Eine rbb-Serie zwischen Hauptstadtmarketing und Straßensoziologie
Hans Otto Rößer
Kassel (Weltexpresso) - Es mag ein Zufall gewesen sein, dass das Erscheinungsjahr von Thorsten Nagelschmidts Berlin-Roman „Arbeit“ (Verlag S. Fischer) zugleich das Corona-Jahr 1 war. Der Roman dekonstruierte zwar nicht den Nimbus Berlins als neu-ewige Partystadt, wandte sich aber bereits vom Glamour ab und der Unterseite des Berliner Nachtlebens zu. Im Mittelpunkt des Episodenromans stehen die, die arbeiten, während die anderen feiern: ein Taxifahrer, ein Dealer, die Inhaberin eines Spätis, eine kolumbianische Studentin, die für Restaurants mit dem Fahrrad Bestellungen ausfährt und dabei lebensgefährlich verletzt wird, das Team eines Rettungswagens, Streifenpolizisten, der Rezeptionist eines Hostels, eine Gebrauchtbuchhändlerin, die nachts Flaschen sammelt, ein Türsteher und eine Stadtreinigerin.
Die Demontage des Berlin-Hypes besorgte dann wirksamer als alles andere das Covid-19-Virus. Es gibt Prickelnderes als Disco- und Club-Besuche mit verbrauchter Atemluft hinter der FFP2-Maske. Die Anzahl der offiziell registrierten Übernachtungen in Berlin ging von 34 Millionen 2019 um ca. 74% auf 12 Millionen im Jahr 2020 zurück und hat bis heute noch nicht wieder den Stand von 2019 erreicht. Diese Zahlen müssen jedoch in zweierlei Hinsicht relativiert werden. Einmal ist die touristische Attraktivität Berlins, unbeschadet der genannten Einbrüche, weiterhin deutlich stärker als die anderer Großstädte wie München, Hamburg, Frankfurt oder Köln. Zum anderen erfassen die Zahlen nicht alle Übernachtungen, nicht die Besuche zwischen Freundinnen und Freunden mit Übernachtungen in der WG oder die Besuche von Eltern und Verwandten, die bei ihren Kindern, Cousins oder Onkel und Tanten auf Luftmatratzen übernachten. Aber die registrierten Übernachtungszahlen sind immerhin ein valider Indikator, um die Entwicklung der Besucherströme beurteilen zu können.
Die Covid-Pandemie hat die Verletzlichkeit des Wirtschaftsfaktors Tourismus deutlich gemacht, er ist ein zartes Pflänzchen. Dass es blüht und gedeiht, ist nicht erst seit gestern das Anliegen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), das sich in seinen vielen Berlin-Dokumentationen manifestiert. Besorgt fragt der Sender ganz aktuell, ob in den „Berliner Clubs unter Druck“ bereits oder bald „ausgetanzt“ ist. Seit 2007 gibt es z.B. die Reihe „30 Favoriten“, in der u.a. die „30 spannendsten Kieze“, die 30 besten Biergärten oder 30 Berliner „Kultimbisse“ vorgestellt wurden. Diese Art von Dokumentationen wurde seit 2024 dem Label „Berlin (& Brandenburg) erleben“ zugeordnet. Im weitesten Sinn handelt es sich bei diesen Sendungen um eine Verschränkung von Marketing mit Orientierungswissen für Touristen, aber auch für die Stadtbewohner selbst, die unmöglich alle Orte von Interesse in der Stadt, in der sie leben, kennen können. Das gilt für die „Altberliner“, aber vor allem für die 56% der Stadtbewohner, die nicht in Berlin geboren wurden, sondern zugezogen sind. Zugleich versorgen die Sendungen diese Menschen mit touristischem Wissen, damit sie den überspannten Erwartungen ihrer Verwandten oder Freunden gerecht werden können, die sie periodisch aus den Provinzen des Landes heimsuchen, um einen Happen Berliner Luft einzuatmen und am Großstadtflair teilzuhaben. Den gerade erst Zugezogenen, den Unsicheren, die noch nicht wissen, ob und wie lange sie bleiben, sind die fünf Folgen der Reihe „Welcome to Berlin“ aus dem Jahr 2024 zugedacht.
