Theologische Impulse (193) Thorsten Latzel
Rheinland (Weltexpresso) - Die Umbrüche, die uns als Gesellschaft aktuell beschäftigen, sind tiefgreifend: Klimawandel, machtpolitische Willkür von Großmächten, ein neu erwachtes nationalistisches Denken, sich selbst fortentwickelnde KI, demographische Wandel. Die Menge der Umbrüche ließe sich leicht erweitern – das ist aber nur das eine.
Das andere ist die Frage, ob und wie wir in der Lage sind, mit ihnen angemessen umzugehen: ob wir die Kompetenz haben, die richtigen Entscheidung zu treffen und umzusetzen. Also zu leiten und uns leiten zu lassen – individuell, organisational wie gesellschaftlich. Und hier kommt ein Vertrauensverlust zum Zug, der alle Institutionen betrifft, auch uns als Kirche. Unser Reden von Zukunft schwankt irgendwo zwischen Apokalypse und technologischen Utopien. Wobei gerade in einer alternden Gesellschaft wie Deutschland eher die kritischen Töne dominieren. Weniger im Blick auf den eigenen Nahbereich, mehr auf das Gesamtbild. „Früher war mehr Lametta.“ Bei den täglichen Nachrichten kann einen mitunter ein Gefühl beschleichen, wie es Walter Benjamin vom Engel der Geschichte beschreibt: Mit dem Rücken zur Zukunft wird er von einem Sturm in sie hineingetrieben, ohne dass er mit dem Aufräumen der neuen Katastrophen vor sich hinterherkäme.
Wenn wir aktuell über „Führen in die Zukunft“ und „Gestaltung von Umbrüchen“ reden, braucht es mehr als Management-Technik oder religiöse Moral. So hilfreich beides auch sein mag. Es geht viel tiefer um ein fundamental anderes Selbstverständnis. Um die Bedingung der Möglichkeit, wie angesichts der Größe der Herausforderungen verantwortliches Führen überhaupt gelingen kann. Jenseits managebarer Machbarkeit. Und da kommt der Glaube ins Spiel.
Die Bibel ist kein religiöses Manager-Handbuch ‘How to manage your business, your family, your life’. Aber sie ist ein ethisches Leitbuch – gerade auch für Menschen in Führungs-Verantwortung. Sie erzählt Geschichten aus über 1.000 Jahren, wie Menschen mit Umbrüchen und ungewissen Zukünften umgegangen sind. Und wie sie selbst von Gott geleitet wurden.
Angesichts der Größe der eingangs geschilderten Herausforderungen habe ich aus der Wolke der Zeug/innen einmal die große Nummer gewählt: Leiten mit Mose.
Es geht um den Pharao als Urbild autokratischer Herrscher, um Wüstenerfahrung, die Teilung des Schilf-Meeres, den Aufbruch ins verheißene Land – und wie man ein ganzes Volk dahin bekommt. Ich lege keine zehn in Stein gemeißelten Gebote des Managements vor, vielmehr siebeneinhalb in Wüsten-Sand gezeichnete Impulse für geistliches Leiten.
1. Unverfügbarkeit – und der Abschied menschlicher Kontroll-Fiktion.
Die Geschichte des Moses beginnt in einem Schilfkorb auf dem Nil: verfolgt von ägyptischen Häschern, eine Art antiker ICE-Beamter – ausgesetzt in einem Akt mütterlicher Verzweiflung, landet er als Säugling am Hof des Pharaos.
Am Ende seines Lebens wird Gott selbst ihm ein Grab bereiten, das niemand anderes kennt. Beides steht symbolisch für die radikale Unverfügbarkeit des Lebens, seiner Geborgenheit in Gott. „Ich leb und weiß nicht, wie lang / ich sterb und weiß nicht, wann / ich fahr und weiß nicht, wohin / mich wundert‘s, dass ich so – fröhlich (oder unglücklich) – bin.“ Von Mose leiten zu lernen, heißt zu allererst, sich selbst von Gott leiten zu lassen – aus einer tiefen letzten Unverfügbarkeit zu leben. Als Mose mit zehn Plagen gegen den Pharao streitet, als er das Schilfmeer spaltet, als er das Volk in der Wüste mit Wachteln und Manna versorgt, tut nicht er das. Es ist Gott, der durch ihn handelt.
