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Kategorie: Bücher

minneDIE KRIMIBESTENLISTE im Januar 2026, Teil 2


Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Es ist schon unglaublich, dass der neue Kriminalroman des versierten norwegischen Schriftstellers mit dem Titel MINNESOTA just erscheint, wo es in Minneapolis, dem Ort des Krimigeschehens, im wirklichen Leben tödlich zugeht. Im Roman wird an die Tötung, eigentlich doch Ermordung des am Boden liegenden Afroamerikaners George Perry Floyd am 25. Mai 2020 durch einen weißen Polizeibeamten erinnert, der neun Minuten und 29 Sekunden sich mit seinem ganzen Gewicht auf dessen Hals kniete, bis dieser erstickt war. Über neun Minuten. Ja, Minneapolis und seine Nachbarstadt, die Hauptstadt St. Paul einschließlich des Umlands an die 4 Millionen Einwohner, waren schon lange im Verruf besonderer Diskriminierungen, aber die jüngsten tödlichen Schüsse auf die 37jährige dreifache Mutter und Poetin Renee Good durch US-Bundesbeamte haben nicht nur die tödliche Vergangenheit lebendig werden lassen, sondern die Rolle der Bundespolizei als quasi kriminelle Vereinigung deutlich gemacht.

Beginnt man MINNESOTA zu lesen, glaubt man sich stracks im wirklichen Leben, denn Jo Nesbø bringt einen derart melancholischen Ton, der den Ermittler Bob Oz umweht, dann aber auch so knallharte Polizeimethoden, gegen die er angeht und einen so sympathischen Mörder, den er schließlich zur Aufgabe überredet, dessen ganze Familie durch einen Polizeifehler ermordet wurde, der eigentlich das Gute will, nämlich die derzeitigen Waffengesetze abzuschaffen, die es fast jedem ermöglichen, zu Hause ganze Schußwaffenarsenale zu horten. Und wer Waffen hat, der nutzt sie auch, das weiß er und auch, dass nur ein toter Drogenboss ein guter Boss ist.

Das ist vielleicht eine Mengenlage, der der Autor einen besonderen Rahmen gibt, die im Laufe des Lesens mehr und mehr überzeugt. Der norwegische Journalist Holger Rudi kommt nach Minneapolis, um für sein Buch zu recherchieren, der eine Mordserie von 2016 zum Inhalt hat. Den Hauptteil nehmen also die Morde durch einen lange Zeit unbekannten Täter ein, den die eigentliche Hauptperson, Polizist Bob Oz, zwar aufklären soll, aber sowohl durch seine Vorgesetzten wie auch durch eigene Fehler und Alkoholismus gebremst wird, nicht aufgibt und schließlich friedlich den Mörder überführt.

Die Melancholie verstärkt sich dadurch, dass sich die traurigen Schicksale vom Ermittler Oz und dem Täter ähneln. Beide haben ihre Familien verloren. Bob Oz hatte in der Psychologin Alice das Glück seines Lebens gefunden, wobei die kleine Tochter das Glück potenzierte. Doch mit drei Jahren verunglückte die Kleine. Es ist tatsächlich so, dass Unglücke eine Beziehung genauso gefährden und diese leicht auseinanderbrechen, wie das Glück sie stärkt. Auf jeden Fall konnte Alice die Traurigkeit ihres Mannes nicht mehr ertragen, ließ sich von einem anderen lieben, weshalb sie die Scheidung durchsetzte und im alten gemeinsamen Haus mit dem neuen Mann lebt. Das wiederum kann Bob nicht aushalten und die ganzen 400 Seiten durch dienen auch der Aufarbeitung der eigenen Situation durch Bob, was ihm nach und nach gelingt, wobei die Barbedienung Liza eine wichtige Rolle spielt.

Der gesuchte Mörder hingegen, der seine ganze Familie betrauert, deren Mörder die örtliche Polizei schützte, sucht sich die größten Schweine unter der Polizei und ihrem Umfeld heraus und tötet sie.