Bisweilen rückt das wirtschaftliche Interesse in den Hintergrund, wenn das Gesehene geschichtlich fundiert werden soll und die Liebesblicke der Waren umsatzsteigernd auf historisch informierte Röntgen-Blicke treffen. Wem es nach staatsbürgerlichen Rüstzeiten drängt, kann sich an der Mega-Reihe „Schicksalsjahre einer Stadt“ ideologisch korrekt sattsehen, wer nach speziellem Wissen sucht, ist beispielsweise mit dem Dreiteiler „Berlin Sounds“ (2025) über die Entwicklung der Berliner populären Musik seit den 1960er Jahren sehr gut bedient. Um das Nachtleben zu elektronischer Tanzmusik geht es in der knapp einstündigen Doku „Sound of Berlin“, ebenfalls aus dem Jahr 2025. Noch speziellere Bedürfnisse befriedigt der Dreiteiler „F*ck Berlin“ (2024), der zwar auf der Webseite der ARD Mediathek bzw. des rbb noch beworben wird, aber nicht mehr zu sehen ist. Schon das g’schamige Sternchen im Serientitel signalisiert, was die Sendepause ratifiziert: dass der Sender mit dieser Serie an die Grenze seiner Courage gelangt ist. Toter Bildschirm für Voyeure und Kenner.
Seit Dezember 2025 sendet der rbb die bislang vier Teile seiner neuen Serie „Streets of Berlin“. Der englischsprachige Titel klingt weltmännisch chic, aber wie bei „Berlin Sounds“ handelt es sich um Hochstapelei, denn, wie zu erwarten, gibt es weder englischsprachige Versionen der Dokumentationen noch solche in anderen Fremdsprachen, die den prätentiösen Anspruch des Reihentitels rechtfertigen würden. Zumindest ist dem Titel der Verzicht auf den bestimmten Artikel zugutezuhalten. Denn von den mehr als 10.000 Straßen, Brücken und Plätzen der Stadt werden bislang gerade einmal vier Straßen vorgestellt, knapp 10 km von einem Straßennetz, das 5342 km lang ist.
Die erste Folge unter der Regie von Silke Cölln widmet sich der Potsdamer Straße (Erstveröffentlichung: 29.12.2025). Diese ist ein Abschnitt der Bundesstraße 1, beginnt in Berlin Mitte am Potsdamer Platz und endet nach 2,45 km am Kleistpark in Schöneberg. An der Folge lässt sich das gemeinsame Muster aller Folgen gut erkennen. Es werden Straßen gewählt, die lang genug sind, um „verschiedene Welten“ zu enthalten: (Kunst-) Institutionen, Galerien, Restaurants, wenn man Glück hat, auch Gewerbe, und die eine „soziale Mischung“ prägt. Dass diese soziologische Dimension aber von der Marketingfunktion dominiert wird, zeigt bereits die Aufmerksamkeitsverteilung des Blicks auf die Potsdamer Straße. Zwei Drittel der gezeigten Objekte und ihrer Betreiberinnen und Betreiber liegen in der chicen Osthälfte der Straße vom Potsdamer Platz bis etwa zur Kreuzung Kurfürstenstraße, während nur ein Drittel auf den weniger mondänen westlichen Schöneberger Teil entfällt. Ein Varieté mit von Fiona Bennett entworfenen De-Luxe-Toiletten, die Galerie Molitor mit Blick auf den Drogenstrich in der Kurfürsten Straße, Neue Nationalgalerie, Staatsbibliothek, Philharmonie, hochpreisige Geschäfte und Restaurants liegen in der östlichen Hälfte, ein Boxzentrum für Kinder und Jugendliche, von denen 95% Gymnasiasten sein sollen, ein Döner-Imbiss, ein Papiertheater und der Kleist-Park stehen für den westlichen Teil, den die Dokumentation die „quirlige Hälfte“ nennt. Zwischen den Porträts der ausgewählten Geschäftsbetreiberinnen und -betreiber werden fixierte Halbnah- und Nahaufnahmen meist anonym bleibender Passanten vor bewegtem Hintergrund gezeigt; bekannte Ausnahme: der Schauspieler Mark Waschke aus dem Berliner „Tatort“ des rbb. Historische Informationen werden knapp und in entscheidenden Punkten problematisch selektiv gehalten: Die Straße sei lange Zeit Heimat von Verlagen und Zeitungen gewesen (z.B. Tagesspiegel), auf der Fläche des heutigen Palaseum-Straßenzugs in Schöneberg habe sich in den zwanziger Jahren der „Sportpalast“ befunden. Die Dokumentation bezeichnet ihn als „legendäre“ Stätte von Eislaufen und Sechs-Tage-Rennen, die in den 1970er Jahren abgerissen worden sei. Kein Wort darüber, dass hier Goebbels am 18. Februar 1943 den „totalen Krieg“ proklamiert hatte.
