Mein persönliches Tagebuch zur 76. Berlinale, Teil 3
Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – Die Zeit rast. Ich sehe jeden Tag drei Wettbewerbsfilme für die Presse, zwei morgens im Berlinale-Palast, einen abends im CinemaX. Daneben laufen zahlreiche weitere Vorführungen nur für Journalisten aus anderen Sektionen. Und das größte Privileg – wenn man morgens pünktlich aufsteht, kann man sogar noch Karten für die oft schon ausverkauften Publikums-Vorführungen bekommen.
Nun kann ich am Donnerstag tatsächlich noch einmal „Die Blutgräfin“ von Ulrike Ottinger sehen.
Zwischen den Filmen finden – ohne Übertreibung – pausenlos Pressekonferenzen statt. Mir war das in den letzten Jahren oft zu anstrengend. Kino. Pressesaal. Schreiben. Kino. Pressesaal. Schreiben… Das ist harte Arbeit! Aber als ich jetzt Sandra Hüller und ihr Team nach „Rose“ erlebte und zwei Tage danach das ganze Vampir-Ensemble der „Blutgräfin“, war ich wieder fasziniert wie früher: Ottinger kam selbst – mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Conchita Wurst (ja, die ESC-Gewinnerin), die sich unseren Fragen stellten. Sogar Christine Urspruch war am Rand dabei, die kleine Helferin aus dem Münsterer „Tatort“, die in dem Streifen die „Kleine Gräfin“ gibt.
Aber darüber berichte ich demnächst bei der Besprechung des Werks, das natürlich nicht im Konkurrenzkampf, sondern als Berlinale Special Gala stattfindet. Es ist ebenfalls ein unglaublicher Luxus für uns Presseleute, die Akteure aus den Produktionen, die man soeben gesehen hat, so hautnah zu erleben.
Geguckt habe ich bis heute elf Beiträge, also fast die Hälfte - zwei Fehlende schaue ich noch bis zum Ende des Festivals. Die Berlinale begann mit der starken kämpferischen Naru im afghanischen Eröffnungsfilm „No Good Man“ – und solche couragierten „Sirenen“ tauchen ebenso in vielen Beiträgen der offiziellen Auswahl um den Goldenen Bären auf. Alle wurden und werden hier im Weltexpresso immer aktuell besprochen. Etwa wie kann die aus Tunesien stammende, in Paris lebende Lilia mit ihrer sexuellen Orientierung bei einem familiären Beerdigungsbesuch in Tunis umgehen? Muss sie die Frau, mit der sie zusammenlebt, auf der Reise vor ihrer Sippe verstecken? Kann oder will sie aber auch der Geliebten ihre eigene tunesische Seite zumuten? („Á Voix Basse“)
Überhaupt Familien – die sind ebenso ein bewegendes Thema auf dem Festival. In Finnland kommt eine Familie gar nicht erst zustande, weil der Gebärenden ihr Kind so fremd ist. Es ist „direkt aus der Natur geknallt“, wie Elfriede Jelinek vor vielen Jahren mal sagte. Die Mutter kann es nur mit Blut und rohem Fleisch stillen, entdeckt selbst ihre wilden Seiten – und irgendwann holt sich die Natur das Kind, die Mutter und deren Haus zurück („Yön Lapsi“).
Als Laura, Tänzerin und Mutter, aus der Alkoholentziehung zurückkommt, scheint die Familie zu zerfallen. Doch vielleicht gelingt ihr ja die Heilung („At the Sea“). Im Gegensatz dazu übertragen die Filmemacher den Titel „Rosebush Pruning“, den man mit Rosenkappung übersetzen könnte, wörtlich auf die Familie: Am Ende nach dem radikalen Schnitt sind die meisten tot.
In „Rose“ ist die Frau sogar ein Mann, aber natürlich doch eine mutige Frau. Sandra Hüller spielt Rose, einen aus dem (Dreißigjährigen) Krieg zurückgekehrten Soldaten, der den Hof eines getöteten Mitkämpfers übernehmen will. Er (sie) integriert sich im Dorf, schließlich muss er (sie) sogar eine Frau heiraten und die bekommt tatsächlich ein Kind, weil sie bereits schwanger war. Es war jahrhundertelang üblich, dass Frau „Hosen anzogen“, auch um sich vor brutalen Männern zu schützen oder aus Abenteuerlust. Das Werk lässt sich nicht unbedingt durch momentane queere Begehren vereinnahmen.
Diese Themen finden sich nicht nur in den Wettbewerbsbeiträgen, sondern auch in anderen Sektionen: Dazu werden viele Kinder- und Jugendfilme in „Generation“ angeboten, das „Forum“ zeigt dazu unglaublich viele Arbeiten aus anderen Kulturen. Das ist überhaupt das Schöne dieser Berlinale, aller Berlinalen, die ich hier in den letzten Jahren erlebt habe: Die Reisen in ferne Länder – oder in die ehemalige exotische DDR gleich um die Ecke.
Wird fortgesetzt
Foto
© Erik Weiss / Berlinale 2022