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Kategorie: Zeitgeschehen
smSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 8

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – SMALLTOWN GIRL setzt sich mit dem Erwachen von Sexualität, der Sehnsucht nach Geborgenheit, der ersten Liebe, Liebeskummer, Einsamkeit, Sex, Sicherheit und Freiheit auseinander – und damit, wie uns unsere Erlebnisse prägen. Streite ich mit den Geistern, die ich rief – oder mit den Gespenstern von gestern? Ich wollte einen Film machen über die Langzeitfolgen sexualisierter Gewalt, der hilft zu verstehen und zu heilen. Obwohl viele von uns sexuelle Gewalt erfahren haben und das Thema präsent ist, hatte ich das Gefühl, dass wir sie oft nur oberflächlich beschreiben, ohne sie in der Tiefe zu durchdringen.

Wir sprechen von Vergewaltigung als dem „Unvorstellbaren“ und „Unsagbaren“ und von Betroffenen als „gebrochen“ oder „beschädigt“. Wir fragen nicht nach, weil wir um die Scham der Opfer wissen und diese akzeptieren, als wäre sie verständlich. Aber Vergewaltigung ist überhaupt nicht unvorstellbar – viele Menschen erleben sie sogar. Sexuelle Gewalt ist auch nicht schwer zu verstehen, man kann sie erklären, aber dafür muss man darüber sprechen. Wie soll man jemandem helfen, den man nicht versteht? Wie soll jemand sprechen, der sich schämt? Und wie soll die Scham verschwinden, wenn man weiß, dass alle einen für „beschädigt“ halten werden? Wofür schämen wir uns? Warum? All das wollte ich verstehen und wie es sich anfühlt, nicht mehr zu schweigen.

In SMALLTOWN GIRL versuchte ich, die Fragen zu beantworten, die mich in meinem Leben am meisten beschäftigten: War es meine Schuld? Warum habe ich nicht gekämpft? Warum bin ich immer wieder zurückgegangen? Was hat das Erlebnis mit mir gemacht? Wie wäre ich sonst? Und warum muss ich Jahre später noch daran denken?

Denn mir war es wichtig, einen Film zu machen, wie ich ihn gerne als junge Frau gesehen hätte – einen, den ich aber nicht gefunden habe: SMALLTOWN GIRL ist aus der Introspektive einer Betroffenen erzählt. Es geht in Nores Leben nicht um Gerechtigkeit, Opfer und Täter, nicht um Ehre und Schande – sondern um Liebe und Lust, Einsamkeit und Freundschaft.

Ich wollte meine Figuren oder mich selbst nicht in eine Totenwache für das eigene Leben zwingen. Ich glaube, man kann leiden und leben gleichzeitig. Die Inszenierung von Nores bonbonbunter Welt spiegelt nicht nur ihre innere Haltung, sondern ist auch einfach schöner anzuschauen. Es ist schöner, sich einen bunten, sprudelnd lebendigen Film über sexuelle Gewalt anzuschauen als einen langsamen und traurigen. Der Ernst vermittelt sich von alleine. Wenn man ohnehin schwitzt und blutet, sollte man dem Boden, auf dem man liegt, wenigstens einen Witz erzählen. Wenn man dem Grauen eine Schleife drumbindet, wird es dadurch nicht weniger grauenvoll – aber wenigstens trägt das Grauen dann eine Schleife – vielleicht ist die sogar rosa mit Glitzer.

Aber wie verbindet man das locker-flockige Partyleben der WG und Nores regelmäßige Abstürze mit der Vergangenheit? Wer an PTSD leidet, ist vor allem in den Zeitebenen verheddert. Deshalb ist die „Vergangenheit“ in diesem Film ein zugänglicher Raum – weil sie möglicherweise noch gar nicht vergangen ist. Die Darstellung von sexueller Gewalt – oder Sex im Allgemeinen – fällt schnell in die Schnittspalten der Drehbuchseiten, ins schwarze Loch: „Kann man sich ja vorstellen.“ Das wollte ich in meinem Film anders machen. SMALLTOWN GIRL enthält ausschließlich Sexszenen, die als Dialog-Alternative inszeniert sind. Sex ist nicht gleich Sex – und wenn beim Sex so viel Schaden entsteht, sollte man ihn auch zeigen. Und zwar auf eine Art, die fühlbar macht, was innerlich geschieht. Für Nore ist Sex zugleich ein Weg zu sich selbst, eine Möglichkeit zu fliehen, sich zu bekämpfen, sich zu betäuben. Gerade in den Momenten ihrer tiefsten Einsamkeit und Hilflosigkeit lässt die Erzählung sie nicht im Stich – und der Zuschauer auch nicht.