Führung geschieht generell unter Bedingungen der Un-Verfügbarkeit, im Großen wie im Kleinen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat den Gedanken der Unverfügbarkeit neu entfaltet. „Moderne Gesellschaften leiden an dem Zwang“, so Rosa, „alles verfügbar machen zu wollen.“ Dagegen ist es gut, die conditio Jacobi wieder ins Gedächtnis zu rufen (Jak 4,13-15): „Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
„Deo volente“. „So Gott will.“: Das ist mehr als eine fromme Floskel.
Es ist ein Schutz vor Fatalismus wie Zukunftsangst einerseits und vor Machbarkeitswahn andererseits. Zukunft wird von unserem Handeln mit beeinflusst. Sie wird aber nicht von uns gemacht. Letztlich liegt sie allein in Gottes Hand.
Unsere Aufgabe ist es, die uns geschenkte Freiheit zu nutzen, um sie im Geiste Gottes zu gestalten. Mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Geistlich leiten heißt, mit Gott zu rechnen, um gerade so zukunftsfähig handeln zu können. Oder um noch einmal Bonhoeffer zu zitieren: Gott wartet auf unsere aufrichtigen Gebete und verantwortungsvollen Taten und antwortet auf sie.
2. Wüste – und die radikale Begegnung mit mir selbst
Bevor Mose das Volk führt, hütet er die Schafe seines Schwiegervaters Jitro in der Wüste. Als junger Mann, sozial engagierter Aktivist, hat er einen ägyptischen Aufseher erschlagen, als der einen hebräischen Sklaven misshandelt hatte. Danach muss er fliehen. In die Einöde, zu den Schafen. Der junge Held vom Königshof wird zum Wüstenhirten. Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Das ist wichtig: die Arbeit als Hirte, die Wüste als Ort der Einsamkeit, der Einkehr, der Versuchung. Die Begegnung mit sich selbst, den wilden Tieren, den inneren wie äußeren Dämonen – und mit Gott.
Am Anfang steht die Wüste. Auch Jesu Weg wird später in der Wüste beginnen (Mk 1,13): „Und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ Wer andere leiten will, muss klären, was ihn selbst leitet. Muss darauf achten, auf welche Stimmen er hört, wie er mit Versuchungen umgeht, welche innere Kraft er besitzt, um zu widerstehen, was seine geistlichen Quellen sind.
40 Jahre lang wird die Wüste dann der Ort sein, durch den er im Namen Gottes das Volk Israel führt. So lange, bis das Volk selbst die Freiheit gewonnen hat, aus Gottes Unverfügbarkeit zu leben. Es geht dabei um mehr als eine Ethik des Verzichts. Es geht um Konzentration auf das Wesentliche. Um Askese, geistliche Übung: Reduce to the max. Was hält mich, wenn alles andere weg ist? Hinter uns als Gesellschaft liegen über 80 Jahre Freiheit und Fortschritt nach dem Zweiten Weltkrieg. Was vor uns liegt, wissen wir nicht. Die Frage aber, wie es uns gelingt, Umbrüche zu gestalten und in die Zukunft zu führen, hängt wesentlich auch mit unserer Wüstenkompetenz zusammen.
Woraus lebe ich und wofür? Was leitet mich? Welche innere Widerstandskraft besitze ich?
Auch für das Wirtschaftsleben ist dies nicht allein mit Geld zu beantworten. Das ist ein Tauschmittel. Wer nichts als Geld verdient, hat nichts als Geld verdient. Alle sozialen Teilbereiche haben die Aufgabe, der Würde des Menschen zu dienen. Einer Gesellschaft von Freien und Gleichen, in der man ohne Angst verschieden sein kann.
