a fried.oeÖsterreichische Literaturpreise 2019: Erich Fried Preis 2019

Anna von Stillmark

Wien (Weltexpresso) - Steffen Mensching erhält den mit 15.000 Euro dotierten Erich Fried Preis 2019. Der Preis wird am 1. Dezember im Literaturhaus Wien verliehen. Der Erich Fried Preis wird seit 1990 vom Bundeskanzleramt gestiftet und durch die Internationale Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache vergeben. Er hat eine Besonderheit. Anders als fast alle Preise wird er nicht durch eine Jury durch Stimmabgabe in Mehrheitsentscheidungen gewählt, sondern von einer einzigen Person bestimmt. 

In Deutschland gibt es vergleichbar den Ludwig Börne Preis, den die Jüdische Gemeinde Frankfurt trägt, wo ein Gremium jedes Jahr eine Person auswählt, die dann den Preisträger bestimmen darf. Warum dies ein interessantes und gutes Konzept ist, hat damit zu tun, daß im Allgemeinen bei Mehrheitsentscheidungen in Jurys sich immer diejenigen durchsetzen, die als 'Durchschnitt' , weil 'Kompromiß' bezeichnet werden, einfach, weil sie Mehrheiten hinter sich bringen. Dies ist z.B. beim ersten Deutschen Buchpreis 2005 passiert, als sich in der Jury zwei Parteien ergaben, von denen die eine für Daniel Kehlmann und seinen starken Roman DIE  VERMESSUNG DER WELT als Buchpreisträger eintrat. Den anderen Vorschlag kennen wir nicht. Auf jeden Fall ist als Kompromiß Arno Geiger mit ES GEHT UNS GUT benannt worden, ein wirklich unwichtiges und auch nicht überzeugendes Buch gegenüber dem Kehlmannschen Schlager. Das soll ein Plädoyer sein in einer Welt von Kompromißen auch eigenwilligen Positionen eine Chance zu geben. Natürlich kann dabei auch eintreten, daß jemand ausgewählt wird, der auch bei einer Jury eine Mehrheit bekäme. 

Zurück zum Erich Fried Preis, den wir schon deshalb loben, weil auf diese Weise der Name des wunderbaren und zu Lebzeiten aus Österreich hart angegangenen österreichischen Exilanten, der sich nach London vor den Nazis retten konnte und dort leben blieb, früh starb, im Gespräch bleibt.  Der Preis zeichnet sich dadurch aus, dass ein/e namhafte/r Autor/in oder Publizist/in allein die Entscheidung verantwortet, wem der Preis zuerkannt wird, und diese Wahl mit einer Laudatio begründet. Dieses Jahr gibt es eine Besonderheit: Christoph Hein ist für die Wahl verantwortlich – er selbst war 1990 der erste Preisträger, damals vom deutschen Literaturwissenschaftler Hans Mayer ernannt.

„Mit seinem Roman Schermanns Augen gelang es Steffen Mensching, einen Roman zu schreiben, der die erste Häfte des zwanzigsten Jahrhunderts erfasst und genauesten zu benennen vermag.Es ist das Jahrhundert von Hitler und Stalin, die Europa und der Welt ihr angst- und grauenerregendes Siegel aufprägten, die nicht allein ihre Völker und Länder in mörderische Ideologien führten und einen zweiten Weltkrieg entfachten. [...] Mensching gelingt mit seiner Buch etwas ganz Einzigartiges. Und wenn sich dem Leser des umfänglichen Romans sukzessiv dessen Konstruktion erschließt, entsteht eine weitere und völlig andere Spannung. Unwillkürlich fragt man sich bei der Lektüre, ob der kühne und aberwitzige Einfall den riesigen Roman zu tragen imstande ist. [...] Es ist nicht weniger als ein Jahrhundertroman.“ so Christoph Hein in seiner Jurybegründung.

Steffen Mensching, geboren 1958 in Berlin (Ost), studierte an der HU Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete viele Jahre als freiberuflicher Autor, Schauspieler, Clown und Regisseur. Bekannt wurde er vor allem durch die Clownsprogramme, die er mit seinem Partner Hans-Eckardt Wenzel auf die Bühne gebracht hat (u. a. Letztes aus der DaDaeR, 1983 – 1989). Zu seinen Werken zählen u. a.: Erinnerung an eine Milchglasscheibe (1979), Jacobs Leiter (2003), Lustigs Flucht (2005), Schermanns Augen (2018). Mensching ist Mitglied des Deutschen PEN und erhielt im November 1989 den Heinrich-Heine-Preis (noch zu DDR-Zeiten), den Deutschen Kleinkunstpreis sowie den Kabarettpreis der Stadt Nürnberg.

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Erich Fried
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