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Kategorie: Film & Fernsehen

NINADie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 15


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Kunst, Bildende Kunst, ist ein gerne aufgegriffenes Thema in Filmen, schon weil der Schauwert von bunten Bildern auf einer großen Leinwand einfach reizt und außerdem Künstler schön kompliziert sind und man eine Menge psychologischer Fragen nebenbei erledigen kann. Doch eine 8 jährige als Künstlerin in Bulgarien, das ist dann doch etwas sehr Ungewöhnliches, erst recht, wenn Mihail (Galin Stoev ), der nach dem Tod seiner Frau in Bulgarien in den 90er Jahren, nach Montreal geflohen ist, mitsamt seiner damals kleinen Tochter Roza. Er ist Kunstexperte, wird oft als Kurator von Kunstausstellungen engagiert und soll jetzt im Auftrag eines wichtigen Sammlers nach Bulgarien fliegen, um herauszubekommen, ob das alles stimmt mit dem kleinen Mädchen als Malerin und ob die Bilder so sensationell sind, wie publiziert. Dann soll er sie kaufen.


Nein, das will Michael nicht, wie er in Kanada heißt. Doch seine Tochter wirft ihn unvermittelt zurück in die Vergangenheit. Sie hat auf einem Fest die Brüchigkeit ihrer derzeitigen Beziehung erkannt, bittet den Vater, sie mit dem Wagen abzuholen, was er tut. Aber unterwegs schweigen sie. Er wirft nur immer wieder fragende und auch besorgte Blicke auf sie. Zu Hause spricht Roza über ihre Kindheit und den Verlust der Mutter und dass der Vater nie wieder nach Bulgarien geflogen ist, die Sprache nicht pflegt und die dortige Verwandtschaft schon gar nicht. Alles zusammen wird seine Pläne ändern, denn wir sehen ihn in der nächsten Szene im Flugzeug nach Sofia. Seltsam, die Tochter ist nicht dabei, was man irgendwie erwartet, weil sie die bulgarischen Schallplatten rausgeholt hatte und all die Erinnerungstücke an ihre dortige frühe Kindheit.

 

Nein, er reist nicht aus persönlichen Gründen, sondern im Auftrag dieses Sammlers, weshalb er erst einmal das Dorf sucht und aufsucht, wo diese äußerst junge Künstlerin lebt. Dort trifft er auf keinerlei Argwohn, sondern eine aufgeschlossene Mutter, die selbst Töpferin ist, weshalb Farben im Haus waren, als Nina loslegte. Die zu treffen, ist erst mal schwierig, aber es gelingt ihm, weil sie sich heimlich in einer Scheune außerhalb niedergelassen hat, die sie zu ihrem geheimen Atelier machte. Denn für das Kind ist es ein Verlust, dass alle ihre Bilder von einer Kunstagentin abgeholt worden sind, die sie in der Welt meistbietend verkaufen will. Noch sind die Bilder in Sofia, aber sie will sie in ihre Galerie nach Rom holen, wohin das Mädchen folgen soll, denn in Bulgarien kann man keinen Kunstmarkt westlicher Größe aufmachen. In Rom ist mehr aus dem Mädchen herauszuschlagen.

Doch die will nicht, denn dieses erstaunlich gefestigte Mädchen weiß genau, was sie will und was nicht. Sie will nicht ihre Umgebung verlassen, ihre Freunde, die Tiere, die Pflanzen, eben ihre Heimat. Das versteht Mihail ganz gut, denn er hat mit denen, die im Dorf verblieben sind - die meisten sind weg, sagt ein Einwohner, der alle kennt und auch ihn freundlich begrüßt und zum öffentlichen Geburtstagfeiern eingeladen hatte, Mihail, wie er sich hier wieder nennen läßt, hat ein Dejavu nach dem anderen. Dieses ernste reife Mädchen erinnert ihn ununterbrochen an seine Tochter Roza und so wird seine Reise auch eine in die eigene Vergangenheit, die er nie angetreten und darum auch nicht aufgearbeitet hatte. Diese ständigen Rückblicke werden leicht mechanisch.

