche Frau werden. In Wirklichkeit zerbrechen die Realitäten vieler Frauen genau in dem Moment, in dem sie einen Säugling zur Welt bringen. Plötzlich wird ihre Selbstbestimmtheit völlig in Fragen gestellt. Sie müssen sich mit neuen Rollenbilder auseinandersetzen, weil ihre Partnerschaften doch nicht so emanzipiert sind, wie sie bis dahin angenommen haben. Ihr Körper ist völlig aus der Form geraten. Ihr Beruf, der ihre Identität war, rutscht in einen diffusen Hintergrund. Sie stehen vor den Scherben ihrer Existenz und müssen sich neu zusammenbauen. Das ist nun eigentlich genau das Gegenteil von der Erfüllung, die sie sich erwartet haben.


Das Wort „Mutterglück“ (lange auch der Arbeitstitel des Films), ist ein Begriff, der kein Pendant im Englischen hat, der im Deutschen als eine unumstößliche Gegebenheit zu gelten scheint. Erinnern Sie sich noch an Ihre Gedanken dazu, bevor Sie selbst Mutter waren? Wie betrachten Sie ihn aus heutiger Sicht?

Ich finde, dass die Themen Schwangerschaft, Geburt und die ersten Jahre, wo die Babys so klein sind und als besonders süß empfunden werden, extrem mit einer Verklärung aufgeladen sind. Den Frauen (inzwischen auch den Vätern) wird ein Versprechen gegeben, das sich in den wenigsten Fällen so einlöst. Die Geschichte meiner Hauptfigur Julia macht deutlich, dass das, worüber man nicht spricht, auch nicht existiert. Da die Geschichte der Menschheit eine patriarchale Geschichte und eine männliche Erzählung ist, wird bei vielen weiblichen Aspekten – dazu gehören Kinderkriegen, Geburt und die Zeit mit ganz kleinen Kindern – ausgespart, was diese alles mit sich bringen. In kurzen Momenten ist es in der Tat sehr schön, es ist aber auch unheimlich langweilig und bedrückend. Es hat eine Schwere, viel Zeit mit kleinen Kindern allein, ohne Ansprache, ohne Feedback, Tag für Tag in einer reinen Versorgerrolle zu verbringen. Es erstaunt mich nicht, dass viele Frauen in dieser Zeit depressiv werden.


Mutter-Sein als erfüllender Zustand ist auch ein medial transportiertes Konzept, das jene Frauen in Bedrängnis bringt, bei denen sich dieses Gefühl nicht einstellt.  Besteht ein Motiv für Ihren Film auch darin, einen Diskussionsanstoß zu liefern?

Auch da geht es um die Erzählung. Ich habe gerade das Buch Mutterschaft von Sheila Hez gelesen, die sich sehr ausführlich mit der Frage des eigenen Kinderwunsches auseinandersetzt. Will man sein Leben, das man gerade sehr mag, aufgeben? Irgendwie weiß man ja, dass sich dann alles ändert. Es lässt sich rundherum beobachten, dass vor allem die Frauen dann voll belastet sind, denn eine echte gleichberechzgte Aufteilung gibt es ja in den wenigsten Fällen. Ich muss für mich persönlich sagen, ich war mir auch nie sicher; ich hatte früher keinen Kinderwunsch. Ich fand es spannend zu entdecken, wie sich die Autorin des Buches mit dieser Frage auseinandersetzt, es hat mich zutiefst an meine eigenen Gedanken und Abwägungen erinnert. Es war mir nur nie bewusst, dass sich auch andere mit dieser Frage beschäftigen. Ich dachte immer, dieses Dilemma zu verspüren, sei einzig und allein mein Problem. Mein Eindruck war, dass die meisten Frauen immer schon wussten, dass sie unbedingt ein Kind wollten, während ich diese Sehnsucht nicht verspürt habe.


Finden Sie als Filmemacherin, dass es dringend an der Zeit ist, andere NarraWve ins Licht zu rücken?

