Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Resümee, Teil 28
Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – Mit den Preisverleihungen im Wettbewerb endete am Samstag die 76. Berlinale. Den Goldenen Bären für den Besten Film gewann der deutsche Beitrag „Gelbe Briefe“. Ein weiterer Silberbär ging an Sandra Hüller in der deutsch-österreichischen Produktion „Rose“.
Es sei nicht einfach gewesen, den Hauptpreis zu vergeben, erklärte Jury-Präsident Wim Wenders: „Drei Meisterwerke konkurrierten miteinander“. Letztlich setzte sich „Gelbe Briefe“ durch, ein in der Türkei verortetes Politdrama, in dem ein Künstlerehepaar unter wachsendem staatlichem Druck gerät. Ihre Kündigungen vom Theater und der Hochschule erreichen sie in gelben Umschlägen – amtlich, kühl, endgültig.
Der Streifen musste in Deutschland gedreht werden, weil ein kritischer Film nicht in der Türkei realisiert werden konnte, ohne ins Gefängnis zu kommen. Doch der türkischstämmige Regisseur Ilker Çatak verschleierte das nicht, sondern blendete „Berlin als Ankara“ und „Hamburg als Istanbul“ bewusst ein. So wird klar: Das Thema ist universell und betrifft auch uns. Wenders sagte, dieses Drama ginge uns allen unter die Haut, gerade jenen, „die in ihrem Land oder in ihrer Nachbarschaft die Zeichen der Willkür sehen."
Damit schloss sich der Kreis, denn der Eröffnungsfilm der Festspiele zeigte ebenfalls das Leid einer kämpferischen Frau in Afghanistan vor der Machtergreifung der Taliban („No Good Man“). Wieder einmal erfüllte die Berlinale ihren Anspruch, ein politisches Festival zu sein, ein „Schaufenster der freien Welt“, wie es seinerzeit hieß.
Doch Politik machen soll das Festival nicht – das forderten palästinensische Aktivisten auf den Pressekonferenzen, sehr zum Unmut mancher Filmschaffender. Auch einige Preisträger kritisierten Israel auf der Bühne, ohne die Hamas zu erwähnen. Wenders wurde verkürzt zitiert; zum Auftakt hatte er betont, Film sei politisch, aber keine Politik.
Weitere Besonderheiten der Prämierung waren zwei Silberbären für einen Beitrag: In „Queen at Sea“ empört sich die Tochter, dass ihre an Demenz erkrankte Mutter Sex mit deren Ehemann habe. Als sie die Polizei ruft, verselbständigen sich die Ereignisse. Für ihr einfühlsames Spiel erhielt das Paar den Silberbären Beste schauspielerische Nebendarstellung. Zudem ging der Preis der Jury an die Produktion.
„Kurtuluş“ bekam den Großen Preis der Jury. Das dramatische Werk spielt in einem abgelegenen Dorf in den türkischen Bergen. Es zeigt den Konflikt zwischen zwei Clans, in dem Hass und Verschwörung zu einer Tragödie führen. Wuchtige Bilder und leidenschaftliche Beziehungen begründen die hohe Auszeichnung.
Sandra Hüller wurde als Kandidatin für einen Silberbären gehandelt. Unnachahmlich spielt sie eine Frau als Mann im 17. Jahrhundert, nicht weil sie sich als „Rose“ (Titel) so fühlt, sondern weil sie mit Hosen leichter durchs Leben kommt. Problematisch wird es, als sie heiraten soll… Sie bleibt in der Erzählung eine Frau – die sich nicht vom aktuellen Genderdiskurs vereinnahmen lässt.
Der Wettbewerb spiegelte die enorme Bandbreite des Festivals. Über 270 Werke wurden in vielen Sektionen gezeigt: in „Generation“ mit Kinder- und Jugendfilmen, „Perspektives“ und „Berlinale Shorts“, wo auch einzelne Bären vergeben wurden. Rund 330.000 Besucher kamen – die Berlinale bestätigte ihren Ruf als größtes Publikumsfestival der Welt.
Foto
Anna Calder-Marshall & Tom Courtenay (Queen at Sea)
© Richard Hübner / Berlinale