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Kategorie: Film & Fernsehen

202615523 1 ORGDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 8

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) – Familienfilme gab es bereits in den ersten Tagen dieses Festivals – die Auseinandersetzung einer tunesischen Familie mit sexueller Orientierung oder das Verschlungenwerden durch die finnische Natur. Der harmlos beginnende Film „Rosebush Pruning“ – man könnte den Titel als Rosenkappung übersetzen – behauptet, jede Familie brauche diesen radikalen Eingriff, um zu funktionieren.


Zwei Männer sitzen am Meer und reden belanglose Dinge: warum soll man sich den Kopf rasieren, wenn man wenig Haare besitzt oder wozu einen Bart tragen. Später im Hotelzimmer brüllen George und Ed laut aus dem Fenster. Sie sind gezwungen, sich zu trennen, denn Ed muss nach Hause zurück. Harter Schnitt. Wir sehen, dass ihn ein Auto totfährt. Noch ein harter Schnitt. Er kehrt zu seinem Clan zurück und wir wissen, er wird am Ende des Films sterben.

Nun lernen wir die dysfunktionale Familie kennen, an der Claude Chabrol, der Altmeister des abstrusen Familienfilms, seine Freude hätte. Alle lieben ihren Bruder Jack, der gerne die Rosen schneidet und demnächst mit seiner Freundin Martha in einer eigenen Wohnung leben will. Bei der Haussuche verkündet er, „Ich will mit Dir ficken.“ Doch sie fertigt ihn ab: „Kauf uns das neue Haus, dann können wir darin ficken.“ So werden keine Konflikte gelöst. Die Sprache ist gelegentlich recht drastisch, auch die E-Gitarre spielende Schwester beschwert sich, der Metzger wolle sie ficken. Dabei habe sie doch ihre Tage.

Allmonatlich bringt der Schlachter ein totes Lamm, das die Brüder am Grab der Mutter im Wald niederlegen und zuschauen, wie Wölfe das tote Tier brutal zerfetzen. Auf der Rückfahrt rocken und tanzen sie wie wild im Auto zu lauter spanischen Musik. Die Mutter selbst sitzt als lebensgroße, nackte, weiße Skulptur im Mittelpunkt des Hauses. Wir erfahren, dass sie nicht gestorben ist, wie alle ihre Kinder annehmen, sondern in einem edlen Haus mit ihrer Frau zusammenlebt. Jack finanziert diese Liebschaft und besucht die beiden gelegentlich. 

Robert hat sporadisch epileptische Anfälle und möchte seinen Bruder Jack auch sexuell lieben. Einmal schlitzt er sich in der Schamgegend auf und will ihn blutend in sein Bett zerren – „obwohl ich meine Tage habe.“ Ed schließlich ist nun soweit, dass er dem blinden Vater des Abends beim Zähneputzen helfen darf. Er muss den Vater masturbieren, dessen gejaulte Ejakulation verbindet sich mit einer wässrigen Wolke aus Zahnpasta.

Die ganze Familie kommt zusammen, auch Martha ist dabei, der Blinde fordert, die Tochter Anna solle ihm beschreiben, wie Jacks Geliebte aussieht. Er erkundigt sich nach ihrer Augenfarbe, Haarfarbe, alsbald nach der Größe der Brüste. Es kommt zum Streit, ob die eine Handvoll oder größer seien. Anna zieht sich halb aus, das macht sie häufiger im Film. Ihrem Bruder Jack singt sie ein Liebeslied, begleitet mit nur einem grob geschlagenen Akkord auf der E-Gitarre. Es geht immer sehr laut, rockig, und dramatisch in diesem Clan zu: wir Zuschauer erleben eine fremde Welt ohne Rechts- und Tabugrenzen, ein Irrenhaus mit Punkmusik. Die bizarren Ereignisse sind keine Alpträume, sondern filmische Realität. 

202615523 4 ORGEigentlich wird keine durchgehende Geschichte erzählt, die aneinandergereihten grotesken Episoden werden häufig von Ed aus dem Off kommentiert. Etwa „das Zähneputzen muss ich jetzt übernehmen, wenn Jack auszieht.“ Ständig blitzen kleine, alltägliche Beziehungsstreitereien auf. Konkurrenzen. Übergriffe. Irgendwann wird deutlich, dass die Familie dringend „rosengekappt“ werden muss, Jack wird das machen, denn zwischendurch schneidet er auch immer gerne die schönen roten Rosen. 

Das könnte wohl tödlich enden – auch wenn wir nur von Eds Tod wissen, der vor dem Überfahrenwerden zu George nach Griechenland wollte. Aber die Details des grotesken Rosenkappens verraten wir hier nicht.

Soll man diesen Film ansehen? Er hat wohl keine Chance auf einen Bären, aber seine überspitzte Handlung, wilde Dramaturgie, bizarren Bilder lohnen den Besuch. Wenn man die Dekonstruktion bürgerlicher Rituale – in ihrer ganzen Absurdität, etwa im Sinne Chabrols – zu schätzen weiß.

Foto:
©  Berlinale

Info:
„Rosebush Pruning“, Italy, Germany, Spain, United Kingdom, 2026, 94 Minuten 

Regie Karim Aïnouz,, Drehbuch Efthimis Lukas Gage, Elena Anaya
Mit Callum Turner (Ed), Riley Keough (Anna), Jamie Bell (Jack), Lukas Gage (Robert), Elena Anaya (Emma), Tracy Letts(Vater), Elle Fanning (Martha), Pamela Anderson (Mutter)