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Kategorie: Film & Fernsehen

BerlinalejazzDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 5


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Man mag es nicht glauben, aber auf der Pressekonferenz, die jedem Wettbewerbsfilm folgt und neben der Regie die Schauspieler auf die Bühne bringt, war die erste Frage eines Kollegen, ob Regisseur Grant Gee den Film nicht auch in Farbe drehen könnte. Dabei lebt gerade dieser Film von einem klaren Schwarzweiß, das so klar schwarz und weiß ist, wie die Verhältnisse, die er widerspiegelt. Den Tod durch Unfall und den langsamen Tod durch Drogen. Beidem entkommt Bill Evans, aber mit Blessuren. Er ist ein begnadeter Jazzpianist mit seinem Trio, das wir in einer Bar hören und sehen.

 

Der Film folgt einem Buch und das Buch dem Leben. Zum Trio gehören ein Baß und ein Schlagzeug. Der Basist Scott LaFaro und gerade sind zwei Live-Aufnahmen getätigt worden, eine Nummer hat der Basist komponiert, die als Schallplatten herauskommen werden – und da stirbt Scott durch einen Autounfall nördlich von New York. Der Bruder von Bill, der sein Leben lang neidisch auf den Bruder ob dessen Musikalität ist, er selber hat es nur zum Musiklehrer geschafft, weiß um die enge Verbindung und will seinen Bruder trösten, zu ihm ins Haus holen. Und als er den vor Trauer stummen und starren Bruder sieht, nimmt er ihn mit nach Hause, wo seine Frau sich seiner liebevoll annimmt und Tochter Debby ein emotionales Schmiermittel ist, allerdings ist sowohl hier in der Bruderfamilie wie auch bei den Eltern eine große Distanz zwischen den Familienmitgliedern zu spüren. Sie gehen teils sehr formal miteinander um, auch wenn sie anderes fühlen.

 

Keiner spricht darüber, dass der fast stumme, sympathieerweckende, todtraurige Bill ein knallharter Junkie ist, der heimlich davonschleicht, um sich die Drogen zu injizieren. Sein zuvor adrettes Äußeres verkommt zusehends. Außerdem vermißt Bill die Frau, mit der er eigentlich lebt, die aber noch stärker drogenabhängig ist als er. Es ist Elaine, die anrührend von der aparten Valene Kane dargestellt wird. Ihre Augen, die an ihm haften, strahlen Liebe aus, aber auch Leere und Verzweiflung. Keiner weiß, wo sie ist, später wird sie im Entzug sein, dann unauffindbar.

 

Bruder Harry sieht inzwischen Gefahren für seine Familie durch den Aufenthalt von Bill und teilt ihm mit, dass er ihn am nächsten Tag in den Zug setzt, nach Hause zu den Eltern, die inzwischen in Florida leben. Und so läuft es auch. Was für Eltern! Die Mutter total emphatisch, der Vater mal Kumpel, mal Heraushalter.

 

Nun bringt der ansonsten linear erzählende Film Einblendungen, die man nur als Selbstmord des Bruders Harry identifizieren kann, dessen Witwe von dessen Schizophrenie spricht. Das ist 1981. Dann geht es in Florida bei den Eltern 1961 weiter. Die Mutter erkennt, was mit ihrem Sohn los ist und leitet ihn durch einen kalten Entzug, was klappt. Der Vater fällt aus der Rolle, aber der Sohn spielt auf einmal wieder. Seine Klaviertöne, die man ja auch am Anfang hörte, kommen einzeln daher, folgen so aufeinander, dass jeder Klang in einem ankommt und verhalt, sie erinnern an .

 

Da taucht Elaine in Florida auf. Sie wurde von der Plattenfirma geschickt, damit Bill endlich den Vertrag über die Platten unterschreibt, was er tut. Sie will nach New York zurück, er zögert noch. Und dann erneut ein Zeitsprung. 1971. Bill hat eine Geliebte, mit der er eine Familie mit Kind gründen möchte, was Elaine nie wollte. Sie bringt sich daraufhin um. Und wieder geht es zehn Jahre zurück. 1961 in Florida treffen die fertigen Platten des Bill Evans Trio ein, die auch Scott LaFaro verewigen und die Bills Eltern mit Stolz erfüllen. Der nach New York zurückgekehrte Bill versteht sich auf einmal mit seinem Bruder und lebt wieder mit Elaine. Und er spielt,, spielt einfach und schön. Es könnte alles gut sein.

 

Doch gab es schon wieder einen Zeitsprung nach 1981. Penny, die neue Frau an seiner Seite hilft, wo sie kann, auf einmal hat er einen derartigen Blutsturz im Gesicht, dass er ertrinken könnte. Er wird im Krankenhaus sterben und in den letzten Bildern kommt Elaine zu ihm zurück.

 

Und dann spielt Bill endlich noch einmal auf. Es ist 1961 und er hat seine Depression überwunden und spielt und spielt. Seine Musik kann man noch heute auf den erwähnten zwei Schallplatten hören, Inkunabeln des Jazz.

schallplatteP.S. Die Schallplatte gibt es noch heute

Foto:
©Berlinale


Info:
Regie: Grant Gee
Besetzung: Anders Danielsen Lie, Bill Pullman, Laurie Metcalf, Barry Ward, Valene Kane, Katie McGrath
Nach dem Roman Intermission von Owen Martell, Drehbuch von Mark O'Halloran
Englisch | 102 Minuten | Schwarzweiß, Farbe