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Kategorie: Film & Fernsehen

keine guten männerDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 3


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Wenn muslimische Männer wüßten, was Frauen unter sich völlig offen, knallhart bis hin zum Zynismus über Männer, muslimische Männer, denken und aussprechen, sie würden auf der Stelle Frauen verbieten. Hier geht es erst einmal um afghanische Männer, an denen der Film beweist, wie es aussieht, wenn eine Frau einmal nicht nur gegenüber Frauen den Mund aufmacht, sondern auch beispielsweise gegenüber dem Leiter des Fernsehstudios, für den sie als Kamerafrau arbeitet. Wir sind zeitlich vor dem Abzug der Amerikaner samt Anhang und direkt vor der Machtergreifung der Taliban, die solchen Frauen nicht nur den Mund, sondern auch die Arbeit verbieten, wenn man sie überhaupt am Leben läßt.

 
Naru (Shahrbanoo Sadat ), die einzige Kamerafrau bei Kabul TV, antwortet am schärfsten auf die Frage nach den guten Männern, als die drei Freundinnen zumindest einen einzigen guten Mann suchen: „Es gibt keinen. Schaut Euch Euere Ehemänner, Väter, Großväter, Brüder und Söhne an!“ Und in den ersten Szenen, aber auch den zweiten und dritten muß man ihr Recht geben, denn wie sie im Sender als Kamerafrau behandelt wird, abgespeist mit Straßenumfragen, obwohl sie hervorragende Arbeit leistet, ist frauenverachtend. Doch dann hat sie Glück, weil ein Kameramann Pech hat. Es gibt einen Starreporter namens Qodrat (Anwar Hashimi), der auch den Mächtigen scharfe Fragen stellt und dessen Kameramann verletzt wurde und der schnell Ersatz braucht. Erst wollen er und der Chef Naru nicht verpflichten, aber es ist niemand da und schon beim ersten Einsatz erkennt Qodrat ihre fachlichen Qualitäten – und später auch ihre menschlichen. Daß sie eben den Mund aufmacht, die politische Situation kommentiert, wach und kritisch ist und vor allem ehrlich, eine seltene Eigenschaft. Leicht starrköpfig bis hin zur Zicke ist sie auch. Doch das kommt später.

 

Naru lebt derzeit allein mit ihrem dreijährigen Sohn, die mögliche Scheidung verlangt sie nicht, weil sie weiß, dass ihr dann ihr Sohn abgenommen wird. Ihr Ehemann taucht mitten im Film, als sie so richtig als Kamerafrau Fuß gefaßt hat, auf und fordert sie auf, mit ihm weiterzuleben, was sie ablehnt. Da entführt er den Knaben und erpreßt sie dadurch, ihre Kameraarbeit aufzugeben und mit ihm ein Fotostudio zu betreiben, sprich: Sie arbeitet und fotografiert die Kunden und er streicht das Geld ein. Doch das kommt alles später, denn den Hauptteil des Films sehen wir dem Reporter und der Kamerafrau bei Arbeiten zu, den Schwierigkeiten, in einer diffusen politischen Situation überhaupt Antworten von Handelnden, von Politikern, von Chefs zu erhalten. Für die einen ist Qodrat ein unbestechlicher Held, das sind die Zivilen, die normalen Leute, die ihn aus dem Fernsehen kennen und achten. Die anderen, die Mächtigen, denen er auf die Zehen tritt, hassen ihn und schlagen ihn zusammen, wenn es unbeobachtet gerade geht. Er ist mit einer netten Frau verheiratet und hat halberwachsene Kinder.

 

Subtil arbeitet die Regisseurin – so ein Film kann nur von einer Regisseurin kommen! – heraus, was sich zart an Gefühlsbewegungen zwischen Qodrat und Naru entwickelt. Einerseits bringt er ihr absolut Respekt entgegen, Respekt vermißt sie an den afghanischen Männern am meisten, und der Respekt gilt ihrer Person genauso wie ihrer Arbeit. Endlich wird ihre Arbeit anerkannt und damit sie. Wir verfolgen, wie sie sich in einer Pressemeute geschickt den Platz sucht, wo sie alles im Bild hat. Sie kann was und als sie mit Interviews mit Frauen loslegt, wollen auf einmal alle möglichen Reporter mit ihr arbeiten, denn ihr erzählen Frauen vor der Kamera das, was kein männlicher Reporter je zu hören bekam. Jetzt sprechen nicht nur die drei Freundinnen bittere Wahrheiten aus, sondern ganz normale Frauen auf der Straße sagen ins Mikrophon, was los ist in Kabul, wie es ist mit den Männern und den Frauen. Naru reüssiert im Sender und im Bewußtsein der Leute, jetzt muß man sich um sie als Kamerafrau bewerben. Und genau jetzt entführt ihr Mann den Sohn und zwingt sie, den Sender zu verlassen und das eigene Fotostudio zu betreiben.

