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Kategorie: Film & Fernsehen
gelbe2Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 5. März 2026, Teil 5

Judith Kaufmann 

Berlin (Weltexpresso) – GELBE BRIEFE ist schon meine vierte Zusammenarbeit mit Regisseur İlker Çatak, und jeder dieser Filme war auf seine Art besonders. Unsere Zusammenarbeit war von Anfang an kongenial und hat sich im Laufe der vier gemeinsamen Filme immer weiterentwickelt. Wir haben eine Form der Zusammenarbeit, wie ich sie mir wünsche. Wir beginnen immer mit ausführlichen Gesprächen über das Drehbuch: über die Geschichte, die Konstellationen, den Kern der Erzählung, über Haltung – und über İlkers Blick auf die Figuren.

Wir schauen gemeinsam Filme, lassen uns von Musik inspirieren und suchen für jedes Projekt einen neuen, eigenen Blick. Diese Gespräche finden statt, lange bevor wir über Kamera oder Bildgestaltung sprechen. Das ist das Besondere an dieser Zusammenarbeit, dieses gemeinsame Herantasten und stetige Hinterfragen. Und dabei geht es eben nicht nur um das Visuelle, sondern auch um Rhythmus, Inszenierung, Schauspiel, Besetzung oder Montage. Wir sind immer gemeinsam auf der Suche, das ist das Schöne.

Bei GELBE BRIEFE kam aber noch etwas hinzu, was für uns alle ganz neu war. Denn obwohl der Film in der Türkei spielt, haben wir in zwei deutschen Städten gedreht, die stellvertretend für die Türkei stehen: Berlin verkörpert Ankara, Hamburg Istanbul. Die Idee war, auf visueller Ebene eine abstraktere Form zu finden – und so eine universelle Geschichte zu erzählen: darüber, wie Menschen unter Druck geraten, ihre Werte hinterfragen und ihre moralischen Grenzen neu definieren müssen. Genau darin lag die Herausforderung. Wir erzählen mit ausschließlich türkischen Schauspieler:innen, in ihrer Sprache und „ihrer Heimat“ – und sind zugleich nie wirklich dort.

Dieses Spiel mit der Frage „Wo befinden wir uns?“ wurde zu einem zentralen Bestandteil des Projekts. Ist der Ort überhaupt entscheidend? Oder erzählen wir etwas, das überall auf der Welt geschehen könnte? Uns war es wichtig, diese „Orts-Transformation“ bewusst und spielerisch anzugehen – ohne den Versuch, die Türkei künstlich zu imitieren, etwa durch Straßen- oder Nummernschilder. Wir wollten Orientalismus vermeiden, keinen touristischen, sentimentalen Türkei-Blick, sondern eine klare, formale Haltung. Dafür haben wir uns eine Art Regelbuch erstellt, das unsere gestalterische Linie vorgab. Eine weitere große Herausforderung war für mich die Sprache – die ausschließlich türkischen Dialoge.

Der Film hat rund 70 Sprechrollen, ein riesiges Ensemble, da diese kleine Familie durch unterschiedliche gesellschaftliche, kulturelle und politische Milieus reist. Ein Großteil meiner Arbeit basiert auf Intuition. Aber wenn man die Sprache – die Dialoge und auch die Nuancen der Regieanweisungen – nicht versteht, entsteht immer das Gefühl, etwas Wesentliches zu verpassen. Anfangs habe ich mit Simultanübersetzungs-Apps gearbeitet, aber das resultierte in einer permanenten Unsicherheit, ob das, was übersetzt wird, wirklich gemeint war. Am Ende musste ich lernen, meiner Intuition zu vertrauen – mich stärker auf Körpersprache, auf Zwischentöne, auf das Unsichtbare zu konzentrieren. Das war ein aufregender, bereichernder Prozess.


Foto:
©Verleih

Info:
Besetzung
Derya ÖZGÜ NAMAL
Aziz TANSU BİÇER
Ezgi LEYLA SMYRNA CABAS
Güngör Hanim İPEK BİLGİN
Salih AYDIN IŞIK
Baran AZİZ ÇAPKURT
Fikret YUSUF AKGÜN
Kadriye UYGAR TAMER
Kübra JALE ARIKAN
Sema SEDA TÜRKMEN
Ismail Karacabraş EMRE BAKAR
Cemre ELİT İŞCAN
Rojda SULTAN ULUTAŞ ALOPÉ
Gülin EMİNE MEYREM
Zeynep İPEK SEYALIOĞLU

Regie İLKER ÇATAK
Drehbuch İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN
Bildgestaltung JUDITH KAUFMANN
Montage GESA JÄGER
Szenenbild ZAZIE KNEPPER

TECHNISCHE DATEN
Deutschland, Frankreich, Türkei
2026
Lauflänge: 128 Minuten

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