Drei Konzerte: Elbphilharmonie – Laeiszhalle – Elbphilharmonie – Weihnachten 2025, Teil 1/3
Wolfgang Mielke
Hamburg (Weltexpresso) - Elbphilharmonie – Laeiszhalle – Elbphilharmonie. So die Abfolge der Orte der Konzerte. - Dabei findet das erste dieser drei Konzerte bereits vor Weihnachten statt, nämlich am 22.12.2025, einem Montag.
Omer Meir Wellber (*1981) dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das Orchester der Hamburgischen Staatsoper, deren Chefdirigent Wellber seit 2025 ist. Bei Wikipedia ist zu lesen: #"Wellbers Interpretationen zeichnen sich durch einen Spagat zwischen genauer Beachtung der Partitur und einer oftmals extremen Auslegung einzelner Passagen aus."# - War das auch hier der Fall? - Ich würde vor allem von einem unterhaltsamen Haydn sprechen; denn drei Haydn-Symphonien standen im Mittelpunkt des Abends - zusammengebunden durch die Uraufführung einer "Sinfonia für Kammerorchester" von Detlev Glanert (*1960), die sich ausdrücklich auf Haydn beziehen soll.
Im Vorankündigungsfaltblatt lautet die Reihenfolge der Konzertstücke: "Haydn: Sinfonie e-Moll Hob. I:44 'Trauersinfonie' / 'ZeitSpiel Vier'; Haydn: Sinfonie fis-Moll Hob. I:45 'Abschiedssinfonie'; Glanert: Sinfonia für Kammerorchester (Uraufführung); Haydn: Sinfonie f-Moll Hob I:49 'La Passione'." - Im Konzert ist die Reihenfolge geändert (wobei bei der Reihenfolge in der Voranzeige möglicherweise nur die Hob-Nummern ausschlaggebend waren); es begann mit der "Abschieds-Symphonie" (45).
Omer Meir Wellber habe ich zuerst während des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) gesehen, am 30.7.2022, in der Moorbekhalle in Norderstedt. Das ist, wenn ich es richtig gesehen habe, eine Mehrfeldsporthalle, ein weiter hoher Raum, mehr breit als hoch; Brahms' (1833 – 1897) Konzert für Violine, Violoncello und Orchester in a-moll op. 102 wurde von ihm dirigiert: sehr fein, auch lustvoll, sehr stimmig, sehr präzise! Es folgten noch weitere Konzertstücke, auf die wir an anderer Stelle später eingehen, darunter eine Erinnerung an Alma Rosé (1906 – 1944), die zwar das Glück und die Gnade hatte, in Auschwitz das Mädchenorchester leiten zu können; die Umstände ihres Todes aber sind bis heute ungeklärt. - Unvergessener Höhepunkt des SHMF-Konzerts war Wellbers Akkordeonspiel! Zum Schluss in einer Komposition von Piazzolla (1921 – 1992)! - Wirklich: Unvergessen. - Nicht zuletzt, was für eine unterhaltsam-intelligente Stimmung Omer Meir Wellber zu verbreiten im Stande war --- und auch heute noch ist.
Es war auch nun ein unterhaltsamer Abend; ein unterhaltsamer Haydn. Und das Unterhaltsame trug über vieles hinweg und bleibt in Erinnerung. Also mehr das Drumherum als die Musik selbst. Die Inszenierung trat zwischen die Zuschauer und die Musik. Omer Meir Wellber ist agil, schlank; etwas grau schon, fast hager – und, könnte man sagen: immer in Bewegung. Er spielte ein zentral an der vorderen oder unteren Kante oder Seite des Orchester-Halbkreises stehendes Cembalo, von dem aus er dirigierte. Immer in Bewegung. Er sitzt da nicht ruhig am Tasteninstrument und dirigiert vom Sitzen aus, sondern befindet sich immer in einer halb aufgestandenen Position. Das Dirigieren ist ein Agieren. - Mit Laut-Leise-Effekten im 1. Satz der "Abschiedssymphonie". Immer mit der Idee, die Musik wirkungsvoller zu machen. Sie wirkt daher alles andere als höfisch oder gar gravitätisch. Das ist nicht ungeeignet, wenn man sich die Geschichte hinter dieser Symphonie vergegenwärtigt; ich zitiere aus Knaurs Konzertführer von 1957/1969: #"Die besondere Beliebtheit dieser Sinfonie ist wohl in erster Linie auf die originelle Entstehungsgeschichte zurückzuführen, die aber auch sehr typisch für die damalige Zeit ist und besonders für Haydns freundlich-kluge Art, Scherz und Ernst zu vereinen. Der Fürst Esterházy wollte im Sommer 1772 seinen Kapellmitgliedern