 

Der Film erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig. Denn längt merken wir Zuschauer Qodrat seine Liebe zu Naru an und dezent versucht er, ihr diese mitzuteilen. Obwohl, wie die Zuschauer längt wissen, sie dieselben Gefühle für ihn hegt, weiß sie, dass ihr Mann seine öffentlich ausgestoßene Drohung, den phantasierten Nebenbuhler, denn bisher ist ja nichts passiert, umzubringen, wahrmachen würde, weshalb sie jeden körperlichen Kontakt mit Qodrat meidet, zumal er ja auch verheiratet ist.

 

Die politische Situation spitzt sich zu. Die Taliban eilen als Siegeszug durch Afghanistan und stehen vor Kabul, an dessen Flughafen als erstes das gesamte Parlament und die Spitzenpolitiker ins Ausland geflogen werden. Wir kennen die erschütternden Bilder noch aus dem Fernsehen: wie Menschenmassen vor dem Drahtzaun am Flughafen stehen, am Zaun hochklettern, um in eins der Flugzeuge zu gelangen, weil sie wissen, dass die Taliban sie nicht leben läßt. Die Leute vom kritischen Kabul TV wissen dies am besten und stehen auf der Liste derer, die als erste ausgeflogen werden. Naru weiß von nichts, als plötzlich Qodrat vor der Tür steht und sie auffordert, sofort mit ihrem Sohn mitzukommen und ins Ausland zu fliegen. Und endlich kapiert sie, dass nicht ihr Trotz gegen ihn das Wichtigste ist. Ihr bisherigen Leben als berufstätige und relativ selbständige Frau wäre vorbei. Der Flughafen wird nur mit Mühe erreicht, alle Straßen sind verstopft und dann stehen sie unten vor der Wand, von der Männern von oben die Namen derer verlesen, die ausgeflogen werden. Sie und ihr Sohn sind vorbei und während der Sohn hochgezogen wird, versteht sie auf einmal, dass Qodrat gar nicht mitkommt, sondern sie statt seiner rettet. Da läßt sie ihre bisherigen Hemmungen fallen und küßt, küßt, küßt ihn zum Abschied, wird hochgehoben und gerettet, während wir wissen, dass der Reporter nicht überleben wird.

 

Unglaublich, dass diese Szene nicht kitschig wirkt. Der Kuß ist folgerichtig, denn jetzt, wo sie gleich weg ist, kann sie ihm ihre Gefühle zeigen. Das ist zwar auf einer gewissen Ebene schon banal, dass nun zum Abschied die seelischen Hüllen fallen, ABER, so ist es ja wirklich, dass in Extremsituationen die Menschen auf einmal das Innere zeigen. In dem Moment, in dem Naru ihre Gefühle wahrnimmt und lebt, verliert sie den geliebten Mann, den einzigen, der eben doch ein guter Mann war.

Für die Zuschauerin allerdings ergeben sich hier in Deutschland noch ganz andere Gefühle. Welche Schmach, dass ein deutscher Innenminister die Zusage Deutschlands, die für sie tätigen Afghanen angesichts der Machtübernahme der Taliban – das war immerhin schon - hierher zu holen, nicht nur nicht einlöst, sondern ausdrücklich nicht einlöst. Diese Menschen sitzen teils in Pakistan und müssen über deutsche Gerichte die Zusagen der Bundesregierung, sie einreisen zu lassen, erst durch Klagen wahr werden lassen. Daß im deutschen Namen diese Zusagen nicht eingehalten worden sind, ist eine derartige Schande, dass man sich wundert, dass der Protest der deutschen Bevölkerung nicht stärker ist. ABER, wir alle sind mit dem Ukrainekrieg, Gaza, dem Iran, einem wildgewordenen US-Präsidenten derart beschäftigt, dass dieses politische Unrecht leicht untergeht.

 

Nach diesem Film, dessen Zwangsanschauen dem Innenminister und der ganzen Bundesregierung auferlegt werden sollte, müßte er, wenn noch Moral und Ethik eine Rolle spielte, zurücktreten. Und so hat dieser so leicht daherkommende, als Komödie beginnende Film eine politische Dimension, die lange nachwirken wird. Eine bittersüße Liebesgeschichte und eine harte, gemeine Wirklichkeit.

 

Noch ein Wort zum Gefühl vom so bunten wie durch ständige Attentate gefährlichen  Afghanistan während des Films, der erstaunlicherweise völlig in Deutschland gedreht wurde. Da zeigt sich, was Kino vermag und es sind keine künstlichen, erfundenen Bilder, sondern der Stab fand Gegenden in Deutschland, wo man Afghanistan vermuten kann. Das ist ein Ding.

 afg

In der interessanten Pressekonferenz zum Film ging es auch darum, daß KEINE GUTEN MÄNNER eine obere Mittelschicht in Kabul zeigt, die sich stark an den USA orientieren, was aber auch die Arbeitsmöglichkeit von Frauen garantiert, wenngleich in den unteren Rängen. Das alles haben die Taliban gründlich zerstört. 



Foto:
©Verleih


Stab
Director: Shahrbanoo Sadat



allessInfo:
Besetzung
Shahrbanoo Sadat: Naru
Anwar Hashimi: Qodrat
Liam Hussaini: LiamYasin Negah: News Manager
Masihullah Tajzai: Naru’s Husband
Torkan Omari: Anita
Fatima Hassani: Layla
Ahmad Azizi: Qodrat’s Friend