Er klärt die Frage, ob dieses Kind wirklich diese bunten abstrakten Gemälde gefertigt hat, denn er sieht ihr zu. Ihr hilft beim Malen auch niemand, wenn man einmal davon absieht, dass eigentlich das ganze Dorf malt. Aber ihre Bilder sind rein ihre.

Um sie kaufen zu können, muß er ihre Galeristin aufzusuchen, die gerade in Sofia ist, aber nach Rom weiterwill. Er kauft dort alle vorhandenen Werke für den kanadischen Sammler. Er ist in Sofia, wo seine Familie wohnt, die er unangemeldet besucht, von den Männern der Familie herzlich begrüßt, von seiner Schwester geschnitten und derart abgelehnt, dass er gleich wieder gehen will. Aber, das hat er inzwischen gelernt, er muß üben, an seinen Widerständen zu arbeiten. Denn die Schwester hat ja recht, dass er immer der größte Egoist ist. Daß er sich nicht angemeldet hat, hat ihr unmöglich gemacht, vorher zum Friseur zu gehen, was Schönes anzuziehen, sich auf ihn einstellen zu können etc.. Und so kommen sie über das Aussprechen ihrer Ängste und seelischen Verletzungen wieder zu einer geschwisterlichen Nähe.

Mihail nimmt die Kindheitserinnerungsstücke mit, die die Schwester für ihn aufbewahrt hatte. Seine Tochter wird in Kanada glücklich darüber sein und sie gleich ihrem kleinen Sohn zum Spielen übergeben. Es hat sich ein Kreis geschlossen. Ein familiärer, ein persönlicher.

Doch da ist noch das so selbständige kleine Mädchen. Die hat, als sie von den jetzt ernsten Umsiedlungsplänen nach Rom hörte alle ihre Bilder aus der Scheune geholt und sie zum Scheiterhaufen aufgeschichtet, als Michael kommt. Als er nachfragt, warum sie ihre eigenen Werke vernichtet, erklärt sie ihm, dass sie nie wieder malen wird, wenn das Ergebnis das Verlassen ihrer Heimat ist. Sicher geht Michail auch sein eigenes Leben durch den Sinn, als er nur nachfragt, warum sie das tue, aber ihre Motive nicht in Frage stellt. Nina ist fest entschlossen, sie weiß, was sie will, und als Michail ihr beim Weggehen sein Feuerzeug schenkt, zucken ihre Mundwinkel.

Eigentlich wäre hier Schluß. Ich wäre zufrieden über die innere Reise, zu der sich Michael aufgemacht hat. Es wird in Filmen immer wieder viel zu viel auserzählt. Daß er gut nach Kanada zurückkehrt, seine Tochter sich über die Mitbringsel freut und sein Enkel gleich damit zu spielen beginnt und beide in Zukunft für Michael wichtiger werden, das wäre in der eigenen Imagination sowieso so weitergegangen. Schließlich heißt der Film nach den beiden Personen, die ihn auf eine innere Reise schickten: die kleine Malerin NINA und seine Tochter ROZA. Daß er nach Bulgarien zurückginge, war nie eine Option.

Foto:
©Berlinale


Info:
103'
Kanada, Italien, Bulgarien, Belgien
2026
Farbe
Bulgarisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch

 
Info

Stab

Regie :Geneviève Dulude-de Celles
Buch: Geneviève Dulude-de Celles
Kamera Alexandre Nour Desjardins

Besetzung

Galin Stoev (Mihail)
Ekaterina Stanina (Nina)Chiara Caselli (Giulia Mancini)Christian Bégin (Christophe)
Nikolay Mutafchiev (Bogdan)
Michelle Tzontchev (Rose)
Sofia Stanina (Nina)