wahre verbrechen 320054203Wahre Verbrechen, Teil 1/3

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wie unterschiedlich die Darstellung eines Mordes, erst recht des Abschlachtens von Menschen auf einen Leser, eine Leserin wirkt, ist in der Tat abhängig davon, ob man einen fiktionalen Kriminalroman liest oder einen Tatsachenbericht, den ich mir, die ich oft Krimis bespreche, auferlegte. Mit düsteren Folgen.

Christine Brand, die Gerichtsreporterin, hat auch Krimis geschrieben.In BLIND, DIE PATIENTIN und DER BRUDER ermitteln das Duo Milla Nova und Sandro Bandini. Dazu ein andermal mehr. Jetzt geht es um ihren ersten Beitrag zu den sogenannten True-Crime Fällen, über die sie dank ihrer beruflichen Tätigkeit als Gerichtsreporterin weidlich Erfahrungen hat und für die Leser sechs ausgewählt hat. Nein, ich konnte die nicht hintereinander weglesen, so wie einen Roman, weil der dargestellte Schrecken eine andere Dimension in einem auslöst, allein durch das Wissen, daß das geschilderte Grauen tatsächlich passiert ist.

Dabei sind die Fälle nicht nur vom Verbrechen her höchst unterschiedlich, sondern auch im Wissen um die Tat, den Täter, die Ermordeten. Denn eines hat mich sofort überzeugt und auch nachdenklich gemacht, daß Gerichtsprozesse von der Sache her den Täter, besser: potentiellen Täter in den Mittelpunkt stellen, es dauernd um ihn, seine Herkunft, sein Großwerden, seine psychische, auch physische Verfassung, seine Mordmotive, seine Mordwerkzeuge, sein Handeln beim Morden, wenn der Verdacht auf ihn fällt, Verschleierungsversuche, Alibis, Entlastungszeugen, Einschätzung seiner Persönlichkeit etc. geht. Immer steht der potentielle Täter im Mittelpunkt des Geschehens im Gerichtssaal. Der Tote, der Ermordete ist Nebensache, was schlicht dem Gerichtsprozedere entspricht, denn es soll ja ein Urteil gesprochen werden, eine gerechtes, ob der potentielle Täter als wahrer Täter überführt werden kann.

Und wenn man das Gerichtsgeschehen noch mal kurz mit dem fiktionalen Krimi vergleicht, der ja nicht selten aufgrund von echten Mordfällen nachgeschöpft wird, so liegt der große Unterschied im Zeitablauf. Denn der Krimi setzt als Handlung oft schon vor dem Mord ein, wir sind als Leser oft Zeugen des Geschehens, des Verbrechens, kennen die Hintergründe und erst recht den Ablauf des Mordes, während im Gerichtssaal spekulativ von heute her in die Vergangenheit ermittelt werden muß, Beweise und Belege gefunden werden müssen, stärker noch, als die eigentliche Ermittlungsarbeit der Polizei, die zeitlich näher an der Tat den Schuldigen, die Schuldigen durch Indizien überführen muß, wenn Tatzeugen – und das ist die Mehrzahl der Fälle – nicht vorhanden sind.

Letztes ist auch das Gemeinsame der dargestellten wahren Verbrechen, daß außer den Tätern, manchmal auch ihren Komplizen, niemand beim Mord dabei war, also alles erschlossen werden muß. Man kann keine Rangliste der schlimmsten Morde aufstellen und will das auch gar nicht. Jeder Mord ist der schlimmste auf seine eigene Art, vom Toten und seinen/ihren Angehörigen her sowieso. Im Vorwort erläutert die Verfasserin, warum und wie sie Gerichtsreporterin wurde. Und gibt zur Auswahl der sechs Fälle ihre Absicht kund: „Alle Erzählungen basieren auf Aussagen von Tätern, Opfern, Zeugen, Anwälten, Staatsanwälten und Richtern, sowie auf Gesprächen mit mittelbar und unmittelbar Betroffenen. Sechs Fälle, die alle etwas gemein haben. Die Täter sind keine Fremden, keine Psychopathen, die wahllos morden, keine radikalisierten Terroristen, die um sich schießen. Das Böse ist viel näher, als man denkt, manchmal wohnt es gleich nebenan...“

So haut der erste Fall, der im schweizerischen – die Autorin ist Schweizerin, lebt in Zürich, schreibt Gerichtsreportagen für die NZZ – Rupperswil, einem Dorf mit 5 500 Einwohnern spielt, gleich richtig rein. Man kann es nicht fassen, daß ein bisher unauffälliger, sogar besonders netter, sehr gut aussehender Mann in den Dreißigern, der immer noch bei der von ihm geliebten Mutter lebt, ohne irgendwelche vorherigen Taten vier Menschen ermordet, nicht aus dem Affekt, sondern genau geplant und minutiös durchgeführt, einschließlich Raub, Erpressung und widerlichem pädophilen Mißbrauch an dem 13jährigen Jungen der Familie, was er als Video sogar aufnimmt. Seine Pädophilie wird ihm zum Verhängnis, denn er hat den nächsten blonden, blauäugigen Jungen im Internet ausgespäht, was eine Falle war. Die Gemeinde Rupperswil muß damit leben, daß ein angeblich unbescholtener Bürger der Täter war, den man unter den auswärtigen Bösen vermutet hatte.

Bei dem zweiten Fall hätte nicht der nur zwei Jahrzehnte lang mordende Krankenpfleger Niels H., von dem man insgesamt über 300 Morde in Kliniken in Norddeutschland annimmt - jeder erwachsene Bundesbürger erinnert sich an diesen ungeheuerlichen Fall – vor Gericht stehen müssen, sondern mit ihm die wegschauenden Ärzte, Krankenschwestern und Mitpfleger. Als auffiel, daß ein Medikament, mit dem man Herzflimmern hervorrufen kann und auch den unmittelbaren Tod, besonders häufig verwandt wurde, untersuchte die Klinik nicht den Hintergrund, sondern bestellte doppelte und dreifache Mengen. Man mag es nicht glauben, was an Fahrlässigkeit, die Mithilfe beim Morden wurde, hier geschah.

Nein, wir wollen nicht von allen Fällen berichten, die einen unterschiedlich unter die Haut gehen, aber allesamt zeigen, wie wenig Emotion oder auch Gewinnsucht nötig ist, um Menschen zum Morden zu verleiten. Buchstäblich für ein Butterbrot und ein Ei, wie der klassische Ausspruch lautet, werden zuvor ‚normale‘ Menschen zu Mördern. Das ist die eigentliche Botschaft, die ich nach dem Lesen mitnehme, was durchaus Angst macht.

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Info:
Christine Brand, Wahre Verbrechen. Die dramatischsten Fälle einer Gerichtsreporterin, Verlag Blanvalet 2021
ISBN 978 3 7645 07784 8