Es ist erschreckend, wenn US-Konzerne nicht einschreiten, wenn ihre migrantischen Mitarbeitenden festgenommen werden, und ihre Diversitätsprogramme einstellen, nur weil es politisch opportun ist.
In der Wüste geht es um innere Haltung, um Kraft zum Widerstand, letztlich um Freiheit. Die Zehn Gebote sind wüsten-geborene Freiheitssätze. „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben hier.“
Geistlich leiten heißt, aus wüsten-geborener Freiheit zu handeln.
3. Demut – und die Stärke, um die eigenen Grenzen zu wissen
Als Mose berufen wird, versucht er Gott wortreich zu erklären, warum das keine gute Idee sei. „Wer bin ich?“ „Ich stottere, habe eine schwere Zunge.“ „Mein Bruder Aaron kann das besser.“ „Und wer bist du?“ „Was soll ich sagen, wer mich sendet?“ „Sie werden mir nicht glauben.“ Das ist typisch für biblische Berufungsgeschichten: das Wissen um die eigenen Grenzen. Doch Kritik an himmlischen Assessment-Verfahren ist nie von besonderem Erfolg gekrönt. Gott in seiner kreativen Liebe erwählt nicht das Starke, sondern macht das Erwählte stark.
Demut, Bescheidenheit, das Wissen um die eigenen Grenzen sind zentrale Leitungskompetenzen. Das krasse Gegenbeispiel dazu ist die megalo-manische Selbstbeweihräucherung à la Trump. „Amazing. Incredible.“ Prototyp einer Poser-Mentalität. Immobilienmakler, kein Hirte. Doch Demut ist ebenso weit entfernt von selbstgemachter Demut, beliebt in kirchlicher Binnenkultur. Etwa bei Bewerbungsverfahren: „Ich wollte die Leitung gar nicht. Alle anderen haben mich gedrängt.“ „Meine Schwäche? O, ich bin so schrecklich ungeduldig.“
Demut ist ein angestaubtes Wort, im Beliebtheitsgrad ungefähr gleichauf mit Mottenkugeln. Noch dazu wird es oft mit unterwürfig, gar demütigend assoziiert.
Doch Demut im christlichen Sinne meint etwas ganz anderes. Es geht darum, dass ich mich selbst ernst, aber nicht zu wichtig nehme. Mein schönes, kleines, endliches Leben im Angesicht der Ewigkeit Gottes sehe. Der verstorbene Papst Franziskus hat es treffend formuliert: „Die Demut rückt alles wieder ins rechte Licht: Wir sind wunderbare, aber begrenzte Geschöpfe mit Tugenden und Schwächen.“ Das ist äußerst heilsam, gerade für Führungskräfte, noch dazu, wenn es um „die Zukunft“ geht. Weil es davon frei macht, mich selbst aufzublähen, mich ständig profilieren zu müssen. Mich wichtiger zu nehmen und zu machen, als ich bin, und mich mit meiner Rolle zu verwechseln.
Stattdessen kann ich bescheiden mein eigenes, kleines Leben hier und jetzt unter die Füße nehmen. Nicht gleich die ganze Welt retten. Das ist Gottes Sache.
Aber mich hier und jetzt um die Menschen kümmern, die mir anvertraut sind.
Wir sind nicht die ersten, nicht die letzten und nicht die einzigen. Und sollten uns auch so verhalten.
Geistlich leiten heißt, im Horizont der Ewigkeit mein kleines Leben unter die Füße zu nehmen.
4. Presencing – und die Kunst, Zukünfte wahrzunehmen
„Und der Engel des Herrn erschien Mose in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Mose sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Gott verheißt Mose, dass das Volk Israel sich dort am Horeb in Freiheit versammeln wird.