Ähnliches passiert in der zweiten Folge über die „Chausseestraße“ in Berlin Mitte (Erstveröffentlichung: 23.12.2025). Die Regisseurin Karoline Kleinert bringt es fertig, diese Straße zu porträtieren, ohne dass auch nur ein einziges Mal ein Hinweis auf den Dorotheenstädtischen Friedhof fiele, auf dem Hegel und Fichte, zahlreiche linke Schriftsteller und Künstler von Brecht bis Zweig und prominente Intellektuelle wie Herbert Marcuse beerdigt sind. Dieser Teil wie der größte Teil der Straße befand sich bis 1990 auf dem Territorium der DDR. Das Ende der Folge zeigt Studentinnen und Studenten der seit 2018 in der Straße angesiedelten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, die im Studentenkeller des Brecht-Hauses ihre Abschlussparty feiern. Sie loben „den Friedhof“, auf dessen Ecke die Kamera einen kurzen Blick wirft, weil sie aufgrund dieser Lage ohne Lautstärkeneinschränkung feiern können, während die Hochschule selbst, umgeben von teuren Wohnungen wohlhabender älterer Anwohner, ständig von Klagen wegen Ruhestörung bedroht ist. Zu Beginn der Sendung macht ein Studierender, der im Viertel aufgewachsen ist, darauf aufmerksam, dass die Straße seit den 1990er Jahren zu einer teuren Wohngegend geworden ist, eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist.
Anfangs scheint es so, dass der zum Serienmuster gehörende „Kontrast“ in der Chausseestraße zwischen unterschiedlichen Institutionen und Einrichtungen verläuft. Seit 2006 befindet sich in der Straße, da wo zu DDR-Zeiten das „Stadion der Weltjugend“ stand und sich nach 1990 eine riesige Brache erstreckte, der Hauptsitz des BND (Bundesnachrichtendienst) mit ca. 4000 Angestellten. Die Pressesprecherin des BND, studierte Germanistin aus Bayern, die Rentner mit schwerer Kalter-Kriegs-Nostalgie durch eine schmale Ausstellung führt und darüber belehrt, dass die „Quellen“ (Agenten) des BND natürlich nicht durch Banküberweisungen oder Paypal, sondern mit Dollars bar auf die Hand bezahlt werden, lobt die Ausgeburt Reinhold Gehlens als „eine gute Mischung von Bond und Behörde“ und den BND als „einen ganz tollen Arbeitgeber“. Während woke Identitätspolitiker von fluiden Identitäten schwärmen, sind diese im Geheimdienstgeschäft schon lange banale Realität, etwa in der Differenz zwischen Dienstnamen und Zivilnamen. Im Kontrast dazu werden eine Galerie gezeigt, ein Hotel, das türkischstämmigen sozialen Aufsteigern gehört, ein Tanzsaal für Tangoabende, an denen vielleicht auch BNDler beim Kriminaltango entspannen, Kaninchen, die als Überbleibsel des Mauergrünstreifens über die Straße hoppeln, oder Füchse, die, nichts Böses ahnend, in Baugruben wohnen. Dennoch gibt es auch in dieser gentrifizierten Straße nicht nur transnationale Nomadinnen, erfolgreiche neoliberale Feministinnen, sondern auch übriggebliebene Normalität und neue Armut. Man sieht sie in einer Service-Arbeiterin, die Hotel-Betten bezieht, aber im Film nicht zu Wort kommt, und in Langzeitmietern und vormals obdachlosen Hausbesetzerinnen, die sich gegen Entmietung, Leerstand und Immobilienspekulationen wehren und ihre angestammten Mieten oder ihre erkämpfte Wohnung gegen erneut drohende Obdachlosigkeit verteidigen, leider nicht immer erfolgreich, in der Regel eher erfolglos.
