erhält den Ludwig-Börne-Preis 2026
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main - Der Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung hat am Dienstag mitgeteilt, daß sein gewählter Preisrichter Reinhard Müller den in Australien geborenen, in England lehrenden und im Deutschen Fernsehen in vielen Sendungen hauptsächlich zur Geschichte Deutschlands berichtenden Historiker Christopher Clark als Preisträger des Ludwig-Börne-Preises für das Jahr 2026 ausgewählt hat. Das ist in doppelter Hinsicht interessant. Denn normalerweise werden Preise von meist in ungerader Zahl fungierenden Jurys entschieden. ABER und es ist ein großes ABER, wer je in einer Jury saß und die Diskussionen miterlebte, erlebt eben auch, daß am Schluß derjenige, auf den sich alle einigen können, weder der Beste, noch der Hervorstechendste, noch der Neuerer, noch der ..., sondern eben einer ohne viel Ecken und Kanten der Durchschnittlichste ist.
Deshalb war es eine gute Entscheidung, daß bei der Einführung des Ludwig-Börne-Preises durch die Ludwig-Börne-Stiftung auf eine Jury verzichtet wurde und stattdessen ein Mann, eine Frau vom Vorstand bestimmt wird, die dann den Preisträger seiner/ihrer Wahl bestimmt. Es wird also mit der Entscheidung des Vorstandes für einen Juror in gewisser Weise auch über den zukünftigen Preisträger mitentschieden, weil man sich mit den jeweiligen Personen politische, gesellschaftliche, kulturelle Präferenzen vorstellen kann. Interessant wird es, wenn der ausgewählte Preisrichter eine Person nominiert, mit der niemand gerechnet hatte. Das geschah einige Male. Es ist aber schon lange her, daß der Vorstand Personen auswählte, die dann wiederum Preisträger bestimmten, die nicht dem Mainstream entstammten, sondern eigenwillige und sehr kritische Zeitgenossen waren/sind. Der so früh verstorbene Frank Schirrmacher, damals Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte 2001 Rudolf Augstein bestimmt, der damals eher nicht mehr so angesagt war, Rachel Salamander hatte Hans-Magnus Enzensberger ausgewählt, Joschka Fischer dann George Steiner, aber erst Jorge Semprun, der spanische Kämpfer gegen Franco, den die Nazisnach Buchenwald brachten, was er überlebte, und auch Franco, so daß er, der in Frankreich im Exil lebte, sogar der erste freie spanische Kultusminister wurde. Also erst Jorge Semprun brachte im Jahr 2004 mit seiner Auswahl von Daniela Dahn, einer Journalistin und Buchautorin, die in der DDR ihrer politischen Aussagen wegen im Gefängnis gesessen hatte, jemanden, der für das westdeutsche Kulturbürgertum weithin unbekannt war, obwohl ihre Bücher schon damals bei Rowohlt erschienen. Aber die Anwesenden konnten bei der Überreichung des Preises, der Laudatio durch Semprun und der Rede von Daniela Dahn sie kennenlernen. Denn sie sprach über die Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik und auch darüber, in welchem ungeheuren Ausmaß der private Besitz an Grund und Boden in den neuen Bundesländern Westdeutschen gehört.
Im Rund der Paulskirche ging das noch gesittet zu, aber anderntags kam in der FAZ eine Glosse, die richtig gemein, geradezu niederträchtig mit Daniela Dahn abrechnete. Das war nicht nur unter Niveau, es war auch inhaltlich falsch. Leider hat der Vorstand seither keine Person mehr benannt, die sich traute, jemanden Ungewöhnlichen auszusuchen. Wenn nun der Preisrichter Reinhard Müller, F.A.Z.-Ressortleiter für Zeitgeschehen sowie für Staat und Recht Christopher Clark auswählt, dann gilt beides: auch dieser ist Mainstream, aber er hat den Deutschen zu vielen Themen geschichtliche Hintergründe geliefert, die immer einen aufklärerischen Touch haben. So sagt Müller: „Christopher Clark ist ein mitreißender Erzähler von Geschichte, der uns unbefangen erklärt, wie wir wurden, was wir sind. Und was aus uns werden kann. Er hat einem breiten Publikum neue Perspektiven auf das Taumeln in einen Weltkrieg und auf die europäischen Revolutionen eröffnet.“ Was man hinzufügen kann, ist, daß zudem Clarks Spektrum über Geschichte und Politik weit hinausgeht, auch Landschaften und anderes miteinbezieht. Auf seine Dankesrede kann man gespannt sein.
Auffällig ist, daß viele der Preisträger zuvor einmal Preisrichter waren oder umgekehrt und auch, wie oft die Personen mit der FAZ verbandelt sind. So auch Marcel Reich-Ranicki, der 1995 als Preisträger ausgewählt wurde, der - das ist von heute her interessant - im Jahr 1993, dem ersten Jahr des Preises, als Preisrichter Joachim Kaiser zum Preisträger machte. Dieser herausragende Musikkritiker und Musikerklärer ist heute weithin vergessen. So ist eine Auflistung der Preisrichter und Preisträger auch eine kulturgeschichtliche Rückschau auf wichtige Menschen der jeweiligen Zeit.
Der mit 20.000 Euro dotierte Preis, der an den Frankfurter Juden Ludwig Börne erinnern soll, wird im Rahmen einer Feierstunde am 10. Mai um 11 Uhr in der Frankfurter Paulskirche überreicht.
Die bisherigen Preisträgern waren überwiegend Männer. 28 Männer und 4 Frauen. Das ist ein Armutszeugnis. Leider resultiert es nicht daraus, daß männliche Preisrichter diese Männer auswählen. Bei den Preisrichtern, also den Personen, die der Vorstand der Stiftung bestimmt, sieht das Geschlechterverhältnis folgendermaßen aus: 28 Männer und 6 Frauen. Von diesen sechs Frauen haben fünf Frauen Männer, bekannte Männer gewählt! Nur Monika Maron hat im zweiten Jahr des Preises 1994 als Preisrichterin Marie Luise Scherrer ausgewählt. Die anderen fünf wurden von Männern bestimmt. So wurde auch Alice Schweizer Preisträgerin, die 2008 von Harald Schmidt ausgewählt worden war.
P.S. Noch einmal zur Entscheidung der Stiftung, nicht eine Jury entscheiden zu lassen, sondern eine Einzelperson auswählen zu lassen. Es gibt eine unrühmliche Entscheidung der ersten Jury des Deutschen Buchpreises 2005. Damals war in der Auswahl der letzten Sechs auch Daniel Kehlmann - übrigens Börne-Preisträger 2024, durch Felicitas von Lovenberg nominiert - mit seinem sensationellen Roman DIE VERMESSUNG DER WELT, einem der größten deutschen Bucherfolge, auch in Übersetzungen schon vor Jahren über 6 Millionen Auflage. Doch in der damaligen Jury gab es einen weiteren erfolgreichen Aspiranten, so daß sich zwei gegenüberstanden, weshalb die Juryvorsitzende einen Dritten vorschlug, der einen auch inhaltlich zu kritisierenden Roman als Erstling vorlegte, aber von der Jury dann als Wenn-zwei-sich-streiten, freut-sich-der-Dritte der erste deutsche Buchpreisträger wurde.
Foto:
©Deutschlandfunk