Ich wollte einen empathischen Film machen: einen Film, der unterhält, erklärt, schmerzhaft ehrlich ist und tröstet. Um zu trösten, muss man ein tiefes Verständnis haben. Deshalb wagt SMALLTOWN GIRL es, die schmerzhaften Graubereiche auszuleuchten und die Wurzel der Traumatisierung zu erforschen – um Ambivalenz greifbar und verständlich zu machen. Von außen erscheint sexuelle Gewalt oft leicht erkennbar. SMALLTOWN GIRL zeigt jedoch, dass nicht das Verstehen das Problem ist, sondern das Nicht-wahrhaben-Wollen. Denn was bedeutet es, wenn man eines dieser Mädchen ist, über die man sonst nur spricht? Nores Weg ist wie bei vielen jungen Menschen in ähnlicher Lage: Sie hat früh gelernt, dass Liebe ein Tauschgeschäft ist – und sie selbst eine „beschädigte Ware“. Der Film zeigt auch etwas, das Betroffene häufig erleben: Nore begibt sich mittlerweile „freiwillig“ in gewalttätige Situationen, erlebt lieber nochmals Gewalt, als wahrzuhaben, was ihr geschehen ist. Der Film begleitet Nore auf dem wichtigsten Abschnitt ihres Heilungswegs: anzuerkennen, was ist.

Wer wie Nore „Ich wurde missbraucht“ sagt, hat einen gewaltigen inneren Anerkennungsprozess hinter sich – einen, der die komplette Neubewertung der eigenen Vergangenheit und der daraus erwachsenen Gegenwart verlangt. Das Welt- und Selbstbild bleibt erschüttert. Das „bisschen Sex“ ist meist nicht das Problem. Das vergisst man oft am schnellsten. Was bleibt, ist das ewige Echo: Die Erfahrung von Gnadenlosigkeit. Liebe, die gegen einen verwendet wurde. Die demütigende Einsamkeit. Die Erkenntnis, dass man sich selbst so wenig geliebt hat, dass man für ein bisschen Nähe alles getan hätte. Gestörtes Vertrauen, tiefe Scham, lähmende Angst. Am ehesten heilt man durch radikale Ehrlichkeit und Einsicht. Durch positive Gegenerfahrungen, Freundlichkeit – und Liebe. Doch dafür muss man sich immer wieder trauen: zur Demutsübung eines dem Leben zugewandten Herzens. Sich immer wieder trauen. Und vertrauen.

Liebe heilt. Nore braucht Hilfe – Freunde, Familie, Menschen, die es gut mit ihr meinen. Die Botschaft ist einfach: Reden hilft, Zuhören heilt. Aber Zuhören ist auch ein Geschenk, denn in dem Moment wird die Verletzung des Gegenübers zum eigenen Schmerz. Es ist wichtig, ein starkes, liebevolles Umfeld zu haben, aber es ist auch nicht leicht, „das Umfeld“ zu sein. Deshalb wird die Geschichte aus der Perspektive zweier Frauen erzählt: Jonna und Nore. Sie sind beide Hauptfiguren. Man kann selbst entscheiden, mit wem man sich identifizieren möchte. Das ist Absicht – denn es hängt stark von der Erlebniswelt der Zuschauer:innen ab, ob sie sich Jonna oder Nore näher fühlen. SMALLTOWN GIRL versucht Gefühle zu zeigen, die viele kennen, für die wir aber keine Worte haben. Die Hoffnung ist, so einen Film gemacht zu haben, der ermutigt, neu und anders über sich selbst nachzudenken und zu fühlen – um ein neues, ehrliches Gespräch mit Freunden und Familie, mit Partnern zu beginnen: Um Scham, Geheimnis und Einsamkeit zu beenden und Raum für Gemeinschaft, Verständnis und Heilung zu schaffen.

Foto:
©Verleih

Info:
Ein Film von Hille Norden
mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner u.v.a.
Drama /
Deutschland 2025,
122 Minuten

Besetzung
Nore.  Dana Herfurth
Jonna.  Luna Jordan
Nore (jung).  Vera Fay
Michel.  Jakob Geßner
Mattie.  Jan Georg Schütte
Justus.  Marcel Heuperman
Joseph  Johann von Bülow
John  Wanja Mues
Eddy  Julian Greis
Felix. Campbell Caspary
Bruno  Kjell Brutscheidt
Fabio. Mehmet Ateşçi
August. Yann Mbiene
Sherif. Jan Viethen
Markus. Max Matthis
Kalle. Laurenz Lerch
Timo. Sebastian Jakob Doppelbauer

Stab
Buch und Regie.  Hille Norden

Abdruck aus dem Presseheft