mdr berlinTod und Tanz im Wien und Berlin der Zwanziger Jahre, Teil 1/4

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Derzeit gibt es absolut eine Welle der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, hundert Jahre ist das her. Als man in der Nachkriegszeit in Westdeutschland mangels vorzeigbarer Kulturtaten ab 1933 und mangels Vorbildern der Kaiserzeit und des Ersten Weltkriegs, schon einmal die damals DIE GOLDENEN ZWANZIGER JAHRE genannten Zeiten in Erinnerung rief, war es deren wilde kulturelle Vitalität , die ein Vorbild wurde für Kreativität, gesellschaftlichen Mut und demokratische Gesinnung.
In dieser ersten Phase 30-50 Jahre nach den Zwanzigern waren es vor allem die kulturellen Ereignisse, die Furore machten. Eine kaum überschaubare Vielzahl von Kunstbänden erschien damals, die 30-70 Jahre später mit nun besser recherchierten umfassenden Werken eine Gesamtschau bieten, beispielsweise DIE KUNST DER ZWANZIGER JAHRE. MALEREI, DEKORATION, GRAFIK, DESIGN, ARCHITEKTUR, PLASTIK, FOTOGRAFIE, FILM von Gilles Néret, vom Januar 1986 oder auch Ausstellungen, die sich ebenfalls in Katalogen in schriftlicher Form nachlesen lassen, wie WELT IM UMBRUCH: KUNST DER 20er JAHRE im Bucerius Kunst Forum im Jahr 2019.

Auch bei der Nachkriegsbeschäftigung mit den Zwanzigern war der Tanz schon dabei , die neue Mode mit Bubikopf und kurzen Röcken, die neuen Kunstrichtungen, die neue Musik, die Literatur, auch das neue Bauen, das im BAUHAUS ja nur die Spitze eines breiten Fundaments zeigte.

Heute dagegen sind die Zwanziger Jahre fast immer im Kontext der folgenden Nazidiktatur angesiedelt. Zu Recht. Und darum ist auch verständlich, daß heute im Gegensatz zur ersten Renaissance der Zwanziger diese Nachkriegs- und vorfaschistischen Jahre hauptsächlich im Kriminalroman daher kommen, denn Sex und Crime, Tanz und Tod sind angesichts des Erstarken der Nazis durch Schlägereien auf den Straßen, Fememorden und gezieltem tödlichen Ausschalten demokratisch gesinnter Personen im Kriminalroman einfach besser aufgehoben, an der richtiger Stelle, denn die Wehrsportgruppe und andere Nazi- Organisationen waren verbrecherische Banden, die Morde verübten, was schon damals polizeiliches Handeln in Gang setzte, aber – und das wird in den Kriminalromanen virulent – gestört, ja massiv in der Aufklärung behindert durch verkappte Rechtsradikale und Nazis in den Polizeibehörden und dem vorparlamentarischen Raum. Beispiel für diese Entwicklung haben zuerst die Kriminalromane um den genialen Berliner Ermittler, Kriminalrat Ernst Gennat (1880-1939)  aufgezeigt, die zusätzlich zur gesellschaftlich angespannten Situation eben auch ungewöhnliche Ermittlungsarbeit aufzeigten, wozu die „Zentrale Mordinspektion“ eingerichtet wurde, während Engstirnigkeit die allgemeine Polizeiarbeit kennzeichnete.  Autoren dieser Berliner Kriminalroman sind Susanne Goga, Friedrich Karl Kaul, Regina Stürickow, die eine ganze Reihe um "Kommisar Gennat" veröffentlcht hat, auch Martin Keune und Hans G. Bentz. Der große Überflieger und der, der heute die Zwanziger im Kriminalroman repräsentiert wurde Volker Kutscher mit seinem Ermittler Gereon Rath.Eigentlich betimmen seine Figuren durch die Verfilmung in der Fernsehserie BABYLON BERLIN heute das Bild der Zwanziger Jahre, sowohl was die Lebensfreude und neue Gestaltungsmöglichkeiten für Frauen aufweist, wie auch die immer virulenter werdende faschistische Gefahr.

Dies wird im Folgenden auch an zwei Kriminalromanen, einem aus dem Berlin der 25/26 Jahre und einem aus Wien um 1922, die speziell die Themen Tod und Tanz bündeln, deutlich.


Der 483 Seiten starke Kriminalroman stellt jedoch Josephine Baker und ihre Empfindungen in den Mittelpunkt. Das fördert das Leseinteresse, wenn die in Paris Umjubelte zum Engagement ins 1925/26 als fiebrige Metropole berüchtigte Berlin fährt, wo zu ihrem Schutz nun Nowak an ihrer Seite weilt. Daß sich daraus ein Gspusi mit Hindernissen entwickelt, gehört wohl zur Dramaturgie solcher Romane, wo man sich über die echte Biographie keine Gedanken machen darf.

Spannender wird dann das eigentliche Geschehen der erst einmal diffus gefühlten Bedrohung, die begleitet wird von massiven Gewalttaten, von Mord und Folterungen. So verliert Nowak auch seinen besten Freund durch den Überfall auf das gemeinsame Boxstudio. Das nun wiederum führt zum Zusammenschluß der demokratischen Kräfte, die sich im Widerstand gegen die Nazis formieren, auch wenn sie aus ganz unterschiedlichen sozialen und politischen Lagern stammen.

Wichtig, daß die Feinde dieser im demokratischen Aufbau befindlichen Gesellschaft in Person und Funktion detailliert, d.h. psychologisch und mental dargestellt werden. Dadurch entgeht der Krimi einer Schablonenhaftigkeit, die sich bei diesem Thema leicht einschleicht. Daß für uns die dahindümpelnde Liebesgeschichte nicht hätte sein müssen, hat man hoffentlich mitgelesen.

Foto:
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Info:
Veronika Rusch, Der Tod ist ein Tänzer. Die Josephine-Baker-Verschwörung, Piper Verlag 2021
ISBN 978 3 492 06241 1