ohne besonderen Grund den Urlaub nicht zugestehen. Um den Urlaub aber doch durchzusetzen, entschloss sich Haydn, seinem Fürsten die dringende Bitte der Musiker in einer Sinfonie vorzutragen. Die vier Sätze bringen zunächst nichts Auffälliges: es ist der übliche Ablauf mit Allegro, Adagio, Menuett und Presto; die Tonart der Ecksätze ist fis-moll. Die Sätze sind verhältnismäßig kurz, besonders das Finale, das mit seinen immer wieder auftretenden Unisonogängen einen etwas verärgert-störrischen Charakter erhält. Ohne dass es zu einer rechten Entwicklung kommt, bricht der Satz plötzlich ab, und es setzt ein klagendes Adagio ein. Der Fürst wird schon über diese von allen bisherigen Gepflogenheiten abweichende Wendung reichlich gestaunt haben, um so größer muss aber seine Verwunderung gewesen sein, als mitten im Stück zuerst der zweite Hornist seine Noten zusammenlegte, die Kerzen am Pult auslöschte und den Saal verließ, kurz danach der erste Oboist, der Fagottist, der zweite Oboist, der Kontrabassist usw., bis endlich zum Schluss im fast dunklen Raum nur zwei Geiger zurückbleiben, die mühsam con sordino in kläglichem Ton das Adagio zu Ende führten. Der Fürst verstand den Scherz sehr wohl und bewilligte gutgelaunt den ersehnten Urlaub."# ((#"Sordino"# ist ein Form des gedämpften Spiels.))
Die Entstehungsgeschichte las ich aber erst #nach# dem Konzert, versuche immer, möglichst unvoreingenommen, möglichst naiv ein Konzert auf mich wirken zu lassen. Machte mir während des Zuhörens Gedanken darüber, was wohl Haydn zu diesem Konzert unserer Gegenwart gesagt haben würde? - Nicht zu beantworten natürlich. - Die ganze Symphonie oder Sinfonie hindurch herrschte eine Unruhe im Orchester, nach meinem Eindruck: ausgehend vom Dirigenten. Nachträglich sicherlich Ausdruck der Frage, ob die Inszenierung, wie erhofft, funktionieren würde!
Aus meinen Notizen: #"Der Eindruck von Eile geht hier nicht verloren. So, wie er flüchtig sitzt, fehlt es 'seiner' Musik an Bodenhaftung. / Manchmal Schönheiten im 2. Satz. / Versuch, Haydn ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Fast etwas steril in der Gesamtwirkung. / (Gehuste nach dem 2. Satz; ein Hamburger Zeichen für mangelnde Zustimmung.) / 3. Satz beginnt schön, nachher hört man nicht mehr zu; auch weil das sonderbar schöne Paar im Publikum rechts vor mir Aufmerksamkeit abzieht. / 4. Satz wieder schwungvoll (auch energiereich?) begonnen. OMW versucht immer, mehr Funken aus dem Material zu schlagen, übergeht dabei aber die Schönheiten, die an sich in der Musik liegen. Es bleibt der Eindruck von Eile; daher alles zu zielgerichtet, zu horizontal, ohne das Wachstum von unten auf, das Vertikale zu ermöglichen, zuzulassen." --- Und dann: "Immer mehr Musiker verlassen als Trick den Raum. Dünner wirkt die Musik gleichwohl nicht. 7 Leute bleiben und halten den Betrieb aufrecht. Dann 6, dann 5, etc. Die 1. Geige und ihr Gegenüber halten das Seil hoch. Das Licht vermindert sich entspechend. Man baucht die anderen also gar nicht. Interessante Auf- und Abbau-Demonstration. Hier nun auch keine Eile mehr. / Dann kommen all die 'überflüssigen' Musiker wieder zurück, blähen das Orchester, das sie erst bilden, wieder auf. Der Gewinn an Musik findet nicht statt. Auf gewisse Weise auch eine Bankrott-Erklärung für Haydn? Für OMW? Denn der Beweis, dass diese große Besetzung notwendig ist, bleibt aus. 'Was würde Haydn sagen?'"# -- Es gibt keinen Applaus am Ende. Aber: es ist auch gar kein Ende, sondern geht sofort über in einen neuen Anfang: #"Dann gleich weiter mit Glanerts 'Antwort' auf Haydn. Wärmer, Ruhe, Gefühl von Wachsen jetzt hier. Wirkt fast wie Musik aus dem 19. Jahrhundert. Wurde aber 1960 geboren."# - (Ich meine den Komponisten.) - #"Das Konzert als Erlebnis-Konzert. (Das Gegenstück zum Themenpark?) Hörenswert eigentlich erst Glanert. Haydn als Vorstufe. Fußmatte. / 'Musik' erst hier jetzt hörbar. Miterlebbar. / (Schönheit durch Anmut, mehr als Anmut durch Schönheit.) / Man verliert die Übersicht. Wann fängt die 2. Haydn-Symphonie an?"# -- Die Stücke gehen ineinander über, fügen sich zu einem Groß-Stück zusammen. - #" Wahrscheinlich sind wir schon mittendrin. - Und der Glanert? - Es soll natürlich zu einem Stück zusammenschmelzen. /" - Bei dem Glanert als wolkenartiges, nebulöses Verbindungsstück fungiert. - #"Hilfreich wären Dauer-Angaben. / Das Publikum etwas mißmutig. / Ohne Übersicht auch eine beschwerte Bewertung. Man nimmt die musikalische Dimension Haydns in der 2. Symphonie ((Nr. 49 f-Moll 'La Passione')) wahr, wird sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Was ein Vorzug sein kann."# --- Dann ist Pause. --- Über die "Abschiedssymphonie" aber habe ich auf der anderen Seite des Programmzettels noch notiert: #"Er sagt 'Abschiedssymphonie', also gehen am Ende alle raus. OMWs oder Haydns Idee?"# -- Ich halte beides für möglich; immerhin hat ja Haydn auch schon die "Symphonie mit dem Paukenschlag" geschrieben (Nr. 94.) - und damit bewiesen, dass er durchaus über Humor verfügt! -- Dass es nicht die Idee des Dirigenten ist, sehe ich dann zu Hause, als ich mir bei YouTube noch eine Interpretation dieser Symphonie ansehe. Erst da-nach lese ich in Knaurs Konzertführer nach. -----
Und: nach der Pause: #"Was ist Form und Überlieferung bei Haydn – und was persönlicher Inhalt? Die 'Symphonie mit dem Paukenschlag' arbeitete ja mit einem formalen Mittel. Beethovens Individualismus erreicht er bekanntermaßen nicht. / Wenn man mit geschlossenen Augen zuhört, ist es schön. Hier, ja seit der Raus- und Reingeh-Gang herrscht auch die Ruhe, aus der etwas entstehen kann. / Unterschied zwischen artgerecht Servieren und Lebendig-Machen. (Aber was ist 'artgerecht'??) / - Versuch, die Triolen fein herauszuarbeiten."# - Ich spreche von der "Trauersymphonie", Nr. 44 in e-Moll. - #"Wenn man sagt: 'Es gelingt nicht ganz', dann setzt das ein Haydn-Bild voraus. Aber gibt es dieses Bild? Und wenn ich es hätte, wäre es überhaupt richtig? Was fragen heißt, ob es ein 'richtiges' Bild von Haydn wie von jedem Komponisten überhaupt geben kann?! Letztlich bleibt also die Frage: Wer ist Haydn? (War Haydn?) Und die banale Feststellung, dass das Lebendig-Sein"# - (das Zu-Lebendig-Sein) - #"eine Antwort gerade ausschließt. / Gleichwohl ermüdet es mich etwas. Wahrscheinlich, gerade weil kein Klischee geboten wurde; was auch wieder ein Klischee ist, das der formal-äußerlichen Annäherung. / Nach dem Konzert weiß man weniger als vorher, wer Haydn ist oder war."# - Auch das kann ein Vorzug sein, denn man wird angeregt, sich mit Haydn noch einmal zu beschäftigen, der also alles andere als eine erledigter Fall ist! ------------ Es gibt noch eine Zugabe. Omer Meir Wellber äußert den Wunsch, dass mögichst viele mitsingen mögen. Er strebt ein Gemeinschaftserlebnis an. Er greift für die Zugabe zum Akkordeon. Und plötzlich ist sie wieder da, die Farbigkeit seiner Person, die schon das SHMF-Konzert unvergessen machte! (Während er sonst als Person schon etwas grau wirkt.) / Es ist ja kurz vor Weihnachten. Ein Weihnachtslied also! Aber nicht ein so bekanntes, dass alle, gemeinschaftlich vereint, gleich mitsingen könnten; sondern ein Lied, das zwar nicht ganz unbekannt ist, aber doch eher ein Rand-Dasein führt. Das Lied: #"Zu Bethlehem geboren".# - Das ist nicht nur ein Lied. Es ist eine politische Aussage. Sie verweist auf die Ursprünge, auf die Verbindung des Christentums zum gelobten Land. In der gegenwärtigen Zeit des Gaza-Krieges und eines wesentlich imporierten, aber nicht nur importierten Antisemitismus soll dem Publkum diese politische Aussage klar machen, welches eigenlich die Werte unseres Landes sind.
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