himmelerdenblau taschenbuch romy hausmannRomy Hausmann legt heute bei Penguin ihren vierten Thriller vor

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Stimmt! Man liest ab irgendwann die 448 Seiten sicherer, denn am Anfang kommt man schon ins Schwimmen. Um was geht es hier, wo so viele Personen sprechen, deren Namen in der Überschrift festgehalten sind? Wenn man sie erst kennengelernt hat, fühlt man sich zu Hause in diesem Roman, der grob zwei Themen hat: vor 20 Jahren ist Theos Tochter Julie verschwunden, entführt worden; Theo war Chirurg und Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie an der Charité in Berlin, ist jetzt mit 74 Jahren an Frontallappendemenz erkrankt und will in seinen lichten Momenten vor dem Verlöschen endlich seine Tochter finden.

 

Schon wieder ein verschwundenes Mädchen, fällt das nicht auf, dass das derzeit eine regelrechte Schwemme in Kriminalromanen ist? Das stimmt zwar, wird aber sofort unwichtig, wenn hier nähere Details ans Licht kommen. Denn, das ist ein Prinzip dieser Geschichte. Es kommt dauernd etwas ans Licht, was das Geschehen – das von vor 20 Jahren und das von heute – verändert. und sowohl die Handlungen wie auch die Personen neu einordnen lehrt.  Sicher ist dies eine Schreibstrategie, die aufgeht, denn nichts ist langweiliger, als wenn man den nächsten Schritt in einem Krimi schon ahnt und sich nicht freut, wenn die eigene Vermutung zutrifft. Nach kurzer Zeit hatte ich jeglichen Verdacht auf Julies Entführer aufgegeben, nur ein vager Gedanke blieb – und lag damit sogar richtig, wie ich selber erstaunt am Schluß feststellte.

Die eigentlich einfache Geschichte wird komplex durch drei ständig wechselnde Erzähler: Theo, Liv, Daniel, dann noch Lara, die auch viel beisteuert und erst gegen Schluß kommen noch Phil, Vera und Sophia dazu. Es gibt einen namenlosen Prolog, einen Epilog und sechs Kapitel, in denen die genannten Erzähler die Geschichte vorantreiben und ganz selten ein auktorialer Erzähler Bindeglied ist.

Theo, die absolute Hauptperson des Romans, wächst einem schon deshalb ans Herz, weil Romy Hausmann ihn mit all seinen Stärken, die er immer noch hat, und seinen zunehmenden Schwächen schildert. Er erkennt seinen alten Freund Claus, seinen behandelnden Arzt, Neurologe und Psychiater, nicht, spricht von ihm ständig als dem Gockel und dass er seinen, Theos weißen ‚Krittel‘ trägt. Solche Sprachspiele, die ja zum Lachen reizen und gleichzeitig symptomatisch für nachlassende Gehirnfunktion und Sprachkontrolle sind, sind eine der großen Stärken dieses Romans, weil sie das Gleitende, das Wechselnde dieser Gehirnerkrankung und damit auch die Komik vieler Situationen so ernst nehmen, dass man auch darüber lachen kann - und darf! Wenn beispielsweise Theo seinem Freund und Arzt gerade sagt, er müsse nach Hause zum Abendessen, seine Frau Vera warte und dieser entgegnet: „Vera wartet nicht, Theo. Sie ist seit vier Jahren tot.“, worauf Theo in Tränen ausbricht, obwohl er doch eigentlich händeringend nach einer adäquaten sprachlichen Beleidigung sucht.

Theos zweite, jüngere Tochter Sophia hat ihn zur Visite gebracht und kümmert sich rührend um ihn, was ihn leicht renitent macht. Sie ist verheiratet mit Richard, den er permanent Reinhard nennt; beide wollen ein Kind adoptieren. Sophia ist ständig unter Strom, zu dünn und eben voller Sorge um den Vater, dessen Demenz sich steigert. Aber es gibt eben die lichten Momente! Die hat er besonders im Gespräch mit Liv. Die gestaltet zusammen mit Phil einen viel gehörten Podcast: Two Crime - Der True Crime Podcast: wahren Kriminalfällen auf der Spur. Und da sich der zwanzigste Jahrestag des Verschwindens der Tochter nähert, werden die Sendungen über Julie vorbereitet, was vor allem Liv übernimmt und zusammen mit Theo auf Spurensuche geht, tatsächlich hin und her in Berlin. Denn eigentlich ist der Entführer/Mörder? bekannt. Das wissen viele. Vor allem Theo. Es muß einfach Daniel sein, mit dem Julie befreundet war, aber auf ein Donnerwetter des Vaters hin sich sofort entfreundete. Daniel kommt aus einfachen Verhältnissen, war nix für die höhere Tochter aus Berlin-Grunewald, was er selber einsah. Jetzt ist er Pfleger und hat eindeutig einen Mutterkomplex, seit diese gestorben ist erst recht.

 Bleibt noch Lara. Sehr undurchsichtig, die junge Frau? Ist sie Julie, hat sie was mit ihr zu tun, auf jeden Fall bleiben die Aussagen der Lara bis kurz vor Schluß terra incognita. Aber dann versteht man auf einmal alles.

Die Spurensuche, die Theo und Liv durch Berlin führt, ist spannend, aber viel zu komplex, um hier in Einzelheiten zu gehen. Was bleibt, sind diese Einsprengsel vom Podcast wie im 4. Kapitel, das Vlado überschrieben ist und nordmazedonischen Lokaljournalisten Vlado handelt, der über die Artikel über einen Serienmörder in der kleinen Stadt Kicevo bekannt wird, bis sich herausstellt, dass er selber der Mörder all dieser älteren Frauen ist, über deren Ermordung, Folterung und Vergewaltigung er schreibt. und national bekannt wird.  Dieser Fall ist  genauso wie auch die entführte Julie an echte Fälle angelehnt, über die die Autorin auch in der Einleitung  mit namentlichen Erwähnungen schreibt. Wir bleiben in der Fiktion und da muß man der Autorin konstatieren, dass ihr ein eingehendes Porträt gelungen ist: Theo auf der Suche nach seiner Tochter wird man nicht vergessen.

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Umschlagabbildung

Info:
Romy Hausmann, HIMMELERDENBLAU, 27. August 2025, Penguin Verlag
ISBN 978 3 328 60428 0