In der Gottesbegegnung am brennenden Dornbusch ereignet sich etwas, das der Ökonom Otto Scharmer als Presencing bezeichnen würde. „Gegenwärtig werden für eine Zukunft, die entstehen will.“ „Führung heißt“, so Scharmer, „aus der sich abzeichnenden Zukunft heraus zu handeln.“ Das ist etwas, was die biblischen Geschichten durchzieht. Dass Gott Zukunft verheißt und Mensch daraus geistgeleitet Umbrüche gestalten. Etwa wenn Josef in Träumen sieht, was kommen wird – um wie es dann am Ende heißt „zu tun, was nun am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein ganzes Volk.“ Oder wenn Johannes auf Patmos sitzt und schreibt, was er hört und sieht: von einem neuen Himmel und einer neuen Erde – Hoffnungsworte für die Glaubenden aller Zeiten und Weltgegenden. Presencing – ästhetisch gesprochen, ist es der Moment, wenn Michelangelo im Marmor die künftige David-Statue erblickt.
Neuzeitlich gibt es die Vorstellung von Zukunft als leerem Raum, der planbar und gestaltbar ist. Wir führen in die Zukunft und gestalten sie strategisch.
Das AT kennt keinen abstrakten Zukunftsbegriff, in ihm geht es um qualitativ gefüllte Ereigniszeit. Es gibt nicht die eine Zukunft, sondern verschiedene Zukünfte, deren Vorschatten uns bestimmen. Die künftige David-Statue zeigt sich Michelangelo und leitet ihn. Das ist die Pointe der Botschaft Jesu von der unbedingten Nähe des Reiches Gottes: Es ist als kommendes Reich so dicht, so nah, dass es schon jetzt mitten unter uns gegenwärtig ist – und unser Denken, Leben, Handeln bestimmt. Wir leiten also nicht in die Zukunft, sondern lassen uns von Gottes Zukunft leiten.
Ein Journalist fragte mich neulich, ob ich eher pessimistisch oder optimistisch in die Zukunft blicke. Meine Antwort war: Weder noch. Ich bin hoffnungsvoll.
Geistlich leiten heißt, dass wir uns von der Wiederkunft Christi leiten lassen – egal, was passiert. Wir leben im permanenten Advent.
5. Aaron, Miriam, die 72 – und die Bedeutung synodalen Vertrauens
Als Jitro seinen Schwiegersohn nach dem Exodus in der Wüste besucht, bekommt er die Krise: Mose ist kurz vorm Burn-Out, das Volk steht stundenlang in der prallen Sonne vor ihm Schlange und Jitro erklärt ihm, dass das so nicht geht. „Du musst die Last auf mehr Schultern verteilen.“ Es werden 72 Älteste eingesetzt. Und Jitro wird zum biblischen Urbild des Führungscoachs.
Das ist eine der wichtigsten und vielleicht schwierigsten Führungsaufgaben: Macht verteilen. Die biblische Geschichte des Mose ist eben keine „great-man-theory“.
Sie zeigt vielmehr – bei der Bedeutung einzelner Personen – den Leitgedanken der Synodalität. Wörtlich: Des Gemeinsam-auf-dem-Weg-Seins. Ohne die mutigen Hebammen Schifra und Pua gäbe es keinen Mose und keine hebräischen Jungs. Ohne seine fürsorgliche Schwester Miriam wäre Mose im Binsenkorb verlorengegangen. Sie ist die Stimme der Freiheit nach dem Auszug. Ohne Aaron hätte Mose es beim Pharao nicht geschafft. Er ist der erste Priester und segnet das Volk. Mose führt plural: Aaron spricht. Miriam singt. Hur stützt seine Arme. Josua und Kaleb wagen Neues. Mit Niclas Luhmann gesprochen: „Komplexität lässt sich nicht reduzieren, sondern nur verteilen.“ Wir sind von Gott zum Dialog geschaffen. Niemand kann die eigene Begrenztheit überschreiten. Führung heißt daher: Verantwortung teilen. Macht begrenzen. Vertrauen institutionalisieren.
