DIE KRIMIBESTENLISTE im Januar 2026, Teil 1
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Also zuerst einmal muß man die vorwarnen, die Fantasy-Romane nicht mögen. Denn tatsächlich ist dies zwar ein Krimi, aber angesiedelt in einem sehr, sehr anderen Land, dessen neun „Militärränge des Großen geheiligten Imperiums von Khanum“ gleich am Anfang aufgezählt sind: vom CONZULAR als dem höchsten bis zu MILITIS als dem niedersten Rang. IMMUNIS, als die die Ermittlerin Ana bezeichnet wird, liegt genau in der Mitte. Beigefügt ist eine Landkarte, die das Imperium aufzeigt, eine in vier Meere hinausragende Landzunge, die an ihrer Spitze durch eine Meermauer geschützt ist. Richtung Landinneres gibt es dann drei weitere ringförmige Mauern, die das Imperial Sanctum schützen.
Mit den landschaftlichen Gegebenheiten kommt man eigentlich schnell zurecht. Denn alle Aktivitäten der Bewohner sind darauf gerichtet, die aus dem Meer kommenden Leviathane – eine Art überdimensionierte Kraftmaschinen, die die abwehrenden Mauern zerstören, ins Landesinnere eindringen und den Tod bringen – abzuwehren, d.h. sie vor den Mauern noch am Ufer zu bekämpfen, sie zu töten. Bisher hat das Imperium noch jeden Leviathan erledigen können, bevor er mehr Unheil anrichten konnte, als die Mauer zu durchbrechen. Das ganze Leben der Bewohner ist allerdings auf die Abwehr dieser Ungeheuer gerichtet, in dem verschieden farbige Leuchtfeuer die Küste entlang den Gefahrenzustand mitteilen. Rot, Grün, Gelb, alles schlimm, aber Blau bedeutet dann: Ruhe, der Leviathan ist erledigt.
Das ist zwischen altertümlicher Politik und hochgerüsteter Biotechnologie interessant ausgedacht und überfordert nicht, was für das literarische Personal nicht gilt, denn das ist mehr als komplex (wobei einem bei dem Begriff ‚komplex‘ natürlich im Januar 2026 sofort des Bundeskanzler Merz’ Beurteilung die Entführung und der Festnahme eines mittel-südamerikanischen Präsidenten in die USA durch deren Präsidenten Trump einfällt) . Die Komplexität der Bevölkerung zeigt sich in den unterschiedlichen Begabungen, Körperformen, Intelligenzquotienten, in die die grundsätzlich männliche und weibliche Staatsbürger unterteilt sind. Das Ermittlerduo soll als Beispiel dienen. Dinios Kol ist der Gehilfe der Ermittlerin Ana Dolabra und schwankt im Roman zwischen einem naiven Ich-Erzähler und einem auktorialen Erzähler, der mehr weiß, als er zugibt und das große Ganze im Blick hat.
Grundsätzlich muß man sich die Bevölkerung aus Individuen vorstellen, die je nach Eigenart unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen angehören, die bestimmte menschliche Eigenschaften potenziert haben. So ist Din, wie Ana ihn nennt, ein Gravierer. Das sind Wesen, deren Merkfähigkeit – unterstützt durch Gerüche, die sie in kleinen Ampullen mit sich führen – ins Unendliche geht, denn sie können sowohl stundenlange Gespräche exakt wiedergeben, wie auch Örtlichkeiten genauestens beschreiben, Texte sowieso. Das ist schon faszinierend, denn es handelt sich um Potenzierungen dessen, was an menschlichen Anlagen vorhanden ist. Auf diese Weise ist die gesamte Gesellschaft in Gruppen mit speziellen Eigenschaften aufgeteilt. Andererseits ist aber auch Individualität möglich, wie Ermittlerin Ana zeigt. Denn die sitzt in ihrem Nest und läßt ermitteln! Was mit ihren Augen los ist? Das wird nicht klar, ob eine Krankheit bedingt, dass sie ständig, aber eben nicht immer, ein Tuch vor die Augen geschlungen hat, wie eine Augenklappe verwendbar und häufiger will sie die Welt nicht sehen und nur selten zieht sie das Tuch weg und schaut insbesondere Din direkt an. Mehr Exzentrik geht kaum.