In der dritten Folge geht es um die Kantstraße im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. In fast gerader Linie erstreckt sie sich über 2,6 km vom Bahnhof Zoo/Joachimsthaler Straße im Osten bis zur Suarezstraße im Westen mit dem Amtsgerichtsplatz als markantem Schlusspunkt. Bis zur Kreuzung Kaiser-Friedrich-Straße gilt die Kantstraße als die Straße Berlins für orientalische, vor allem aber asiatische oder asiatisch orientierte Küche in zahlreichen Restaurants und asiatischen Kaufhäusern, eben als Berlins „Asia-Meile“. Ihre Nähe zur Technischen Universität gibt der Straße eine jugendlich-studentische Prägung, „volles Leben“, wie Peter Scholls Straßenporträt meint (Erstveröffentlichung: 23.12.2025). Es ist dieser östliche Teil der Kantstraße bis zur Ecke Wilmersdorfer Straße, der in der Sendung allein in den Blick genommen wird. Wie Margot Schlönzke auf dem E-Roller durch die Potsdamer Straße führt, so ist die in Beijing geborene und ab ihrem siebten Lebensjahr in Wien aufgewachsene Sissi Chen der Guide durch die asiatischen Restaurants der Kantstraße. Sissi Chen stellt sich als Kochbuchautorin vor und Influencerin, die „Kulinarik, Kultur und Identität“ zusammenbringen möchte.
Geschichtliche Dimensionen thematisieren die Beiträge zu einer Parfümerie, die sich nach ihrem Gründer „Harry Lehmann“ nennt, zum Theater des Westens, zum Diesel-Parkhaus, zum Geburtshaus der angeblichen Erfinderin der Curry-Wurst oder zum bereits 1912 gegründeten Kant-Kino, das seit den zusätzlichen Popmusik-Konzerten der 1970er Jahre bei einem meist jugendlichen Publikum ‚angesagt‘ ist. Die „Event-Managerin“ und ihr Assistent mit den alliterierenden Alias-Namen Mary Maracuja und Moritz Mumpitz stellen das regelmäßige Programm „Sneak-Preview“ des Kinos vor und geben Auskunft zum cineastischen Profil des Kinos.
Seitenblicke auf das „Wohnzimmer der Kantstraße“, den Savigny-Platz, stellen neben dem Schwarzen Café einen französischen Feinkostladen vor und kontrastieren das „französische Flair“ des Platzes mit dem Elend um den Stuttgarter Platz am S-Bahnhof Charlottenburg. Während die Kameraführung die Armut meist nur im Vorbeigehen mit kurzen Blicken auf Menschen, die Abfallbehälter nach Verwertbarem durchsuchen oder auf Bänken übernachten, registriert, kann ein Süchtiger, der seinen Entzug als „Spritzensammler“ im Auftrag eines Suchthilfevereins beginnt, ausführlicher zu Wort kommen.
Die vorläufig letzte Folge führt in die Schönhauser Alle, eine der Hauptverkehrsstraßen im Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow. Die Regie führte Thomas Zimolong (Erstveröffentlichung: 23.12. 2025). Ich habe mir vor dem Ansehen der Folge fest vorgenommen, meine (Vor-)Urteile über diesen Kiez ganz weit in das Hintere meines Bewusstseins zu schieben, verbunden mit der Hoffnung, dass sie sich tatsächlich als Vorurteile herausstellen. Obwohl die Dokumentation zum Glück nicht die Kastanienallee, sondern die laute und heterogene „Schönhauser“ zum Gegenstand hat, ist mir dies nur teilweise gelungen, viele Vorurteile haben sich zu Urteilen verfestigt. Das beginnt im Blick auf die Dokumentation bereits mit der nervigen Erzählstimme, ihren Kurzsätzen und ihrem expressionistischen Sprachkitsch: „Menschenmenge, Pulsschlag auf Pflaster, Stadtverkehr, drei Kilometer urbanen Lebens, Prenzlauer Berg“. Bravo! Was für eine Klimax! Und es geht weiter mit der ersten porträtierten Person, die vorgestellt wird als „Eventmanagerin, Consultant, Aktivistin, Networkerin“. Sie war natürlich, wie die meisten der hier vorgestellten Menschen, früher einmal Kind, das ihre Eltern zu den wichtigen und richtigen Demonstrationen mitgenommen haben, sie gehört natürlich zu denen, die irgendwann und irgendwie einmal „kleine Rebellen“ und Hausbesetzer waren. Warum müssen solche Leute das immer wieder betonen, bereiten ihnen ihre erreichten Lebensumstände ein schlechtes Gewissen? Die „Eventmanagerin“ sorgt sich doch auch um den Leerstand in der noch nicht ganz gentrifizierten Straße, wäre auch, „wenn’s geht“, für mehr und bezahlbare Wohnungen, redet dann aber vor allem von Räumen für Pop-Up-Konzepte junger Künstler. Ihre Kleinbürger-Extravaganz stellt sich vor, wie der leere Raum unter dem Viadukt der U-Bahn-Linie 2 mit langen, weiß gedeckten Tafeln gefüllt wird, an denen sich weiß gekleidete Anwohner zum Mahl niederlassen.
