Mein persönliches Tagebuch zur 76. Berlinale, Teil 2
Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – Mittlerweile ist Berlin wärmer geworden, es taut. Unrat kommt zum Vorschein, der bisher sanft unter dem weißen Schnee verborgen war. Jedenfalls hier im Wedding. Doch aus der nun grauen Tristesse leuchten häufig fröhliche rote und blaue Flecken. Ich brauchte etwas Zeit, um darin den pointilistischen Berlinale-Bären zu sehen, der überall in der Stadt auf großen Plakaten für das Festival wirbt. Nun lockt er uns überall in der Stadt.
Das Berlinale Programm ist seit einigen Tagen fertig und veröffentlicht, Akkreditierung und Anmeldung gelingen gut, die Ticketbestellungen für die Presse klappen. Denn es gibt von allen Wettbewerbsfilmen und etlichen anderen Streifen Vorab-Vorstellungen für uns „Fachleute“. Vorgestern war die erste Pressevorführung von „No Good Man“, mit dem gestern Abend das Filmfestival eröffnet wurde. Das ist so unglaublich – denn im öffentlichen Raum läuft kaum eine Rolltreppe. Dreck wird nicht weggemacht. Die S-Bahnen fahren unregelmäßig.
Die hervorragende Festivalorganisation ist also ganz und gar un-berlinerisch…
Eine der ersten spektakulären Events war gestern Vormittag die Vorstellung der Internationalen Jury. Deren Leiter Wim Wenders und weitere sechs Filmschaffende wurden von Tricia Tuttle, der Berlinale-Intendantin, wie sie sich selbst nennt, persönlich vorgestellt.
Die Atmosphäre war wunderbar entspannt, die Juroren sehr emotional und zugewandt. Kino sei für sie das Leben und gebe viel Kraft, meinten die meisten Jury-Mitglieder. Filme könnten die Welt verändern – aber nicht politisch, sondern weil sie mit Gefühlen arbeiteten und die Menschen emotional beeinflussen.
Wenders meinte die Filmarbeit habe auch ihn selbst beeinflusst, „eine unglaubliche Erfahrung“. Jeder Film habe ihn verändert, dafür sei er dankbar. Dem stimmten einige aus der Jury zu. Der Leiter, der auch bereits die Festival-Jurys in Venedig und Cannes anführte, lobte ausdrücklich die Berlinale hinsichtlich ihrer Vielfalt: „In Berlin kann man mehr Facetten der Welt sehen, als auf anderen Festivals.“
Mit „No Good Man“, dem Eröffnungsfilm am Abend, schloss die diesjährige Berlinale wie so oft an ihre politische gefärbte Tradition an – ohne vordergründig politisch zu sein. 2021, kurz vor dem Abzug der US-Amerikaner, kämpft Naru in Afghanistan, sogar in der Hauptstadt Kabul, für ihre Rechte als Mutter, Weib und Filmarbeiterin.
Doch bereits BEVOR die Taliban das Land eroberten, erzählt der Film von einer Gesellschaft mit archaischen Zuständen, in denen Frauen systematisch entrechtet wurden.
Die Männer prügeln ihre Frauen, besitzen alle Rechte, die Weiber müssen sich ihnen unterordnen. Naru hält ALLE Männer für böse und schlecht – "No Good Men" – doch dann verliebt sie sich in einen Kollegen. Eine afghanische Tragödie beginnt, denn beide sind verheiratet und haben Kinder. Ein großes Opfer im Sturm der Taliban beendet die große Liebe beider. Ein Hauch von „Casablanca“ weht durch das Filmende.
Der Eröffnungsfilm läuft nicht im Wettbewerb, wir Presseleute staunen – aber in den letzten zehn Jahren kamen jeweils fünf Eröffnungsfilme aus dem Wettbewerb und fünf eben nicht.
So, und jetzt ist es endlich wieder soweit. Wir können vor JEDEM Festival-Film den, alljährlich leicht veränderten Berlinale-Clip erleben. Zu sanfter elektronischer Musik werden kurz die Sponsoren gezeigt, dann erscheint der große Goldbär. Er verwandelt sich in die Erde, aus der viele kleine goldene Bären regnen – und uns einstimmt für eine andere oder fremde Welt.
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Pressekonferenz der Jury © Hanswerner Kruse