Diese Kombination nun, ein merkfähiger Gehilfe, der alles sieht und hört und Ana wiedergeben kann, aber nicht unbedingt versteht, was er da sieht und hört und eine Ermittlerin, die aus dem Abgefragten Spuren lesen kann und dann auch tatsächlich die Morde aufklären kann, das ist schon ein Pfund, mit dem Autor Robert Jackson Bennett wuchert. Doch das Eigentliche sind die Morde selbst, wobei es klein anfängt, mit einem einzigen Mord, der so seltsam anmutet, dass es einige Zeit dauert, bis das Dahinscheiden einiger Menschen als Mord erkannt und eben ab da auch verfolgt wird. Das Imperium wird von einigen tonangebenden Familien beherrscht, von denen die Familie Haza die wichtigste ist. Die hat in allen Landesteilen, also hinter allen Ringmauern größere Anwesen, in denen befreundete Personen auch dann unterkommen, wenn kein Familienmitglied anwesend ist. So geschah es mit Kommandant Taqtasa Blas vom Ingenieurs-Iyalet, ein Freund der Familie, wie es heißt, der hier oft nächtigte, um seine Freudenmädchen aufzusuchen, wie Din später herausbekommen wird, der die Unzucht der höheren Chargen genau untersuchen wird. Doch nicht der Tod selbst ist das verwunderliche, sondern der Zustand der Leiche. Denn aus ihr ist ein Baum erwachsen. Auch dies wird die Ermittlerin später aufgrund der Beschreibungen von Din herausbekommen. Es ist ein kleines Fitzelchen von speziellem Gras, das in den Menschen wächst, ihren Brustkorb sprengt und sich zum Baum auswächst. Es ist das tödliche Scheckenglas und wird als Seuche behandelt.
Verbunden mit den Toten ist ein Umstand, der schwer erklärbar ist. Denn im Umkreis des Toten – und später der vielen anderen Toten – sind Schimmelspuren an den Farnpapieren, die als Fenster u.a. dienen.
Uns so wird Ana auch der Spur nachgehen, wer in den letzten Monaten eine besonders hohe Bestellung an Farnpapier getätigt hatte, denn man muß das verschimmelte Farnpapier sofort durch neues ersetzen, will man eine Vergiftungsepidemie verhindern.
Insbesondere die Berichterstattung durch Din und was Ana damit anfängt, bringt intellektuellen Spaß. Das Ganze weitet sich zu einem landesweiten Skandal aus, in dem etliche der Personen, die erst mal mitermittelt hatten, sich als Täter herausstellen. Eine kleine, ach was, eine größere Verschwörung, der nachzugehen man aber die 400 Seiten braucht.
Am Ende ist alles geklärt. So was hat man gerne, wenn die Täter insgesamt entlarvt sind und der Sinn des ganzen Geschehens enthüllt wird. Sehr ungewöhnlich und die Aussichten auf eine solche Gesellschaft furchterrengend.
Die besten Krimis im Januar 2026
1 (9)
Die Eskimo-Lösung
Pascal Garnier
Aus dem Französischen von Felix Mayer
140 Seiten
20 Euro
Septime
Ein Autor muss einen ungeliebten Kriminalroman fertigstellen: Von Konsumismus und Idiotie genervt
mordet Louis seine Mutter und die Eltern von Bekannten, um ans Erbe zu kommen. Dann kommt des
Autors pubertäre Stieftochter zu Besuch. Literarische Phantasien und Wirklichkeit verschmelzen.
Die Geburt des Noir aus Weltekel.
2 (1)
Adama
Lavie Tidhar
Aus dem Englischen
von Conny Lösch
425 Seiten
22 Euro
Suhrkamp
„Kibbuz Trashim“ 1945–2009. Adama heißt Erde. Daran gefesselt sind Matriarchin Ruth,
ihre Schwester und Kinder. Nach dem Holocaust haben sie nichts anderes. Nach
„Maror“ geht Tidhar weiter zurück in die frühe Zeit Israels. Sie ist voller Blut, Vertreibung,
Verrat, Verbrechen, Einsamkeit, mit Leben bezahlt. Umwerfend.
3 (-)
The Tainted Cup
Robert Jackson Bennett
Aus dem Englischen
von Jakob und Karla Schmidt
416 Seiten 16,95 Euro
Adrian & Wimmelbuchverlag
„Daretana‟. Am Rand des Imperiums attackieren Meeresungeheuer die Küste. Dann wird ein Offizier
von einem Baum aufgespießt – der aus seinem Körper gewachsen ist. Die exzentrische Ermittlerin
Ana Dolabra und ihr Assistent Dinios Kol vermuten eine politische Verschwörung.
Thriller trifft auf Fantasy. Magisch!
4 (-)
Penance
Eliza Clark
Aus dem Englischen
von Simona Turini
492 Seiten
24,99 Euro
Festa
„Crow-on-Sea“, Nordengland. Drei Teenagerinnen ermorden eine Mitschülerin. Ein
in Ungnade gefallener Journalist will die Hintergründe dieses Verbrechens aufdecken. Sein Buch:
ein True-Crime-Hit. Aber erzählt er die ganze Wahrheit? Ein clever
konstruierter Roman – voller bissiger Einsichten in das Genre True Crime.