Die Idee der Synodalität erfordert dabei nicht die Einstimmigkeit, aber das Bemühen um Einmütigkeit. Das ist in den Zehn Geboten angelegt – als Regeln der Freiheit für Gleiche unter Gleichen. Auch einzelne Leitpersonen wie Mose sind von diesen Regeln nicht ausgenommen, im Gegenteil. Sie gelten für sie in besonderer Weise – im Sinne eines serving leaderships.
Und hier liegt aktuell ein doppeltes Problem. Wir erleben zum einen in Teilen ein Elite-Versagen. Der Cum-Ex-Skandal und seine halbherzige Aufarbeitung ist dafür nur ein Beispiel. Es ist heikler, eine Packung Kaugummi bei Aldi zu klauen, als den Staat um Millionen zu betrügen. Zum anderen haben wir einen tiefgreifenden Vertrauensverlust: gegenüber Institutionen, Parteien, Gewerkschaften, Medien, auch Kirche – und allen, die Führungsverantwortung übernehmen.
Der Dortmunder Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht von Misstrauensgemeinschaften. Menschen, die misstrauen, vertrauen anderen, die auch misstrauen. Und das wirkt als soziales Gift. Rationale Gründe spielen dabei keine Rolle. Ebenso wenig Kompetenzen. Es geht um Bauchgefühle. Unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft ist aber auf Vertrauen angewiesen.
Geistlich leiten heißt, im Vertrauen auf andere vertrauen-stiftend zu handeln.
6. Murren – und geistliche Trotzkraft
In den vier Büchern, in denen die Geschichte des Mose erzählt wird, gibt es ein durchgängiges Motiv: Das Volk murrt. Irgendwas ist immer. Die Israeliten murren, als Mose mit dem Pharao verhandelt und der ihre Frondienste erhöht. Sie murren, als der Pharao ihnen nachjagt und sie vor dem Schilfmeer stehen. Sie murren über das fehlende bzw. zu fleischlose Essen in der Wüste. Und sie murren noch, als sie selbst an der Grenzen des Jordans angekommen sind. „In Ägypten ging es uns gut! Wir hatten Fleisch die Fülle! Du hast uns hierher geführt, damit wir umkommen.“ Nirgends sind die Wiesen grüner als in der Erinnerung.
Die Murr-Geschichten des Volkes – sie werden aus gutem Grund so ausführlich erzählt. Weil sie für die ur-menschliche Widerständigkeit gegenüber Gottes Führung stehen. Dazu kommt, dass Gott selbst nach der Geschichte mit dem Goldenen Kalb die Faxen dicke hat. Er will das Volk vernichten und bietet Mose an, mit ihm ein neues Volk zu gründen. Doch Mose schlägt aus, widerspricht Gottes Zorn, bittet für das Volk. Geistliche Trotzkraft ist eine Kernkompetenz von Führung. Dem Murren der anderen ebenso zu widerstehen wie der inneren Versuchung. Selbst gegen Gott an Gott festzuhalten – an seiner Verheißung, für uns eben an Christus. Es gibt keine Zukunft, keine Gestaltung von Umbrüchen ohne Anfechtung und Widerstand. In einer dauer-empörten Gesellschaft mit den sozialen Medien als Eskalationsmechanismen gilt das umso mehr.
Wichtig ist dabei, zwischen berechtigtem und unberechtigtem Widerstand zu unterscheiden. Gute Führung braucht beides: empathisches Hinhören auf berechtigte Kritik und innere Beständigkeit, dem eigenen Gewissen und der inneren Berufung treu zu bleiben. Gerade in Umbruch-Zeiten kommt innerer Haltung, protestantischer Freiheit eine zentrale Rolle zu. Für mich gibt es keine tiefere Resilienz als den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus.
Geistlich leiten heißt, in der Freiheit des eigenen Gewissens zu handeln.
