Nachschiebsel zur 76. Berlinale vom 12. - 22. Februar 2026Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Mit dieser Drohung nahm der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der als Flüchtling in Deutschland lebt, seine Auszeichnung auf der Berlinale 2026 entgegen.
Der Preis ist mit 50.000 Euro für das beste Erstlingswerk dotiert. Vorher ließ sich Tricia Tuttle, die Intendantin der Festspiele, gemeinsam mit ihm und seinem Team lachend vor einer Palästina-Flagge fotografieren.
Auf der Bühne hatte der Filmemacher später Israel bezichtigt in Gaza „Völkermord“ zu begehen – ein derzeit international stark umstrittener Vorwurf. Bereits in sämtlichen Pressekonferenzen zu den Wettbewerbsfilmen hatten pro-palästinensische Aktivisten, die wahrscheinlich als Blogger eine Akkreditierung erhielten, die Filmschaffenden auf der Bühne in Bedrängnis gebracht. Vehement verlangten sie von ihnen eine deutliche Verurteilung Israels wegen „Völkermord“ und „Genozid“ in Gaza. Das heißt, die Aktivisten behaupteten, Israel wolle die Palästinenser ermorden und ausrotten – ein schwerer Vorwurf, der bislang nicht bewiesen ist und international umstritten bleibt. Die BZ titelte: "So zerstört man ein Festival."
In solchen Situationen zeigt sich, dass kulturelle Institutionen nicht nur Räume der freien Rede sind, sondern auch Orte der Verantwortung sein müssen – gerade, wenn politische Parolen den Diskurs dominieren. In dieser aufgeheizten Atmosphäre spielte der Hintergrund des Konflikts kaum eine Rolle. Es wurde nicht über die Ursachen des „Gaza-Krieges“ – eigentlich müsste es heißen der militärischen Verfolgung der Hamas-Terroristen – gesprochen. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind in dem israelischen Feldzug 70.000 bis 100.000 Menschen in Gaza gestorben, darunter nach verschiedenen Schätzungen 10 bis 30% Kämpfer der Hamas.
Ob sich nun aus dem Ausmaß der Zerstörung der Vorwurf eines „Genozids“ ableiten lässt, ist fragwürdig. Der Begriff ist völkerrechtlich nicht durch die Zahl der Opfer definiert, sondern durch die nachweisbare Absicht, eine nationale oder ethnische Gruppe zu vernichten. Israel erklärt seinen Feldzug deutlich als militärische Verfolgung der Hamas-Terrororganisation nach dem Angriff vom 7. Oktober 2023 – genau über diese Abwägung wurde geschwiegen.
Meines Erachtens wäre es eine Aufgabe der Moderatoren der Berlinale gewesen, diese israel- bis judenfeindlichen Aussagen früh zu unterbinden. Hier hat die Intendantin versagt, weil sie keine klaren Vorgaben für die öffentlichen Auseinandersetzungen machte. Bereits in der ersten Befragung der Wettbewerbs-Jury wurde Wim Wenders in Verlegenheit gebracht und später falsch, das heißt verkürzt zitiert. Er argumentierte grundsätzlich, dass Filmschaffende nicht als politische Akteure auftreten sollten, sondern dass Kino ein emotionales und menschliches Gegengewicht zur Politik bilde: „Das Kino hat eine unglaubliche Kraft, mitfühlend und empathisch zu sein. Nachrichten sind nicht empathisch. Politik ist nicht empathisch. Aber Filme schon. Und das ist unsere Pflicht.“
Im Gegensatz zu den Hunderten von Filmschaffenden und Akkreditierten habe ich keine offenen Briefe zur Unterstützung Tuttles und für die Fortsetzung ihres Intendantinnen-Jobs unterzeichnet. Dieses propalästinensische Foto – und ihre, um Herbert Marcuse zu zitieren, „repressive Toleranz“ für israel- und judenfeindliche Behauptungen – fand ich indiskutabel. Wenn Institutionen aus Neutralität auch intoleranten Positionen Raum geben, stabilisieren sie am Ende genau jene Diskurse, die Freiheit und Minderheiten bedrohen. Andererseits fand ich Tuttles kuratorische und organisatorische Arbeit gelungen, sie hat sich abgehoben von ihrem Vorgänger-Duo, für das Dieter Kosslicks Fußspuren entschieden zu groß waren.
Deshalb halte ich es für eine gute Lösung, der Intendantin ein „beratendes Forum“ zur Seite zu stellen und einen verbindlichen Verhaltenskodex für Kulturveranstaltungen des Bundes zu formulieren.
Foto:
© Richard Hübner / Berlinale