spurlosEin wirklich spannender Thriller, der in Frankfurt am Main spielt

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Da beschäftigen wir uns dauernd mit Krimis und denken, wir hätten den Überblick, müssen aber feststellen, dass Leon Sachs, ein Pseudonym, bisher unserer Aufmerksamkeit entgangen ist. Anderen nicht, denn die Lobsprüche für seine beiden vorherigen Thriller DER ZIRKEL und DIE VILLA, die dem dritten Krimi vorangestellt sind, sind ungewöhnlich begeistert. Und schon nach dem Prolog ahnt man, dass es bald hoch her geht.


In wenigen Worten wird ein Szenario entwickelt, wo Robin Graf, die spätere Hauptfigur des Krimis, einen nachgewiesenen Verbrecher, der mit zwei Milliarden das Weite sucht, im gediegenen Bentley nach Österreich zum Flughafen Vöslau-Kottingbrunn bringt, wo dieser im Privatflugzeug nach Rußland entschwindet. Robin Graf Ist da noch Angestellte eines Service-Unternehmens, das sie bald als Chefin übernimmt, die für viel, sehr viel Geld das perfektioniert haben, was ansonsten der Staat im Zeugenschutzprogramm leistet, wo diejenigen, denen aufgrund ihrer Aussage in Prozessen die Gefahr der Verfolgung und Ermordung droht, einen neuen Namen, Paß und geheimen Aufenthaltsort erhalten. Übrigens befanden sich im Jahr 2023 in Deutschland insgesamt 122 Menschen im Zeugenschutzprogramm, 93 männliche und 29 weibliche Personen.

 

Doch in dieser Agentur zahlen eben die Verbrecher, die auf Nimmerwiedersehen entschwinden, für ihr perfektes Verschwinden so viel Geld, dass im Gegenzug Robin denen, meist Frauen, die von ihren Männern unter Todesdrohungen verfolgt und gequält werden, kostenlos zu einem neuen Identität verhilft.

Schon dieser Prolog hat es in sich und Insider schmunzeln schon bei der Erwähnung des Flughafens in der Nähe Wiens, der aus mindestens zwei Gründen historisch bedeutsam ist, was Leon Sachs links liegen läßt. Wir nicht. Denn auf dem kleinen Flugplatz Bad Vöslau flog am 11. April 1955, damals sowjetische Besatzungszone, der österreichische Bundeskanzler Julius Raab mit seiner Delegation nach Moskau, um über die Souveränität Österreichs zu verhandeln. Als er am 15. April zurückkam, hatte er gute Nachrichten. Der Vertrag wurde dann am 15.5.1955 unterzeichnet, was im Oberen Belvedere bis heute sichtbar ist. Insider hatten immer behauptet, die Österreicher hätten die Russen unter den Tisch getrunken! Aber noch ein weiterer Vorfall, der selbst in einen Krimi paßt, machte den kleinen Flugplatz bekannt. Am 19. Juni 2020 flüchtete von dort aus der frühere Wirecard-Chef Jan Marsalek vor den österreichischen Strafverfolgungsbehörden in einem Privatflugzeug nach Minsk, Belaruss.

Genauso wie die Erwähnung von Vöslau die eigene Phantasie anregt, geht es im Krimi denen, die Frankfurt am Main gut kennen. Sachs, der in Köln unter einem anderen bürgerlichen Namen lebt, wie es auf den Umschlagseiten heißt, war einst selbst in der Krögerstraße, wo Robin Grafs Agentur sitzt, beschäftigt und diese Gegend rund um die Bleichstraße, wo seit Jahrzehnten die Autokolonnen durchrasen, ist selbst in Frankfurt wenig bekannt. Andere erwähnte Lokalitäten, Restaurants etc. schon. Frankfurt am Main ist schon aus inhaltlichen Gründen bei einem Thriller, wo es um viel viel Geld geht, durchaus treffend gewählt.

Die Handlung beginnt mit einem Anruf auf dem roten Telefon, was noch nie passiert ist und nie passieren sollte. Denn das rote Telefon hat die Nummer, von der allein alle diejenigen wissen, die von Robin eine neue Identität, meist weit weg im Ausland, erhalten haben und das sie nutzen sollen, wenn sie sich erkannt und in Gefahr glauben. Und als Robin dran geht, ans Telefon kann sie nur noch den Todeskampf ihrer Anruferin mitbekommen. Das ist nicht alles. Kurz darauf kommt ein weiterer Anruf aus einer anderen Gegen der Welt. Auch hier wird Ihr Schützling ermordet, was sie mitverfolgen kann.

 

Was ist los. Was kann sie tun. Beides waren Kronzeugen in einem Prozeß. Werden sie bestraft? Natürlich, aber wie kamen die Mörder an ihre Unterlagen heran, die sie hütet wie einen Schatz. Das ist nur der Auftakt für eine rasante Fahrt über Stock und Stein, wo, wie der Klappentext ankündigt, tatsächlich eintritt: „Niemand ist mehr sicher, auch nicht ihre Familie.“

Das mörderische Geschehen ist intelligent erzählt und gibt eben auch Einblicke in Familien und Liebesbeziehungen, in denen es drunter- und drüber geht und keiner etwas gemerkt hat, frei nach Polt: Fast wia im richtigen Leben.

 

Foto:
Umschlagabbildung

 

Info:
Leon Sachs, Spurlos, Thriller, Penguin Verlag 2024
ISBN 978 3 328 11154 2