7. Serving Leadership – und die eigene innere Berufung
Der zentrale Titel des Mose ist: „Knecht Gottes“. Und das schließt etwas anderes ein: Diener des Volkes zu sein. Das ist letztlich der Inhalt seiner Berufung. Am brennenden Dornbusch sagt Gott, dass er das Leid seines Volkes gesehen hat. Dass er Israel in die Freiheit führt und zu einem Volk macht, in dem jede und jeder Rechte hat. Auch die Witwen und Waisen. Auch der Fremdling, „der in deiner Stadt wohnt“. Selbst die Tiere haben Rechte und ruhen am Sabbat. Dem dient letztlich das ganze Handeln des Mose als religiöser Führer seines Volkes.
Serving Leadership – das ist ein Gedanke, der in der Geschichte oft missbraucht worden ist. Wenn etwa Diktatoren sich Diener des Volkes nennen, klassisch „Pol Pot“ als Bruder Nr. 1. „All animals are equal, but some animals are more equal than others.” Doch dieser Missbrauch hebt den Wahrheitsgehalt nicht auf: dass Leitung Hingabe bedeutet. Dass die Freiheit, in die Gott uns führt, sich in der Zuwendung zueinander erfüllt. Christus hat das im Akt der Fußwaschung wie des Abendmahls noch einmal zugespitzt. Die Freiheit eines Christenmenschen erfüllt sich im Dienst für einander.
Im Bild von Mose als Hirten gesprochen: Der Platz des Hirten ist je nach Lage ein ganz verschiedener: Er geht hinten, wenn es gut läuft und die Herde frisches Wasser oder Weide findet. Er ist mitten drin, wenn es kritisch wird und Gefahr droht. Er geht voran, wenn die Richtung unklar ist und es Orientierung braucht. Es gehört zur Kunst des Führens zu spüren, wann was von einem gefordert ist: die freiwillige Selbstzurücknahme, die Nähe zu den Menschen oder den Kopf in den Wind zu halten.
Geistlich leiten heißt, die Freiheit und Größe zu haben, anderen zu dienen.
7,5. Der Berg Nebo – und das unfertige Ende
Am Ende seines Lebens setzt Mose seinen Nachfolger Josua ein, singt ein Lied, segnet die Stämme Israels, steigt auf den Berg Nebo, schaut hinüber auf das verheißene Land und stirbt – ohne jemals hineingelangt zu sein. Das habe ich früher nie richtig verstanden und fand ich als Kind, Jugendlicher schrecklich ungerecht. Da führt Mose das Volk 40 Jahre von Ägypten durch die Wüste – und darf am Ende nicht hinein. Nur weil er einmal an den Haderwassern zu Kadesch Gott nicht die Treuer gehalten hatte. Weil er noch mit zu der ersten Generation gehört, die eben gezögert hat. Echt jetzt!?
Doch mit zunehmenden Alter empfinde ich immer mehr die Poesie, die in diesem unfertigen Ende liegt. Wir kommen eben niemals in „der Zukunft“ an, in die wir so gerne hineinführen wollen. Sondern immer nur in der nächsten Gegenwart.
Wir bleiben Wanderer, Bettler – ein Leben lang. Und hinter jedem gestalteten Umbruch wartet der nächste Umbruch. Wir blühen wie eine Blume eine Zeit. Und dann kommen andere, die von uns kaum etwas wissen.
Entscheidend ist, dass wir bei Gott geborgen sind. Dass Gott weiß, wo er uns am jüngsten Tag findet. Und vielleicht hätte für Mose kein reales Land dieser Erde das eine verheißene Land sein können. Der eine zieht aus, ein anderer zieht ein. Auch das Lassen-Können gehört zur Kunst geistlicher Leitung. Und wie schön, wenn es am Ende seines Lebens heißt, dass Gott mit Mose redete, wie ein Mann mit seinem Freund spricht.
Geistlich leiten heißt, getrost zu sagen: Ich bin niemals fertig – aber stets geborgen in Gott.
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