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Kategorie: Film & Fernsehen

fliegenDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 18


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Doch, doch, die Fliegen haben eine große, eine dramaturgische Funktion! Ganz am Anfang fängt es für Olga (Teresita Sánchez)schon morgens im Bett an, dass die Fliegen sich frech auf ihr niederlassen, sie kitzeln und so laut summen, dass sie nicht weiterschlafen kann. Viele Filmminuten werden wir ohne Ton und wie der ganze Film in Schwarzweiß ihre Fliegenjagd verfolgen, wozu gehört, dass sie am Schluß entnervt die Sprühdose holt und sie chemisch erledigen will und sich natürlich das Gift in die eigenen Augen sprüht, worüber das Publikum herzhaft lacht.

 

An solchen Stellen versteht man, wenn später Regisseur Fernando Eimbcke betonen wird, dass dieser Film nur in Schwarzweiß gedreht werden konnte und seine Vorbilder Vittorio de Sica und Chaplin seien. Denn wenn wir Olga bei ihrem ritualisiertem Leben zusehen, ihr ist deutlich langweilig und die Routine kann die Leere nicht verbergen. Sie wohnt in Inneren durchaus angenehm in einem riesigen Block ganz oben. Allein, niemand besucht sie, aber auch sie geht zu niemandem. Nur zum Arzt, hier geht es um die verwachsenen Fußnägel, und auf einmal stehen große Operationen an. Darauf ist sie finanziell nicht vorbereitet. Da kommt sie auf die Idee, ein leerstehendes Zimmer zu vermieten an Angehörige, die jemanden im Krankenhaus liegen haben.

 

Sofort meldet sich ein Mann, den wir schon zuvor mit seinem Sohn im Freien haben Brote schmieren und essen sehen. Diesen stutzt sie sofort zurecht, als er das Zimmer mieten will, und überfällt ihn mit all den Dingen, die er hier nicht tun darf, einschließlich in den Schrank schauen. Nichts liegt ihm ferner, er hat ein anderes Problem, das er löst. Er schmuggelt, als das Licht in Olgas Schlafzimmer ausgeht, seinen neunjährigen Sohn hinein. Die Mutter liegt nebenan im Krankenhaus. Doch zufällig entdeckt Olga die beiden zusammen in einem Lokal. Verärgert weiß sie, was zu tun ist. Sie ist eine herrische, geldgierige Vermieterin und fordert mehr Geld. Sonst kommt die Polizei.

Tulio (Hugo Ramírez) hat kein Geld mehr und muß sich auf eine Arbeitsstelle einlassen, um den Aufenthalt für sich und Sohn bei Olga und damit in der Nähe des Krankenhauses zu finanzieren. Der Vater ist also erst mal abwesend und eher durch Zufall bekommen Sohn Christian (Bastian Escobar) und die grantige Vermieterin miteinander zu tun. Und auf einmal gibt es zwei Sachen, die aus dem ungleichen Paar eine erfolgreiche Gang werden. Und das geht so. Das Erste ist die Pantoffeln der kranken Mutter ihr ins Krankenhaus zu bringen. Kinder dürfen hier nicht hinein und die Szenen, auf welchen Wegen dies Christian nun dennoch versucht, sind von chaplineskem Humor. Und als er endlich heimlich im angegebenen Zimmer ankommt liegt dort eine andere Frau. Aus gutem, das heißt hier schlechtem Grund, ahnen wir. Nein, sie ist noch nicht tot, aber liegt auf der Station der komatösen Patienten und wird sterben. Daß Christian trotz aller Verbote, dass Kinder hier nicht reindürfen, sie dennoch sehen kann, ist der Chuzpe von Olga zu verdanken, die sich mit gefälschtem Ausweis zur Schwester der Kranken erklärt und den Sohn als ihren Neffen einfach mitnimmt. Doch der erkennt unter all den Schläuchen und Beatmungsgerät seine Mutter nicht mehr. Und flieht

Da paßt es gut, dass die beiden etwas anderes teilen, nämlich die Leidenschaft für Gaming, diese Ego-Shooter, die mit irrer Geschwindigkeit die Flotten der anderen vernichten. Das kostet Geld. Aber wenn man ganz schnell ist, spielt man gegen die Maschine und wer gewinnt, streicht einen Riesengewinn ein. Erst übt Christian und dann wird er mit Olgas Hilfe so schnell werden, dass er tatsächlich auch den jahrelang Besten übertrifft und der beste Spieler aller Zeiten wird. Wo hat Olga nur ihre Kenntnisse her, denn sie dirigiert den Jungen durch ihre Kommentare.

 

Kannte sie den so lange ungeschlagenen Helden mit den Initialenabkürzung? Ist er der Mann, der hier nicht mehr existent ist. Auf jeden Fall gab es ein Kind. In dem Schrank im Zimmer der beiden sind lauter Kindersachen, auch dieses Fellkostüm, das man sich überwirft und ein Löwe ist. Oder ein Tiger. Und als sich Christian dies überzieht, flippt Olga aus. Da ist eine tiefe Verletzung und kurze Sequenzen, die wie ein Flashback aufflackern, zeigen einen furchtbaren Autounfall. Das ahnen wir alles mehr, als dass wir es wissen, verstehen aber nun diese Gleichgültigkeit im Leben der Olga, das erst mit den Aktionen mit Christian wieder Schwung erhält. Man erkennt sie buchstäblich nicht wieder. Und sie trauert auch genauso tief mit dem Jungen, als die mütterliche Todesnachricht eintrifft, wie sie vorher mit ihm gespielt und Unsinn getrieben hat.

 

Vater und Sohn packen zusammen, sie müssen alleine nach Hause ziehen, aber lassen eine Olga zurück, die eine andere ist, als sie vor ihrem Untermieterdasein war.


Foto:
©Berlinale

Info:

Stab
Regie Fernando Eimbcke
Buch Vanesa Garnica, Fernando Eimbcke
Kamera Maria Secco

Besetzung 
Teresita Sánchez (Olga)
Hugo Ramírez (Tulio)
Bastian Escobar (Cristian)