Versöhnlicher stimmen mich die Inhaber eines Cafés und eines Fahrradladens, in dem alte Fahrräder aufbereitet und Reparaturen vorgenommen werden („Schläuche, Schläuche, Schläuche“) und in dem man alle möglichen Ersatzteile fürs Rad bekommen kann. Der Café-Besitzer glaubt, dass bei ihm „alle gleich“ seien, aber es ist die Gleichheit, die das Geld herstellt. Und das ist für viele knapper geworden. Er redet über die unglaublich hohen Mieten im Viertel, weiß, dass Kunden, die sonst fünfmal in der Woche kamen, nur noch dreimal oder auch nur einmal in der Woche kommen und nur noch einen Kaffee oder Cappuccino bestellen und auf das Stück Kuchen dazu verzichten. Ähnlich äußert sich der Chef der „Bike-Piraten“. Anders die Luxus-Handwerker. Eine Polsterin, die auch wertvolle Möbelstücke aufbereitet, arbeitet hart, muss Möbelstücke über mehrere Stockwerke schleppen, braucht sich aber aufgrund ihrer betuchten Kundschaft keine finanziellen Sorgen zu machen. Den Sprecher ficht ihre Knochenarbeit nicht an: „samtene Berührung, sinnliche Textur, verlorener Glanz“ und neuer danach.
Zum Glück ist es schon spät geworden und die Sendung gleich zu Ende, „Feierabend, Schatten der Nacht und ein Glas Wein beim Italiener.“ Und das muss für heute reichen.
Die vorliegenden vier Folgen werden vom Sender als Teile einer ersten Staffel ausgewiesen. Mit Fortsetzungen ist also zu rechnen. Es wäre wünschenswert, wenn sie einen stärkeren Akzent auf soziologische Informationen als auf Marketing legten und nicht nur Gewerbetreibende, sondern auch Anwohner und Arme zu Wort kommen ließen, die vielleicht auch Äußerungen der Gewerbetreibenden oder der Wohlhabenden kommentieren könnten. Es soll ja um die Verdeutlichung von Kontrasten gehen. In den Kneipen um den Savigny-Platz, behauptet die Folge über die Kantstraße, verflüssigten sich am Tresen die sozialen Unterschiede. Der Inhaber eines Sterne-Restaurants in der Potsdamer Straße preist seine Lunch-Karte, die mit Spaghetti Carbonara beginnt, damit an, dass die dafür verlangten 11,50 Euro doch „für jeden“ (!) bezahlbar seien. Schön wär’s!
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Die Ostberliner Chausseestraße wurde in der Bundesrepublik berühmt, als Wolf Biermann nach seinem Köln Konzert 1976 von der DDR ausgebürgert wurde, also nicht mehr in seine Wohnung in der Chausseestraße zurückkonnte. Aber er machte die Platte CHAUSSEESTRAßE 131, dessen Cover sein Wohnzimmer zeigte, wo er auch seine Aufnahmen herstellte und wo die Stasi überall Wanzen angebracht hatte. Auf dieser Platte besingt er auch die berühmten Toten vom Dorotheenstädtischen Friedhof gegenüber.
©Sebastian Ahlers
Info:
https://www.ardmediathek.de/serie/streets-of-berlin/staffel-1/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUuZGUvc3RyZWV0cy1vZi1iZXJsaW4/1