Drucken
Kategorie: Zeitgeschehen
WDRVor 35 Jahren: – „Medien-Krieg“ zur geopolitischen Neuordnung

FIR

Berlin (Weltexpresso) - Um Kriege gegenüber der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen, bedarf es oftmals eines plakativen Vorwandes. Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde mit einem vorgeblich polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz öffentlich verbunden. Die Eskalation des amerikanischen Militäreinsatzes gegen die Demokratische Republik Vietnam wurde mit dem „Tonkin-Zwischenfall“ legitimiert. Der jüngste amerikanische Angriffskrieg gegen Venezuela und die Entführung des Staatspräsidenten Maduro soll angeblich den Drogenhandel bekämpfen. 


Vor 35 Jahren erlebte die Welt, wie eine „Koalition der Willigen“ unter Führung der USA einen Krieg gegen den Irak begann. Im Gegensatz zu den eingangs genannten Beispielen konnten sich die Akteure in diesem Fall zumindest indirekt auf eine Resolution des UN-Sicherheitsrates beziehen. Die Besetzung Kuwaits durch irakische Truppen im Sommer 1990 war in der UN-Resolution 678 verurteilt worden und alle Staaten aufgefordert, Anstrengungen zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit Kuwaits zu unternehmen. Daraufhin versuchten Golfstaaten das geopolitische Gleichgewicht in dieser Region durch politische Initiativen wiederherzustellen.   

Der Warschauer Vertrag, insbesondere die Sowjetunion, war zu dieser Zeit mit seiner politischen Auflösung beschäftigt. So konnte man die traditionelle Rolle im Nahen Osten zur nichtmilitärischen Konfliktlösung nicht ausfüllen. Für die Vereinigten Staaten bot sich die einmalige Chance, die weltpolitische Machtkonstellation neu zu sortieren, indem sie sich durch einen Militäreinsatz unter ihrer Führung als Ordnungsmacht („Weltpolizei“) auch im Nahen Osten und der Golfregion, der damals ölreichsten Region der Welt, etablierten. Der damalige US-Außenminister James Baker schufen ein Militärbündnis gegen den Irak, an dem sich schließlich 34 Länder beteiligten. Die US-Truppen stellten etwa dreiviertel der 660.000 Soldaten auf dem Kriegsschauplatz. Neben den NATO-Staaten, den Golfstaaten und Vasallen der USA aus anderen Teilen der Welt, ist auffällig, dass mit Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei bereits drei Staaten des ehemaligen Warschauer Vertrages – nun unter Führung der USA – zu einem Kriegseinsatz ausrückten. Das wiedervereinigte Deutschland fehlte in diesem Bündnis. Damals war ein Einsatz der Bundeswehr außerhalb des NATO-Territoriums politisch noch nicht durchsetzbar. Es gehört zu den historischen Erfahrungen, dass zwar der Militäreinsatz selber („Desert Storm“) nach etwa fünf Wochen mit der militärischen Niederlage des Iraks und der Wiederherstellung der Selbstständigkeit Kuwaits endete, jedoch die USA dieses Gebiet von da an als ihr „Einflussgebiet“ militärisch kontrollierten und 2003 – diesmal ohne UN-Mandat – den Irakkrieg, der bis 2011 dauerte, führten. 

Bevor der Militäreinsatz am 16. Januar 1991 beginnen konnte, bedurfte es aber noch einer propagandistischen Vorbereitung. Tatsächlich bezeichnet man den Golfkrieg auch als ersten „Medien-Krieg“, bei dem die kriegführende Seite von Anfang an die Medienberichterstattung eng kontrollierte. Es begann mit Horror-Stories über angebliche Massenmorde irakischer Soldaten. Berüchtigt ist die „Brutkasten-Lüge“, die von einer US-finanzierten New Yorker PR-Firma aufbereitet und weltweit verbreitet wurde. Es war eine Hollywood-reife Inszenierung. Eine fünfzehnjährige angebliche Krankenschwester berichtete vor dem US-Kongress unter Tränen von den Säuglingsmorden – es war die Tochter des kuwaitischen Botschafters. Man scheute auch nicht davor zurück, einen angeblichen Chirurgen als Zeuge vor den Vereinten Nationen auftreten zu lassen – erst nach dem Krieg gestand er seine Lügen ein. 
Während des Militäreinsatzes sorgten die Vereinigten Staaten durch „Embedded Journalists“ und die Ausschaltung unabhängiger Medien dafür, dass keine unerwünschten Berichte den Sinn dieser Militäraktion öffentlich hinterfragten. Nur ausgewählten Journalisten wurden Vor-Ort-Besuche erlaubt. Militäraktionen wurden „live“ über CNN zu den abendlichen Fernsehnachrichten in den USA bzw. in Westeuropa übertragen, aufgrund abgesprochener Synchronisation mit dem Militär. Kritische Berichterstattung über Kriegsziele und Opfer unter der Zivilbevölkerung sollten auf diese Weise verhindert werden. Damit sollte ein Desaster wie im Vietnam-Krieg vermieden werden. 

Bei dieser Militäraktion vor 35 Jahren wurde einmal mehr der bekannte Satz bestätigt: Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Für Friedensfreunde und Antifaschisten gilt deshalb um so mehr: In Zeiten von Kriegsvorbereitung müssen nicht nur Aufrüstung und Militarisierung bekämpft, sondern auch kritischer Journalismus und Pressefreiheit verteidigt werden. 


Foto:

©wdr

 
Info:
Quelle: FIR-Newsletter 2026-03 dt.
FIR: Fédération Internationale des Résistants, internationale Dachorganisation von Verbänden antifaschistischer Widerstandskämpfer