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Kategorie: Film & Fernsehen
m3Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 6


Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Julia hat sich in der künstlerischen Männerdomäne schlechthin, als Dirigentin durchgesetzt. Nach nur wenigen Wochen Karenz erfährt sie, dass man ihr ein geplantes Projekt weggenommen hat. Sie sagt: „Wenn du nach 15 Jahren ein paar Wochen auslässt, wirst du schon verdrängt“. Der Job ist aber nicht der einzige Bereich, wo MOTHER’S BABY erzählt, wie Frauen durch ihr  Mutter-Werden etwas von ihrer Identität verlieren.

Wenn eine Frau Mutter wird, dann wird sie das komplett. Sie wird von dem Moment an als Mutter gesehen und hört auf, Frau zu sein. Wird ein Mann Vater, dann ist er auch Vater, hat aber parallel dazu sein komplex anderes Leben als Mann in der Gesellschaft. Bei Frauen reduziert es sich sehr oft immer noch auf das Mutter-Sein. Meine Figur hat das Gefühl, dass sie nicht mehr als der Menschen gesehen wird, der sie vorher war, sondern es wird ihr die Mutterrolle übergestülpt, die alles andere unsichtbar macht. Und Julia stellt sich die Frage: Will ich das sein? Julias Beruf und damit das Thema Musik hat für uns in der Ferzigstellung eine entscheidende Rolle für Julias Entwicklung gespielt. Ich hatte dabei zu meinem Glück eine große Unterstützung von meinem Sounddesigner Nils Kirchhoff. Er war mein musikalischer Supervisor, ob es das Geigenspiel von Julia betraf oder die Konzerte. Er war es auch, der mich mit Diego Ramos Rodriguez, dem Komponisten, zusammengebracht hat. Wir haben versucht Sounds und Musik sehr subtil einzusetzen. Julia verliert im Laufe der Geschichte ihre Musik, die ihr vor der Geburt Kraft und Identität gegeben hat. Erst am Ende transformiert sie sich und ihren Beruf in eine neue Richtung. Das haben wir versucht auf der musikalischen Ebene mitzuzählen.


Was geht in Julia und Georg vor, dass sie sich nicht entscheiden können, dem Baby einen Namen zu geben?

Dass Julia sich nicht für einen Namen entscheiden kann, steht sinnbildlich dafür, dass sie das Kind von sich fernhalten möchte. Sie will sich gar nicht binden, weil sie das Gefühl umtreibt, dass etwas mit dem Kind falsch sein könnte.


Woran Julia am meisten zu leiden scheint, ist, dass ihre Wahrnehmungen nicht ernst genommen werden und auch die Erfahrung, nicht mehr die alleinige Kontrolle über die eigene Intimsphäre zu haben? Ist dies auch der Grund, weshalb Sie sich entschieden haben, Ihrer Geschichte einen Touch von Thriller zu geben?


Ich habe Freundinnen, die offen gesagt haben, dass sie nach der Geburt Angst hatten, verrückt zu werden, weil sie mit solchen Emotionen nicht gerechnet hatten. Man hatte eine Vorstellung, wie es sein soll. Dann ist es aber ganz anders. Julias Partner lässt sie am Ende ja auch total im Stich, weil er meint, sie könnte das Kind gefährden. Anders zu sein, nicht in der Norm zu sein hatte für Frauen immer wieder fatale Folgen. Gesellschaftlich hat es immer so funktioniert und tut es immer noch: Wenn Frauen beginnen, etwas in Frage zu stellen oder sich weigern, sich der Norm zu fügen, dann beginnt die Gesellschaft sie zu verunglimpfen und Macht über sie auszuüben. Man sagt ja oft leichthin, die Geburt eines Kindes ist das schönste Ereignis in einem Leben. Eine Geburt kann aber auch ein Albtraum sein und mitunter das schrecklichste, was man erfahren kann. Ich halte es für wichzg auch darüber zu erzählen. Es handelt sich in MOTHER’S BABY ja nicht um einen klaren Genrefilm, sondern vielmehr um ein Genre-Mix. Es hat Horrorelemente ebenso wie Thrillerelemente, weil ich das Gefühl hatte, dass sich die Geschichte gar nicht anders erzählen lässt. Mein Gefühl war, die Geschichte gibt diese Stimmungen einfach vor. Dieser „Vorgabe“ bin ich eigentlich nur gefolgt. Aus meiner Perspekzve als Filmemacherin war es auch spannend, mit anderen Genres und mit Erwartungshaltungen der Zuschauer:innen zu spielen oder mit ihnen auch zu brechen.


