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Kategorie: Film & Fernsehen

send helpSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 29. Januar 2026, Teil 10

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Bei diesem Überlebensfilm, dessen Urbild Robinson Crusoe“ (1719) ist, eine Robinsonade, kommt neben den Unbillen der Natur und der Suche nach Süßwasser und Nahrung etwas ganz Entscheidendes hinzu: der Überlebenskampf gegenüber einem Menschen, der einen potentiell vernichten will. Ob das wirklich so ist, oder im Gegenteil eine Annäherung eines Mannes und einer Frau stattfindet, dieses Flirrende, macht den Film zusätzlich spannend. Zudem ist er hinreißend komisch, was insbesondere an Rachel McAdams liegt, die als Büroangestellte Linda Liddle ihre Mitarbeitenden genauso nervt wie ihre Chefs, dessen oberster gerade Bradley Preston (DylanO’Brien) geworden ist, ein sich seiner Attraktivität überbewußter Schönling.

Der spätere Film ist überhaupt nicht zu verstehen, hätte man die Büroszenen nicht erlebt. Der neue Chef Preston wird im Großraumbüro vorgestellt. Die emsige Linda haben wir schon als ständig hungrig und heimlich ihr belegtes Brötchen verschlingend kennengelernt und auch mitbekommen, dass die umsitzenden Kollegen nicht ihre Fans sind und ein Kollege ihre jahrelange Arbeit sich angerechnet hat und befördert wurde. Dabei hat sie immer einen flotten Spruch auf den Lippen, aber vielleicht ist das gerade das, was andere nervt. So verwickelt sie auch den neuen Chef in ein kurzes Hin- und Hergespräch, bei dem er allerdings abgelenkt wird, durch die Spuren eines Thunfischsandwichs auf ihrem Kinn, wo es auch den Zuschauer im Kinosessel juckt, ihr das abwischen zu wollen, erst recht Preston, der direkt vor ihr steht. Sie weiß von nichts und das ist eine der wenigen Szenen, wo sie weniger weiß als die Umstehenden.

Denn es kommt alles anders. Wir sind Zeugen, wie aus dem Büromäuschen eine strategisch denkende und praktisch handelnde clevere Frau wird und aus dem überheblichen Chef ein kleiner Mäuserich. Eine totale Umkehrung der Verhältnisse, nicht nur eine Machtverschiebung, sondern eine Umwälzung. Und das kommt so. Die Herren der Führungsetage müssen einen Termin per Flug absolvieren und nehmen als dienende Magd Linda mit. Noch im Flugzeug wird das Machtgefälle deutlich, aber auch die Arroganz, ja Gemeinheit dieser Linda gegenüber. Einer hat nämlich ein von ihr veröffentlichtes Video entdeckt, in dem sie ein Dschungel-Survivaltraining vormacht, was zu Lachstürmen der jungen Schnösel führt. Dabei ist ihr das ernst. Zu Hause hat sie die Bücher, wie man überlebt, welche Pflanzen eßbar, welche gefährlich sind und sie hat die Biographien über die Frauen, die das alles meisterten, alle gelesen. Die Rache folgt auf dem Fuß.

 

Denn nun geht es ratzfatz und ist wirklich hervorragend gefilmt. Ist es ein Unwetter, ist es der Ausfall eines Triebwerkes, das Flugzeug beginnt erst zu trudeln, dann teils zu explodieren, die Tür öffnet sich und zieht die Umsitzenden aus ihren Sesseln, zuerst allerdings kommen die Stehenden dran, die herausgesogen werden, einer landet von außen vor dem Fenster von Linda, die als Reaktion nur die Sonnenblende herunterläßt. Und der gemeine Mitarbeiter, der die Beförderung erhielt, die ihr zustand, will sie aus dem Sessel zehren , er will selbst hinein, was sie mit einer Gabel in seine Hand verhindert. Schnell ist er ebenso weg nach draußen.

 

Das Flugzeug stürzt dann ab und Linda ergreift im Wasser einen Anker und rettet sich an Land. Später wird auch ihr Chef angespült. Ist er tot? Nein, nur lange ohnmächtig und verletzt und jetzt kommen die Episoden, wo sie all ihr Wissen seinem Überleben widmet. Sie kennt sich aus mit den Pflanzen, kann aus einem Holz ein Messer schlagen, versorgt sein verletztes Bein mit einer aus den Pflanzen hergestellte Paste, holt Süßwasser und Früchte. Doch er dankt es ihr nicht, sondern verbietet sich ihren selbstbewußten Ton, schließlich sei er der Chef. Sie antwortet nicht mit Worten, sondern nimmt ihre Schuhe und verläßt ihn, der nun in der Sonne schmort, ohne Essen, ohne Wasser und nach einem Tag, als sie zurückkommt, gewillt ist, ihre Führung anzuerkennen. Jetzt sind die Verhältnisse total umgekehrt. Sie ist die Führerin, die Macherin, die Starke.

Sie weiß, wie man aus Steinen den Funken schlägt, um ein Feuer zu machen und legt sich auch mit einem ungeheuren Wildschwein an und läßt dieses in einen Speer laufen, so dass es sich selber aufspießt. Hier wird der Animation etwas zu stark gefrönt. Aber das gebratene Fleisch hilft dann beim Überleben. Die beiden harmonieren. Längst hat sich aus dem Büromäuschen mit dem hochgesteckten fettigen Haar und billiger Plastikkleidung, die braungebrannte Inselschönheit mit langem offenem Haar, aufrechtem stolzen Gang gemausert. Jetzt sind die beiden ein Team, sie als die Kundige, er als ihr Helfer, nur zwischendurch blitzt es bei beiden in den Augen, dass ihnen die Situation nicht geheuer ist. Sie weiß, dass er nur klein bei gibt, weil er von ihr abhängig ist.

 

Doch dann kommt eine Situation, wo er ihr das Leben rettet. Kein Wunder, schließlich braucht er sie. Die beiden gehen hoch oben an einem Felsgang, drunter das Nichts. Da löst sich unter ihrem Schuh die Erde und sie hängt am Abhang und wäre ohne, dass er sie hochzieht, abgestürzt. Das merkt sie sich. Denn jetzt kommt die Verlobte von Bradley ins Spiel. Ganz am Anfang auf der Insel hatte man schon ein Schiff sich nähern sehen, doch Linda hat ja gar kein Interesse, gerettet zu werden. Hier auf der Insel lebt es sich doch viel interessanter als im Büro. Und da kommen auf einmal auf einem Boot die Verlobte mit einem Schiffer daher. Ja, ja, sie führt sie zu Bradley, genau auf dem Felsweg. Und an der gewissen Stelle bleibt Linda stehen, so dass die Verlobte um sie herumgehen muß und prompt auf die Absturzstelle tritt, fällt, der Begleiter will sie retten, aber beide stürzen in die Tiefe. Davon weiß Bradley nichts, aber schon länger hat sich zwischen den beiden die Situation ungut entwickelt.

Und jetzt kommt es zum Überlebenskampf zwischen den beiden. Das ist schauerlich anzusehen. Denn beide kämpfen mit allen Bandagen. Da ist ein grundlegender Haß. Es eskaliert…

Sam Raimi, als Horror-Experte bekannt, hat hier den Horror in die zwischenmenschliche Ebene verlagert. Das geht unter die Haut.

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