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Kategorie: Kulturbetrieb
Julian Chaim Soussan Michael Weber Nargess Eskandari Grünberg Romani Rose Fatima Stieb Copyright Stadt Frankfurt am Main Roesslerzur Geschichte der Sinti und Roma

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Es sind nur zwei Sätze, doch sie bedeuten viel. „Die Stadt erinnert mit dieser Tafel an den ersten urkundlichen Nachweis von Sinti in der Stadt Frankfurt am Main. Erwähnt wird ihre Ankunft in einem erhaltenen Dokument des Frankfurter Rates aus dem Jahr 1417.“ So steht es auf der Gedenkplakette, die Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg am Dienstag, 27. Januar, gemeinsam mit Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, am Stadthaus am Dom enthüllt hat. Außerdem sind darauf Symbole der Roma- und Sinti-Kultur zu sehen.

Gedenktafel Sinti und Roma Copyright Stadt Frankfurt am Main RoesslerDamit erfüllt die Stadt Frankfurt einen seit langem von Verbänden der Sinti und Roma geäußerten Wunsch, die 600-jährige Geschichte der Minderheit im Stadtbild sichtbar zu machen. Gestaltet hat die Tafel der Künstler Professor Jürgen Goertz. Bei der Enthüllung waren auch Fatima Stieb vom Landesverband Sinti und Roma Hessen, der Vorsitzende des Fördervereins Roma Joachim Brenner und Michael Weber, Vorsteher des Ortsbeirats 1, dabei. Die musikalische Umrahmung übernahm das Philharmonische Orchester der Sinti und Roma.

„Auf den ersten Blick mag der Text der Tafel ein sehr sachlicher Hinweis sein. Doch wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir die große gesellschaftliche Bedeutung. Denn die Gedenkplakette erinnert uns daran, dass Sinti seit dem Jahr 1417 Teil dieser Stadt sind – als Musiker, Handwerker, Künstler, Nachbarn und Mitbürger:innen. Sinti und Roma sind bereits seit Jahrhunderten fester Bestandteil wesentlicher Orte unseres Stadtlebens“, sagte Eskandari-Grünberg.

Romani Rose erinnerte in seiner Rede daran, dass Sinti, als sie im 15. Jahrhundert nach Frankfurt kamen, auf Grund eines päpstlichen Begleitbriefs zunächst freundlich aufgenommen worden seien. Dies habe sich jedoch bald geändert. „Schon 1498 wurde unsere Minderheit für vogelfrei erklärt. Hiermit einher gingen Aufenthaltsverbote mit der Anweisung, außerhalb der Stadtmauern zu leben. Sowohl Sinti als auch Juden galten als Heiden und waren einer gesellschaftlichen Ausgrenzung ausgesetzt. Die Auswirkungen dieses tief verwurzelten Antiziganismus reichen bis in die Gegenwart.“

Daraus habe auch der NS-Staat die Ermordung von 500.000 Sinti und Roma legitimiert. Die Stadt Frankfurt setze mit der Anbringung der Tafel inmitten ihrer Stadt „ein weiteres, wichtiges Zeichen der Verantwortung mit dem Hinweis auf unsere 600-jährige Geschichte“, sagte Rose weiter. „Frankfurt zollt uns den Respekt, der uns lange verweigert wurde.“

„Wir wollten als Ortsbeirat ein Zeichen an Sinti und Roma senden: Ihr gehört dazu“, sagte Ortsvorsteher Weber. Der Ortsbeirat 1 hatte 2022 einen Antrag an den Magistrat für die Gedenkplakette gestellt. Joachim Brenner erinnerte an die unwürdige Entstehung der Gedenkplakette am ehemaligen Stadtgesundheitsamt, die lange keine Unterstützung von städtischen Ämtern und dem Magistrat hatte. „Hier hat sich gezeigt, dass es auch anders geht.“

Die Enthüllung war eingebettet in ein vierstündiges Programm mit Musik, Reden sowie einer Filmvorführung mit Diskussion im Stadthaus. Gezeigt wurde „Der lange Weg der Sinti und Roma“ von Adrian Oeser, in dem es um die Verfolgung und Ermordung der Minderheit, aber auch um den bis heute existierenden Rassismus geht. Zwei Protagonistinnen und Protagonisten des Films, Gianni Jovanovic und Jùlie Halilic, diskutierten anschließend über den Film und die Hintergründe.

Die Rede von Romani Rose ist als PDF-Dokument zum Download beigefügt.

Download
Die Rede von Romani Rose zur Enthüllung der Gedenktafel am Stadthaus

Fotos:
Nach der Enthüllung der Gedenktafel am Stadthaus (v.l.): Julian-Chaim Soussan, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, Ortsvorsteher Michael Weber, Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, und Fatima Stieb vom Landesverband Sinti und Roma,
©Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler

Die Gedenktafel hängt an der Außenfassade des Stadthauses, darunter ein QR-Code mit weiteren Informationen
©Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler