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Kategorie: Musik

ElbphilharmonieDrei Konzerte: Elbphilharmonie – Laeiszhalle – Elbphilharmonie – Weihnachten 2025, Teil 3/3

Wolfgang Mielke

Hamburg (Weltexpresso) - Das Wetter ist herrlich! 2. Weihnachtsfeiertag 2025! Elbphilharmonie. Beginn: 12 Uhr. Mein Sitzplatz: etwas erhöht, mit sehr guter Sicht auf die Bühne. "Ein Wintermärchen" heißt das Programm, das Zuschauer weit über Hamburg hinaus anzieht. Im Mittelpunkt steht die Schauspielerin Katharina Thalbach (*1954), der Inbegriff der frechen Berliner Göre sozusagen, und diese wache, liebenswürdige Qualität kann sie auch noch mit 70 Jahren verkörpern und damit eine gute Stimmung und gute Laune ohnehin erzeugen.


Einmal wird sie, als in einem Text, den sie vorliest, das Wort "Batman" vorkommt, von einem Kind, das sofort darauf begeistert reagiert, aus dem Konzept gebracht, verliert, wie sie sagt, ihre Zeile, aber geht sofort auf dieses Kind, es ernst nehmend, ein. Applaus vom Publikum, natürlich, das sie stützt, als sie eben die Zeile verloren hat, und sicher auch aus Freude über ihre geistige Beweglichkeit. Das ist ein Beispiel für den Dialog, der, auch ohne Worte, zwischen ihr und dem Publikum sehr schnell in Gang kommt.

Die Texte, die sie liest, haben mit Weihnachtspannen zu tun. Etwa von Margret Rettich (1926 – 2013) "Die Geschichte vom Weihnachtsbraten"; oder ein auf lustig getrimmtes Gedicht von Loriot (1923 – 2011), in dem der 'Nussknacker' zum 'Nusskacker' wird. Noch bemerkenswerter aber ist allerdings, dass das originale Loriot-Sofa, neu bezogen, aus dem Fundes der NDR für diese Veranstaltungen, -- "Ein Wintermärchen" wird insgesamt wegen des großen Andrangs 8x aufgeführt werden --, ausgeliehen wurde. - Auf diesem Sofa macht es sich zeitweilig - und programmgemäß - Katharina Thalbach bequem. #Sie# spricht von dem Vorzug, sich auf diesem Sofa #räkeln# zu dürfen. Später sitzen auch andere Solisten der Vorstellung zeitweilig auf ihm.

Die Anspielung mit dem 'Nussknacker / Nusskacker' steht nicht beziehungslos im Raum: Denn aus Tschaikowskys (1840 – 1893) "Der Nussknacker", op. 71, werden Auszüge gespielt. #"Besonders gut und fein dirigiert"#, habe ich notiert. Und: #"Sehr gutes Orchester."# - Der Solist Xavier de Maistre (*1973), Harfe, -- nicht zu verwechseln mit dem französischen Offizier, Maler und Schriftsteller Xavier de Maistre (1763 – 1852) -- setzt sich nach seinem Einsatz neben die Thalbach aufs Sofa, nimmt sie in den Arm, turtelt ein bißchen mit ihr, was etwas ablenkt, gerade jetzt, wo das Orchester sich in Ruhe zu besonderer Qualität zusammengefunden hat. Das Orchester = das Begrade Chamber Orchestra, wirklich erstklassig, dirigiert von Daniel Geiss. Konzertmeister, Geiger, ist Stanko Madic (*1984). Am Saxophon ist Asya Fateyeva (*1990) zu hören. Und es gibt zwei Sänger: Aeneas Humm (*1995), Bariton, und Yeonjoo Katharina Jang, Sopran. Und 'last not least': Christoph Israel (*1964), Pianist und Komponist, von dem das Konzept stammt und von dem viele der Arrangements geschrieben wurden. - Überhaupt ist es eine Freude, hier Menschen wirken zu sehen, die etwas können! Weit weg sind alle Gedanken an Kälte, Korruption, Politik ...

Wie schnell das alles geht!

Wenn ich die Lebens- oder meist ja auch nur die Geburtsdaten hier immer einsetze, staune ich, wieder einmal zu sehen, wie schnell ein Leben vorbeigeht, sich entwickelt, vorbeigeht. Man lebt ja immer in verschiedenen Zeiten, auch Generationen. Eben noch hörte man, sah man Künstler, die vor über hundert Jahren geboren wurden, unterhielt sich mit ihnen, spielte sogar mit einigen von ihnen, und jetzt ist schon eine andere Generation am Werke, auch schon wieder in die Lebensmitte eingetreten, und der Nachwuchs wächst bereits. Man kommt sich vor, als sei man jahrelang aus der Welt genommen worden und würde erst jetzt wieder, voll Erstaunen, aufwachen. Und man sieht, dass längst eine neue Generation die Welt erobert; sieht zu, nicht überrollt zu werden; eine neue Generation, die auch schon wieder auf ihren Höhepunkt zusteuert oder ihn sogar schon hinter sich hat, vielleicht noch ohne es zu wissen. - Nicht während der Vorstellung hat man in dieser Richtung gestaunt. Diese Zusammenhänge fallen mir erst jetzt auf. Eine Vorstellung ist Gegenwart. Und das Publikum ist, solange sie dauert, Gegenwart wie jeder der Mitwirkenden.

Musikstücke wechseln ab mit Texten, die die Thalbach liest, spricht. Es beginnt mit Mozarts Ouvertüre aus dem "Schauspieldirektor", KV 486, und Händels "Nel mondo e nell'abisso" aus seiner Oper "Tamerlano", HWV 18. Dass der Harfer das Tempo nicht immer ganz durchhält, darf durchaus Absicht sein. Eine Form von "Abisso" vielleicht. - Domenico Cimarosa (1749 – 1801), Arthur Benjamin (1893 – 1960) und Manuel de Falla (1876 – 1946) werden gespielt. Das traditionelle "Maria durch ein' Dornwald ging" und Carl Gottlieb Herings (1766 – 1853) Lied "Morgen, Kinder, wird's was geben" ertönt. - Die Musik bewegt sich vom 18. zum 21. Jahrhundert. - Den zeitlichen Höhepunkt dann bildet ein Medley: und schon befinden wir uns sozusagen am Broadway. Das alles ist von Christoph Israel mit viel Kenntnis und Geschmack zusammengefügt und arrangiert worden; nur auf "Jingle Bells" hätte ich verzichtet oder es an anderer Stelle untergebracht: nicht als Höhepunkt des Medleys, sondern allenfalls zu Anfang; für einen Höhepunkt ist es zu volkstümlich, fast schon zu vulgär, verglichen mit den vielen anderen Musikausschnitten, die eine amerikanische Weihnacht hörbar, sichtbar machen; die sich so sehr von einer deutschen unterscheidet, bei der immer Innigkeit, Not, sogar etwas Trauer und zwangsläufige Bescheidenheit durchschimmern, während am Broadway der Schnee glitzert, die Lichtreklamen leuchten, auch gut gemachter Kitsch hineindrängen darf, eine ganz andere Leichtigkeit herrscht.

Beide Welten haben etwas für sich, reizen, locken, verführen, wobei die Lockung der deutschen oder weitergefasst nordeuropäischen Weihnachten vor allem durch unsere Kindheits-Erinnerungen genährt wird; während die amerikanischen Weihnachten etwas von jugendlichem Übermut und der Verzückung durch städtische Möglichkeiten haben; vielleicht überhaupt der Gegensatz zwischen Dorf und Stadt ...

Am Ende wird aber noch "O du fröhliche" gespielt; wer mag, kann sogar mitsingen, wovon allerdings nicht Allzuviele Gebrauch machen: Es ist eben ein Konzert, und die Qualität eines Konzertes wird dadurch noch einmal bestätigt.

 

Am Ende signieren einige der Solisten CD's von sich in einer der oberen Etagen der Elbphilharmonie. Das Wetter, wie gesagt, ist herrlich! Die Sonne erwärmt schon die Außenscheiben des Baus. Man legt die Hand daran und freut sich darüber. Als ich auf dem Weg zurück bin, kommt mir die Saxophonistin Asya Fateyeva entgegen. Ich habe sie bereits dreimal beim SHMF gesehen und ein paar Worte mit ihr gewechselt; erkenne sie natürlich. Aber ich habe den Eindruck, dass auch sie mich erkennt. Das freut mich und trägt mich über den Tag.

Foto:
©Elbphilharmonie