Ein radikales Bild setzen Sie mit den Ausfahrten mit dem Kinderwagen im Park, wo Sie mit blattlosen, knorrigen Ästen, in den winterlichen Parkalleen von Schönbrunn – jegliche Idylle verweigern. Auf diese abweisende Natur hat uns unser Szenenbildner Hannes Salat verwiesen. Das ist seine Findung. Die Parkbilder ebenso wie die Aquarienbilder mit den Fischen und dem Axolotl haben sich wunderbar in unser Setting eingefügt. Ebenso wie wir bewusst eine Wohnung gewählt haben, die man wie ein Aquarium lesen kann, von allen Seiten einsichtig. Man ist ständig unter Beobachtung. Hat eigentlich keinen Rückzugsort. Da muss ich auf die Courage von Hannes Salat hinweisen, dass er uns überzeugt hatte, in diesem leere Künstleratelier eine glaubwürdige Wohnung zu erzählen. Axolotls sind faszinierende Wesen, wenn man sich mit ihren Selbstheilungskräften beschäftigt. Es gibt auch in Wien ein Institut, wo sehr intensiv in Hinblick auf Stammzellentherapie geforscht wird. Stammzellen von einem Axolotl können sich vereinfacht gesagt, wie embryonale Stammzellen in fast jede Art von Zelle verwandeln. Ließe sich das entschlüsseln, wäre jede Form von Heilung und letztlich ja auch ewiges Leben möglich. Die Forschung könnte medizinisch viele Fragen lösen.


Hat die Idee der Regeneration etwas mit Ihrer Haupfigur zu tun?

Man könnte es so lesen, wenn man möchte.


Sehen Sie grundsätzlich eine mangelnde Solidarität unter den Frauen?

Es ist nach wie vor eine bedrückende Situation. Was ich besonders krass wahrnehme, und meine Figur erlebt, sobald sie schwanger ist, ist der Umstand, wie andere Frauen das patriarchale System unterstützen und beginnen, die Frauen zu schwächen. Ich finde, es fehlt oft an Solidarität. Grundsätzlich ist das nachvollziehbar. Wir sind alle in einem patriarchalen System geboren. Wir spüren, wo die Macht steht und natürlich wollen wir auch als Frauen auf der Seite der Macht sein und nicht auf der geschwächten Seite. Daher ist es logisch, dass viele Frauen auf ihre Art das System unterstützen. Erstens, wie sollten sie es anders können, sie sind selbst in diesem System groß geworden. Da bedarf es einer totalen Änderung des Mindsets, um herauszufinden, wie wir uns anders organisieren und anders unterstützen könnten.


Sie haben die Erzählung in einem sehr wohlsituierten Milieu angesiedelt. Warum war Ihnen das wichtig? Ging es Ihnen auch um die Frage des „to have it all“. Erfolg im Beruf, einen netten Partner, ein schönes Zuhause - was fehlt, ist das Kind zur perfekten Existenz. Möchten Sie hier auch ein Erfolgskonzept hinterfragen?

Eine Frage stellt sich fast jede Frau: Ob sie erst dann sozial Anerkennung erfährt, wenn sie sagen kann, sie ist auch Mutter. Angela Merkel hat sich oft genug vorhalten lassen müssen, dass sie keine Kinder hat. Es wird einer Frau nach wie vor als Mangel ausgelegt, keine Kinder zu haben. Jede kennt die Fragen Ob? und Wann? Es ist ein Thema, wo sich Menschen immer wieder bemüßigt fühlen, anderen zu erklären, was an ihrem Lebenskonzept falsch ist. Kinderkriegen sei so schön. Aber: Es gibt in meiner Generation immer mehr Frauen, die sich bewusst entscheiden, keine Kinder zu bekommen. Das halte ich für unheimlich stark und beeindruckend, wenn man dies entschlossen sagen kann, denn es ist gegen jede soziale Regel. Es schafft fast niemand, das einfach stehen zu lassen und nicht nachzufragen: Warum?


Foto:
©Verleih


Info:

Titel: Mother’s Baby
Genre: Psychothriller, Drama
Land: Österreich, Schweiz, Deutschland
Jahr: 2025
Laufzeit: 108 Minuten
Vorführformat: DCP; 2.39:1, Farbe
Ton: Dolby 5.1
Sprachfassung: Deutsch
FSK: 12
Verleih: jip film & verleih
Weltvertrieb: The Match Factory

 
Stab
 Regie.   Johanna Moder
Buch.     Johanna Moder,  Arne Kohlweyer
Kamera.   Robert Oberrainer

Besetzung
Marie Leuenberger (Julia)
Hans Löw (Georg)
Claes Bang  (Dr. Vilfort)
Julia Franz Richter  (Gerlinde)

Abdruck aus dem Presseheft