Ich finde es sehr wichzg, dass endlich Prominente über ihre Fehlgeburten, über ihre postnatale Depression sprechen. Umgekehrt arbeiten die „Instagram-World“ bzw. die sozialen Medien ganz generell in die Gegenrichtung, weil dort alles total verklärt wird. Man kann Instagram-Mütter verfolgen, die ihre unheimlich süßen Babys in einer unglaublich schönen Welt inszenieren. Das ist ein Versprechen, das auch eine Sehnsucht kreiert. Die Ambivalenz zwischen der tagtäglichen Realität und dem, was über die Kanäle in unseren Alltag gespült wird, damit muss jede erst einen Umgang finden. Ich glaube, es ist extrem wichzg, mehr darüber zu sprechen und uns darüber auszutauschen. In den Medien sind nun viel mehr Autorinnen präsent, die über ihre Erfahrungen schreiben, wie es ist, ein Kind zu haben, gleichzeizg zu arbeiten und die Erschöpfung, die daraus resulzert, anzusprechen. Dieser Ehrlichkeit steht immer der Druck, funktionieren zu müssen, gegenüber, den auch die Männer haben.


MOTHER’S BABY ist sehr stark von persönlichen Erfahrungen geprägt. Wie ist bei diesem besonderen Film das Drehbuch entstanden. Wie konnten Sie sich von der Haupfigur distanzieren und dennoch diese wichtigen Themen bearbeiten.

Interessanterweise ist mir das nicht so schwergefallen. Marie Leuenberger, die die Hauptrolle spielt, hat mir am Ende gesagt, dass sie es toll gefunden hat, dass sie sich nie von mir in eine bestimmte Richtung gedrängt gefühlt hat, obwohl sie wusste, dass die Geschichte viel mit mir zu tun hatte. Es ist mir leicht gefallen, die Geschichte abzugeben. Ich war auch sehr froh, dass Marie ihre eigene Geschichte daraus macht. Sie hat Dinge oft schauspielerisch anders interpretiert als ich es für mich gelesen hätte. Sie hat der Figur eine andere Farbe verliehen. MOTHER’S BABY ist in der Tat sehr von meiner eigenen Geschichte beeinflusst, es ist aber eine ganz andere Geschichte: Eine andere zentrale Figur und eine ganz andere Beziehung. Mein Mann hat den Film auch schon gesehen; er hingegen meinte, dass er ihn wahrscheinlich kein weiteres Mal anschauen wird. Es wäre ihm zu viel. Bei ihm kommt gewiss sehr viel hoch. Ich hingegen hatte den Vorbereitungs-, Proben- und Drehprozess, im Zuge dessen sehr viel ständig wiederholt wird; da schwindet diese innere Verbundenheit. Vor gewissen Szenen habe auch ich mich gefürchtet, weil ich nicht wusste, was es mit mir machen und wie ich plötzlich reagieren würde. Ich hatte durchaus die Sorge, nicht mehr in meiner Rolle als Regisseurin zu funktionieren, weil eine Szene etwas in mir auslöst.


Das Drehbuch zu MOTHER’S BABY haben Sie ja nicht alleine geschrieben. Wie erfolgte der Austausch und der gemeinsame Schreibprozess?

Ausgeschrieben hat das Buch Arne Kohlweyer, den wir über eine Agentur gefunden haben, die Produzent:innen und Autor:innen miteinander verknüpft. Es ist wie ein Dating. Wir kannten uns zu Beginn gar nicht, mittlerweile sind wir Freunde geworden. Das Interessante ist, dass auch er etwas Eigenes daraus macht. Er kam von einer anderen, unemotionalen, Seite und hatte einen ganz anderen Blick darauf. Er hat keine Kinder und hat sich beim Schreiben in Julia hineinversetzt, die gerade entbunden hat. Ich finde das noch immer faszinierend, dass das geht. Mir hat diese Form der Arbeit sehr geholfen.