Das ist die eigentliche Geschichte, die der fiktive norwegische Journalist detailliert recherchiert, bis er genug Material zusammenhat und nach Hause fährt, um das Buch zu schreiben, das wir gerade lesen. Ganz schön sophisticated! Und auf diese Weise werden die Leser Mitwirkende. Was spannend ist, sind die norwegischen Wurzeln so vieler Einwohner von Minnesota, was hierzulande unbekannt ist. Aber noch viel mehr lernt man über Taxidermie, was Teil der Tierpräparation ist. Mike Lunde ist der Mann, der es darin zur Meisterschaft gebracht hat. Er kann die Tiere derart lebensnah präparieren, dass man sie für echt hält. Dafür muß er die Haut abziehen, das Fett entfernen, die Haut gerben und die Leser sind froh, dass es meist um die Augen geht, die wie echt aussehen und so die Lebendigkeit des Tieres suggerieren. Diese Ausführungen sind wirklich spannend und sie sind nicht aufgesetzt, sondern Teil des Krimigeschehens, in das man Seite um Seite immer mehr hineingezogen wird, so dass man auf einmal in Minnesota zu Hause ist. Auf Zeit, aber intensiv.

Auch wenn man Jo Nesbø eigentlich wegen der Harry Hole-Reihe schätzt, muß man zum Schluß konstatieren, dass der Norweger einfach ein hervorragender Autor ist, der alle Bereiche eines Krimis, die Taten, die Täter, die Opfer, die Ermittler, die Berufe und Familien all der Handelnden und deren psychologischen Hintergründe gekonnt ineinanderwebt und dann auch noch die wichtigsten Fragen des Lebens nebenbei miterledigt. Sehr beeindruckend.



Die besten Krimis im Januar 2026
 
1 (9)
Die Eskimo-Lösung
Pascal Garnier
Aus dem Französischen von Felix Mayer
140 Seiten
20 Euro
Septime

Ein Autor muss einen ungeliebten Kriminalroman fertigstellen: Von Konsumismus und Idiotie genervt
mordet Louis seine Mutter und die Eltern von Bekannten, um ans Erbe zu kommen. Dann kommt des
Autors pubertäre Stieftochter zu Besuch. Literarische Phantasien und Wirklichkeit verschmelzen.
Die Geburt des Noir aus Weltekel.


2 (1)
Adama
Lavie Tidhar
Aus dem Englischen
von Conny Lösch
425 Seiten
22 Euro
Suhrkamp

„Kibbuz Trashim“ 1945–2009. Adama heißt Erde. Daran gefesselt sind Matriarchin Ruth,
ihre Schwester und Kinder. Nach dem Holocaust haben sie nichts anderes. Nach
„Maror“ geht Tidhar weiter zurück in die frühe Zeit Israels. Sie ist voller Blut, Vertreibung,
Verrat, Verbrechen, Einsamkeit, mit Leben bezahlt. Umwerfend.


3 (-)
The Tainted Cup
Robert Jackson Bennett
Aus dem Englischen
von Jakob und Karla Schmidt
416 Seiten 16,95 Euro
Adrian & Wimmelbuchverlag

„Daretana‟. Am Rand des Imperiums attackieren Meeresungeheuer die Küste. Dann wird ein Offizier
von einem Baum aufgespießt – der aus seinem Körper gewachsen ist. Die exzentrische Ermittlerin
Ana Dolabra und ihr Assistent Dinios Kol vermuten eine politische Verschwörung.
Thriller trifft auf Fantasy. Magisch!


4 (-)
Penance
Eliza Clark
Aus dem Englischen
von Simona Turini
492 Seiten
24,99 Euro
Festa


„Crow-on-Sea“, Nordengland. Drei Teenagerinnen ermorden eine Mitschülerin. Ein
in Ungnade gefallener Journalist will die Hintergründe dieses Verbrechens aufdecken. Sein Buch:
ein True-Crime-Hit. Aber erzählt er die ganze Wahrheit? Ein clever
konstruierter Roman – voller bissiger Einsichten in das Genre True Crime.


5 (5)
Der Wortschatz des Todes
Martin von Arndt
288 Seiten
18 Euro
Ars vivendi

„W.“ Weil ihr Bruder bei der Antifa war, konnte Irina nicht beim BKA bleiben. Jetzt,
als Privatdetektivin, soll sie seinem Kumpel Oleksi helfen, der den Mord an einem polnischen
„Geschäftsmann“ gestanden, aber nicht begangen hat. Mit Anwalt Bergmann stöbert sie –
selbst russische Dissidentin – ein Netz von Putins Agenten auf. Klasse.