5 (5)
Der Wortschatz des Todes
Martin von Arndt
288 Seiten
18 Euro
Ars vivendi
„W.“ Weil ihr Bruder bei der Antifa war, konnte Irina nicht beim BKA bleiben. Jetzt,
als Privatdetektivin, soll sie seinem Kumpel Oleksi helfen, der den Mord an einem polnischen
„Geschäftsmann“ gestanden, aber nicht begangen hat. Mit Anwalt Bergmann stöbert sie –
selbst russische Dissidentin – ein Netz von Putins Agenten auf. Klasse.
6 (4)
Ein widerliches kleines Gefühl
Regina Nössler
334 Seiten
14 Euro
Konkursbuch
Berlin. Evelyn ist Teamleiterin einer Softwarefirma und mit sich zufrieden. Bis Jennifer auftaucht, die die „
alte Freundschaft“ aus Grundschulzeiten erneuern will. Je öfter Jennifer ungefragt bei ihr ein und aus geht,
desto mehr kippt Evelyn aus ihrem Leben. Sie muss Jennifer loswerden.
Nössler dreht an Albtraumspiralen.
7 (-)
Minnesota
Jo Nesbø
Aus dem Norwegischen
von Günther Frauenlob
407 Seiten
24,99 Euro
Ullstein
Minneapolis, 2016. Ein Serienkiller jagt Gang-Mitglieder, NRA-Lobbyisten – und
Politiker, die für das Recht kämpfen, Waffen zu tragen. Ausgerechnet Detective Bob
Oz ermittelt, dessen Tochter bei einem Unfall mit einer Dienstpistole ums Leben
gekommen ist. Ein dunkler, europäischer Blick auf den Waffenfetisch in den USA.
8 (3)
Repair Club – Der Countdown läuft
Charles den Tex
Aus dem Niederländischen von Simone
Schroth
463 Seiten
14 Euro
HarperCollins
Den Haag, Afghanistan. Ein Afghane zeigt John Antink, dem früheren Geheimdienstchef, ein Foto
mit einer getöteten Frau. 14 Tage haben er und die Freunde vom Repair Club Zeit, den Schützen zu
identifizieren. John muss an die Lücken seines Gedächtnisses. Was ist vor 18 Jahren geschehen?
Brillant: Wiederkehr des Verdrängten.
9 (7)
Eines jungen Mannes Reise in die Nacht
Håkan Nesser
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
352 Seiten
25 Euro
btb
„Kymlinge“, Norbotten. Gibt es eine Pflicht zu töten? Erik, gerade mal 15, Krimifan, ist fest davon überzeugt. Und schon
sind der strenge Sportlehrer und der Lover seiner Schwester erschossen. Die Polizei rätselt: keine Spuren, kein Motiv, kein Sinn.
Philosophisch, theologisch, politisch – und eine zarte Liebesgeschichte. Großartig.
10 (7)
Der Tote mit dem Silberzeichen
Robert Galbraith
Aus dem Englischen von
Wulf Bergner, Christoph
Göhler, Kristof Kurz
1247 Seiten
32 Euro
Blanvalet
London. In einer Silberhandlung liegt eine verstümmelte Leiche. Decima Mullins
glaubt, der Tote sei der Vater ihres Babys und beauftragt Cormoran Strike und Robin
Ellacott nachzuforschen. Sie stoßen auf weitere Vermisste und eine Freimaurerloge,
werden bedroht und haben mit ihren Beziehungsproblemen zu kämpfen. Souverän.
Wie funktioniert die Abstimmung?
18 Spezialistinnen und Spezialisten für Kriminalliteratur aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz schlagen aus der laufenden Produktion jeweils
vier Titel vor, die sie mit sieben, fünf, drei Punkten oder einem Punkt bewerten. Der so gefundene Punktwert pro Titel wird mit der Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen multipliziert. Daraus wird die monatliche Liste berechnet.
Die Titel sind nicht älter als ein Jahr.
Die Jury
Kolja Mensing, Sprecher der Jury, »Deutschlandfunk Kultur« | Volker Albers, »Hamburger Abendblatt«, »Krimifestival Hamburg«|
Gunter Blank, »Rolling Stone« | Wolfgang Brylla »CrimeMag« | Katrin Doerksen, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Kino-Zeit«, »Deutschlandfunk Kultur« | Hanspeter Eggenberger, »krimikritik.com« | Tobias Gohlis, »Recoil« | Fritz Göttler, »Süddeutsche Zeitung« | Jutta Günther, »krimi-frauen.de« | Sonja Hartl, »Zeilenkino«, »Deutschlandfunk Kultur«, »SWR« | Hannes Hintermeier, »Frankfurter Allgemeine Zeitung« | Alf Mayer, »CulturMag«, »Strandgut« | Marcus Müntefering, »Der Spiegel« | Ulrich Noller, »Deutschlandfunk«, »SWR«, »WDR« |
Frank Rumpel, »CrimeMag« | Ingeborg Sperl, »Der Standard« | Sylvia AStaude, »Frankfurter Rundschau« | Maria Wiesner »Frankfurter Allgemeine Zeitung«
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