Welche Szenen haben ihnen beim Dreh eher Sorge bereitet?

Am schwersten empfand ich die Geburt. Diese haben wir auch besonders oft geprobt, weil das eine sehr lange Sequenz ist. Wir haben sie mit Hebammen besprochen und haxen auch Hebammen bei den Proben dabei, weil es darum ging zu erarbeiten, wie Schauspieler:innen glaubwürdig als Ärztinnen und Hebammen agieren. Wir wollten einen gewissen Realismus in dieser Szene schaffen. Die ersten Male waren für mich sehr aufwühlend. Ich hab auch versucht es zu kommunizieren innerhalb Teilen des Teams, dass ich die anderen brauche, damit alles im Bereich der Normalität bleibt. Es war anstrengend. Aber es ist immer anstrengend. Ich gehe meist sehr entspannt in einen Dreh hinein und merke dann erst, wie anstrengend es ist. Vielleicht muss ich da mein Mindset ändern. Umgekehrt hatten wir uns in den Produktionsbesprechungen große Sorgen gemacht, wie es mit den Babys funktionieren würde, die ja nur drei Wochen alt waren. Das wiederum ist ganz unkompliziert gelaufen, weil auch die Mutter der Zwillinge so entspannt war. Es gibt mit so kleinen Babys ganz exakte Regeln und wir wollten vor allem die Kapazitäten dieser Familie nicht erschöpfen. Es ist schon eine große Leistung, so kurz nach der Geburt am Set zu stehen und bereit zu sein, diesen Wahnsinn mitzumachen. Die Herausforderungen lagen ganz woanders: Dort, wo wir am wenigsten damit gerechnet haben. Zum Beispiel beim Umstand, wie schwierig es ist, in einem Krankenhaus zu drehen. Ich war erleichtert, als der Dreh vorbei war, obwohl ich sehr gerne drehe. Ich hatte auch noch nie einen Film gemacht mit einem so schweren Thema. Man sagt zwar, dass die besonders traurigen Filme besonders lustige Drehs haben. Das könnte ich nicht bestätigen. Jede:r im Team hat versucht, sein/ihr Bestes für das Projekt zu geben. Von der Idee, auf Film zu drehen, mussten wir aus Budgetgründen Abstand nehmen, Robert Oberrainer, der Kameramann hat dann versucht, einen Look zu kreieren, der analogen Bildern sehr ähnlich kommt. Ebenso gab es bei Ausstattung und Kostüm viele Überlegungen, diesen körnigen Look zu unterstützen.


Interessant ist das Farbkonzept, das durch die Farbtöne eine Harmonie erzeugt und damit vielleicht auch der erwähnten, idealisierten Welt in den sozialen Medien entspricht. Welche Gedanken gab es dazu?

Wir haben uns nach den pastelligen Farben orientiert, die in den Bobo-Baby-Geschäften gerade angesagt sind. Sie suggerieren eine Art von heiler Welt, die im Endeffekt nicht ganz so ist. Dass man vielleicht ständig am Wäschewaschen ist, weil das Kind ständig erbricht, das wird ja nicht miterzählt.
 
Foto:
©Verleih
 

Info:

Titel: Mother’s Baby
Genre: Psychothriller, Drama
Land: Österreich, Schweiz, Deutschland
Jahr: 2025
Laufzeit: 108 Minuten
Vorführformat: DCP; 2.39:1, Farbe
Ton: Dolby 5.1
Sprachfassung: Deutsch
FSK: 12
Verleih: jip film & verleih
Weltvertrieb: The Match Factory

 
Stab
 Regie.   Johanna Moder
Buch.     Johanna Moder,  Arne Kohlweyer
Kamera.   Robert Oberrainer

Besetzung
Marie Leuenberger (Julia)
Hans Löw (Georg)
Claes Bang  (Dr. Vilfort)
Julia Franz Richter  (Gerlinde)

Abdruck aus dem Presseheft