6 (4)
Ein widerliches kleines Gefühl
Regina Nössler
334 Seiten
14 Euro
Konkursbuch

Berlin. Evelyn ist Teamleiterin einer Softwarefirma und mit sich zufrieden. Bis Jennifer auftaucht, die die „
alte Freundschaft“ aus Grundschulzeiten erneuern will. Je öfter Jennifer ungefragt bei ihr ein und aus geht,
desto mehr kippt Evelyn aus ihrem Leben. Sie muss Jennifer loswerden.
Nössler dreht an Albtraumspiralen.


7 (-)
Minnesota
Jo Nesbø
Aus dem Norwegischen
von Günther Frauenlob
407 Seiten
24,99 Euro
Ullstein

Minneapolis, 2016. Ein Serienkiller jagt Gang-Mitglieder, NRA-Lobbyisten – und
Politiker, die für das Recht kämpfen, Waffen zu tragen. Ausgerechnet Detective Bob
Oz ermittelt, dessen Tochter bei einem Unfall mit einer Dienstpistole ums Leben
gekommen ist. Ein dunkler, europäischer Blick auf den Waffenfetisch in den USA.


8 (3)
Repair Club – Der Countdown läuft
Charles den Tex
Aus dem Niederländischen von Simone
Schroth
463 Seiten
14 Euro
HarperCollins

Den Haag, Afghanistan. Ein Afghane zeigt John Antink, dem früheren Geheimdienstchef, ein Foto
mit einer getöteten Frau. 14 Tage haben er und die Freunde vom Repair Club Zeit, den Schützen zu
identifizieren. John muss an die Lücken seines Gedächtnisses. Was ist vor 18 Jahren geschehen?
Brillant: Wiederkehr des Verdrängten.


9 (7)
Eines jungen Mannes Reise in die Nacht
Håkan Nesser
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
352 Seiten
25 Euro
btb

„Kymlinge“, Norbotten. Gibt es eine Pflicht zu töten? Erik, gerade mal 15, Krimifan, ist fest davon überzeugt. Und schon
sind der strenge Sportlehrer und der Lover seiner Schwester erschossen. Die Polizei rätselt: keine Spuren, kein Motiv, kein Sinn.
Philosophisch, theologisch, politisch – und eine zarte Liebesgeschichte. Großartig.


10 (7)
Der Tote mit dem Silberzeichen
Robert Galbraith
Aus dem Englischen von
Wulf Bergner, Christoph
Göhler, Kristof Kurz
1247 Seiten
32 Euro
Blanvalet

London. In einer Silberhandlung liegt eine verstümmelte Leiche. Decima Mullins
glaubt, der Tote sei der Vater ihres Babys und beauftragt Cormoran Strike und Robin
Ellacott nachzuforschen. Sie stoßen auf weitere Vermisste und eine Freimaurerloge,
werden bedroht und haben mit ihren Beziehungsproblemen zu kämpfen. Souverän.



Wie funktioniert die Abstimmung?
18 Spezialistinnen und Spezialisten für Kriminalliteratur aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz schlagen aus der laufenden Produktion jeweils
vier Titel vor, die sie mit sieben, fünf, drei Punkten oder einem Punkt bewerten. Der so gefundene Punktwert pro Titel wird mit der Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen multipliziert. Daraus wird die monatliche Liste berechnet.
Die Titel sind nicht älter als ein Jahr.

Die Jury
Kolja Mensing, Sprecher der Jury, »Deutschlandfunk Kultur« | Volker Albers, »Hamburger Abendblatt«, »Krimifestival Hamburg«|
Gunter Blank, »Rolling Stone« | Wolfgang Brylla »CrimeMag« | Katrin Doerksen, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Kino-Zeit«, »Deutschlandfunk Kultur« | Hanspeter Eggenberger, »krimikritik.com« | Tobias Gohlis, »Recoil« | Fritz Göttler, »Süddeutsche Zeitung« | Jutta Günther, »krimi-frauen.de« | Sonja Hartl, »Zeilenkino«, »Deutschlandfunk Kultur«, »SWR« | Hannes Hintermeier, »Frankfurter Allgemeine Zeitung« | Alf Mayer, »CulturMag«, »Strandgut« | Marcus Müntefering, »Der Spiegel« | Ulrich Noller, »Deutschlandfunk«, »SWR«, »WDR« |
Frank Rumpel, »CrimeMag« | Ingeborg Sperl, »Der Standard« | Sylvia AStaude, »Frankfurter Rundschau« | Maria Wiesner »Frankfurter Allgemeine Zeitung«

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