Der Deutsche Buchpreis 2014, Teil 5

 

Felicitas Schubert

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – So etwas gibt es auch. Daß nämlich ein Artikel geschrieben ist, aber beim Einstellen in die Internetausgabe das An-ixsen von 'ja' versäumt wurde, was bedeutet, daß der Artikel im System vorhanden, aber nicht öffentlich einsehbar ist. So war es hier und sofort müssen wir ihn, den Artikel, auch umschreiben.

 

Es ist wirklich nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Denn, was wir damals schrieben, sehen wir heute schon anders. Nur eines bleibt gleich: die Auswahl auf die Sechs, die die Jury nun vornahm. Es sind die nominierten Romane (in alphabetischer Reihenfolge):

 

·        Thomas Hettche: Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch, September 2014)

·        Angelika Klüssendorf: April (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014)

·        Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (Suhrkamp, März 2014)

·        Thomas Melle: 3000 Euro (Rowohlt.Berlin, August 2014)

·        Lutz Seiler: Kruso (Suhrkamp, September 2014)

·        Heinrich Steinfest: Der Allesforscher (Piper, März 2014)

 



Die Jury hält sich dabei in ihrer Begründung kurz: „Wenn Sprache denjenigen gegeben wird, die am Rande unserer und anderer Gesellschaften stehen oder womöglich schon aus ihnen herausgefallen sind, dann wird Literatur zum Weg in eine Freiheit –  eine emotionale, eine gedankliche und manchmal sogar in eine ganz konkrete. Die sechs Autorinnen und Autoren der Shortlist 2014 führen uns mit sprachlicher Brillanz ihre Figuren in all ihrer Würde vor Augen, sie erweitern dabei unseren Blick auf das Leben und unsere Gegenwart und justieren ihn neu“, sagt die freie Kritikerin Wiebke Porombka, Sprecherin der Jury für den Deutschen Buchpreis 2014.



Vielleicht sollten wir den Preis doch eine Stufe niedriger hängen, sagen wir uns heute, was nicht heißt, daß er unwichtiger wird oder für uns werden soll, sondern ausdrücken soll, daß wir ab jetzt der Jury eine Vorgabe überlassen, die Finalisten unter einem besonderen Blick auszuwählen: das wäre diesmal allein bei zwei Büchern die alte DDR, bzw. auch ihr Übergang in Westdeutschland, genannt Bundesrepublik Deutschland, heute Deutschland. PFAUENINSEL von Thomas Hettche führt noch weiter zurück und hat wie Lutz Seilers KRUSO eine Insel zum Ausgangspunkt des Erzählens, ersterer aber eine Insel im Bereich Berlins, wo auch Thomas Melle mit 3000 EURO zu Hause ist. In den Westen nach Berlin gekommen ist auch Angelika Klüssendorfs MÄDCHEN, das jetzt APRIL heißt.



Diese vier Bücher haben inhaltliche, bzw. Ortsgemeinsamkeiten. An völlig anderen Orten, weit weg und nah, spielen DER ALLESFORSCHER von Heinrich Steinfest, dem Österreicher, und PANISCHER FRÜHLING der Schweizerin Gertrud Leutenegger. Da dachten wir schon bei uns, siehe da, das große Deutschland kreist um sich selbst, muß seine jüngste Geschichte literarisch auf- und abarbeiten, hier insbesondere die Geschichte der DDR, nein, die Geschichte der Menschen in der DDR, und die kleineren Länder wie Österreich und die Schweiz, die wandern in die Ferne. Das ist aber nur zum Teil richtig, aber da dann völlig richtig.



Der Ausgangspunkt vom DER ALLESFORSCHER ist sensationell, denn es überlebt in den ersten Seiten der Icherzähler gleich zweimal: eine Explosion und einen Flugzeugabsturz, aber eine Krebskranke muß dran glauben. Das werden wir in den Einzelbesprechungen noch ausführlich darstellen. Bei PANISCHER FRÜHLING dagegen geht es schon im Titel um die Doppelgesichtigkeit des Naturgottes PAN. Denn einerseits erschrickt man bei seinem Anblick panisch, andererseits bläst er verführerisch, ja wollüstig mit seiner Panflöte, so daß seine Bocksgestalt vergißt, denn oben ist er Mensch,nein Mann und unten bocksbeinig. Er steht also für Anziehung und Schrecken gleichermaßen. Auch hier Weiteres bei der Einzelrezension. Was beide aber auch eint, das ist, das das Eigentliche dann zu Hause stattfindet, einmal in Stuttgart und im österreichischen Tirol, ein andermal in der Schweiz.

 

Wie immer sind andere ausgeschlossen, wenn es aus zwanzig nur noch sechs zu machen gilt. Wir hatten ja kurze Einordnungen und auch persönliche Wertungen verteilt. Das Polykrates-Syndrom aus dem Droschl Verlag von Antonio Fian hatte Renommee gewonnen, weil der Roman auch bei der fünftiteligen Nominierung des Wiener Krimipreises, dem Leo Perutz Preis, ausgewählt war. Um Michael Köhlmeiers ZWEI HERREN AM STRANDE tut es uns leid, denn das mögen wir sehr, dieses Buch zwischen Traum, Wahn, Leben, Biographien und Phantasie. Auch KLEINE KASSA vom Residenz Verlag, von Martin Lechner, gefällt uns gut.

 

Daß Saša Stanišić, der Leipziger Buchpreisgewinner vom Frühjahr mit VOR DEM FEST nicht noch einmal ausgezeichnet wird, finden wir richtig, obwohl er genau in die Vorgaben der Jury, siehe oben, mit DDR und deutscher Befindlichkeit fällt. Marlene Streeruwitz hätten wir mit NACHKOMMEN sehr gerne dabeigehabt, denn ihr letzter Roman, nominiert bei den letzten Sechs des damaligen Buchpreises, hätte auch Preisträger werden können. Noch immer finden wir, daß sie am dichtesten an unserer Gegenwart und der erahnten Zukunft schreibt. Fortsetzung folgt.

 

Info:  

Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 176 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2013 und dem 10. September 2014 erschienen sind.

 

Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2014 gehören neben Wiebke Porombka an: Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung), Katrin Hillgruber (freie Kritikerin), Frithjof Klepp (Buchhandlung ocelot, Berlin), Susanne Link (Buchhandlung Stephanus, Trier), Manfred Papst (NZZ am Sonntag) und Annemarie Stoltenberg (NDR Kultur).

 

Der Preisträger bzw. die Preisträgerin erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Mit dem Deutschen Buchpreis 2014 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Die Preisverleihung findet am 6. Oktober 2014 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

 

Der Deutsche Buchpreis wird von der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung vergeben. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind zudem die Frankfurter Buchmesse, Paschen & Companie und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur übertragen die Preisverleihung live im Rahmen von „Dokumente und Debatten“ auf den LW 153 und 177 kHz, per Livestream im Internet unter www.deutschlandradio.de sowie im Digitalradio DAB+. Interessierte können die Preisverleihung per Live-Stream unter www.deutscher-buchpreis.de mitverfolgen.

 

Ab Ende September 2014 werden Auszüge aus den Shortlist-Titeln in englischer Übersetzung und ein englischsprachiges Dossier zur Shortlist auf dem Internetportal www.new-books-in-german.com präsentiert.