Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 29. Januar 2026, Teil 5
Christel Schmidt
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Ein Film nach einer Buchvorlage, einem gefeierten Bestseller von Joachim Meyerhoff. Ein Buch mit überbordendem Sprachwitz, mit skurrilen Figuren und viel Situationskomik, das aber gleichzeitig auch eine tief berührende Familiengeschichte erzählt…. Ich muss mal kurz Luft holen, sonst bin ich ganz atemlos vor Begeisterung. -
Ach, dieses Buch, dieses wunderbare Buch. Autobiographisch, anekdotisch, anrührend. Bester Filmstoff. Trotzdem natürlich kein Selbstläufer mit Erfolgsgarantie. Denn die LeserInnen haben durch die mit Witz, Ironie und Melancholie getränkten Geschichten ohnehin ihre eigenen Bilder im Kopf. Aber - soviel schon mal gleich zu Beginn - Regisseur Simon Verhoeven ist eine kongeniale Verfilmung gelungen. Schon Meyerhoffs Buch über seine Kindheit auf dem Gelände einer psychiatrischen Einrichtung (der Vater ist der Klinikdirektor) wurde von Sonja Heiss erfolgreich verfilmt: ‚Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‘.
Jetzt also die Adaption des dritten Buchs der sechsbändigen Reihe: ‚Alle Toten fliegen hoch‘. Und Nein, man muss das alles garnicht wissen, und die Bücher auch nicht gelesen haben, um diesen Film aus vollem Herzen genießen zu können.
Wir werden ganz leicht und klug in das Meyerhoff’sche Familiendrama eingeführt. Erfahren gleich in den ersten Minuten vom großen Unglück, und spüren sie, diese ‚entsetzliche Lücke‘, die der plötzliche Unfalltod von Sohn und Bruder schmerzhaft in der Familie hinterlassen hat. In seiner Trauer erklärt ausgerechnet der jüngste, etwas schusselig-verträumte Sohn Joachim (Bruno Alexander) urplötzlich, dass er Schauspieler werden will. Und dass er sich an der Otto Falckenberg Schule bewerben will. Ausgerechnet an dieser Institution. Nimmt nur die Besten. 10 von 1000 - so ungefähr.
Aber Joachim (Jossele) lässt sich davon nicht abhalten, und will auch sofort zur Aufnahmeprüfung nach München fahren. Praktischerweise leben dort seine Großeltern, in deren großbürgerliche Villa er dann einziehen kann.
Und ab jetzt wird’s einfach brüllend komisch. Man könnte sich diese Figuren nicht ausdenken: Die ehemalige Schauspielerin (Großmutter) und der emeritierter Philosophie Professor (Großvater), die mit sehr exzentrischen Ritualen und sehr viel Alkohol in ihrer eigenen Welt leben. Oder besser - die ihre eigene Welt erschaffen haben. Eine Welt, in der die Großmutter jede Begrüßung und Umarmung theatralisch überhöht, eine Welt, in der morgens mit Whisky gegurgelt, mit Champagner gefrühstückt, und mit Rotwein und Cointreau der Tag verabschiedet wird. Zwischendurch liegt man auf dem Teppich, um die klassische Musik besser aufnehmen zu können. Oder steht wie der Großvater morgens auf dem Balkon, um ‚innerlich zu turnen‘.
Großmutter Inge (Senta Berger), selbst ehemalige Schauspiel Lehrerin an der Falckenberg, will ihrem Enkel den Berufswunsch ausreden: ‚Es ist ein schrecklicher Beruf, nervenaufreibend und demütigend‘. Ihre Methode gegen die Aufregung vor der Aufnahmeprüfung: Viel Alkohol und wenig Schlaf. Dann komme man in einem kreativ entspannten Zustand. Und wirklich - der völlig übermüdete Joachim explodiert förmlich bei seinem Vorspielen vor einer schon etwas beanspruchten Prüfungskommission - und wird tatsächlich nach längeren Diskussionen aufgenommen.
Und jetzt geht der Spaß erst richtig los. Herrlich, wie wir mit Meyerhoff die Rituale, Absurditäten und Zumutungen der Schauspielausbildung erleben. Er soll mit den Brustwarzen lächeln, einen Text aus Effie Briest als Nilpferd sprechen, und muss sich anschreien lassen, weil er als Teil einer schnaubenden Maschine (er spielt den Auspuff) ‚höchstens 45%‘ gibt. Bruno Alexander als Jossele ist umwerfend. Eine Entdeckung. Oszilliert zwischen hyperaktiv und rebellisch, ungläubigem Erstaunen und Faszination - immer intensiv und authentisch. Chapeau! Aber auch jede Nebenrollen ist exzellent besetzt. Die Casterin Nina Haun hat mal wieder ihr Gespür für die perfekte Mischung bewiesen. Die großartige Anne Ratte-Polle als provozierende Schauspiellehrerin, Senta Berger als immer extravagant auftretende, aber auch liebevolle Großmutter, Michael Wittenborn als Großvater, der jeden Satz zum Ereignis (und meist zum Lacher) macht. Ob der Kurzauftritt von Tom Schilling als Regieassistent, oder Friedrich von Thun als Filmregisseur - Es stimmt einfach alles!
Klar, Meyerhoffs Vorlage ist ein Geschenk; süffig, lebendig und mitreißend, mit Witz und Tiefe, aber Regisseur Simon Verhoeven weiß das auch klug, zärtlich und berührend umzusetzen. Zum besonderen emotionalen Glow mag auch beitragen, dass der Regisseur seine Mutter Senta Berger in ihrer vielleicht letzten großen Rolle inszeniert. Auf jeden Fall hat er diese Geschichte mit einem so liebevollen Blick gefilmt, dass man am Schluß nur glücklich seufzen möchte: Ach dieser Film, dieser wundervolle Film.
Foto:
©Verleih
Info:
Regie : Simon Verhoeven
Drehbuch: Simon Verhoeven
Besetzung: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Anne Ratte-Polle, Katharina Stark, Tom Schilling, Johann von Bülow, Viktoria Trauttmansdorff, Laura Tonke, Devid Striesow, Friedrich von Thun….
Länge : 135 Minuten