Yrsa Sigurdardóttir führt erneut in eine düstere nordische Welt, bei btb
Gerhard Wiedemann
Köln (Weltexpresso) – Muß man eine Frau sein, um die Köchin Gunddís zu verstehen? Aber in diesem männerlastigen Krimi gibt es überwiegend Personen, deren Handlungen, ja deren Worte wir nicht verstehen, weil sie erstens da oben im fernen Island lieber schweigen, und zweitens, wenn sie schon reden nicht die Wahrheit sagen.
Gunddís will so gerne wie ihr auf seinem Schiff mitsamt der ganzen Mannschaft verbrannte Vater Schiffskoch werden. Er war der Held ihrer Kindheit und mit seinem Verschwinden wurde für sie die Welt düster, denn er galt als derjenige, der als Koch unaufmerksam schuldig daran war, dass von der Küche ausgehend das ganze Schiff verbrannte. Gunddís lebt an der isländischen Küste in Grindavík, wo Loddenfischerei betrieben wird. Nie gehört, aber im Krimi wird die tägliche Fangquote zu einer Frage des Überlebens für Besatzung und Kapitän. Also bemühen wir Wikipedia: „Die Lodde ist ein kleiner Schwarmfisch aus der Ordnung der Stintartigen (Osmeriformes) und der Familie der Stinte (Osmeridae). Im deutschen Handel ist sie als Lodde oder unter dem englischen Namen Capelin (oder eingedeutscht Kapelan) zu finden.“ Und forscht man weiter, erfährt man vom essenzieller Futterfisch für das Ökosystem und dass er primär zu Fischmehl/Fischöl verarbeitet wird, wobei der Rogen der weiblichen Fische hochbegehrt und extrem teuer ist. Und gerade jetzt ist der Rogen voll ausgereift.
Deshalb der letzte Fang der Saison. Davon ahnt Gunndís erst einmal nichts, die arbeitslos ist und unbedingt Schiffsköchin werden will, was besonders schwierig ist, auch, weil sie eine Frau ist und die Besatzung immer Männer sind, in ihrem Fall aber zusätzlich, weil hier jeder von ihrem Vater weiß, der vor vielen Jahren ein ganzes Schiff in Brand setzte und für den Tod so vieler Menschen verantwortlich ist. Daß er zusätzlich seine Geliebte, von der die Tochter nichts ahnte, mit auf’s Schiff nahm, die in der Kabine verbrannte, kommt hinzu. Er selber muß, wie einige andere ins eiskalte Wasser gesprungen und ertrunken sein. Ohne Leiche konnte man ihn noch nicht einmal begraben.
Und nun erhält Gunndís in der Nacht von Samstag auf Sonntag einen Anruf, dass sofort, aber wirklich sofort für einige Tage ein Schiffskoch gebraucht wird. Natürlich sagt sie sofort zu, denn solche Einsätze sind für sie die einzige Chance, Berufserfahrung zu sammeln, die ihr dann später vielleicht eine richtige Anstellung als Schiffsköchin erleichtert. Innerhalb einer Stunde hat sie ihre Tasche gepackt und steht am Hafen. Das Schiff ist schnell auszumachen, denn es ist das einzige, das im Morgengrauen in See sticht. Und jetzt erfahren wir fischunkundigen auch warum alles so wichtig ist. Die Lodde ist kurz vor dem Laichen, dann ist es vorbei mit dem wertvollen Rogen. Zusätzlich hatten die Nachrichten durchgegeben, dass derzeit vor Islands Küste zahlreiche Loddenschwärme unterwegs seien.
Wie erwartet, ist nur Kapitän Hróbjartur mit ihrer Anwesenheit zufrieden, der seine Frau mit dabei hat, die für Gunndís eine wichtige Unterstützung wird, denn die dreizehnköpfige Mannschaft, sechs Matrosen, drei Maschinisten, drei Steuermänner verhalten sich ablehnend, ja feindselig. Hier weiß jeder vom Schicksal ihres Vaters und auch von seiner Verantwortung für die die vielen Toten, zudem haben unter den Matrosen einige damals ihre Väter verloren. Nur ein-zwei sind dann im privaten Gespräch nett. Ihr wird die Kabine des Schiffskochs zugewiesen, von dem sie nur gehört hat, dass er sich einfach nicht gemeldet hat, als die kurzfristige Fahrt avisiert war. Und dort findet sie in eine Lade das Kochbuch KOCHEN FÜR VIELE – FESTESSEN FÜR HUNGRIGE. Sie kann es nicht fassen, solch ein Buch hatte sie als Zehnjährige ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt, dem letzten Fest mit ihm. Das ist 18 Jahre her. Und es ist tatsächlich ihr Geschenk, denn ihre Widmung steht in ihrer Kinderhandschrift dort geschrieben. Wie kann das sein. Ihr Vater hatte es doch dabei, als er damals zur Fahrt aufbrach und das ganze Schiff war doch verbrannt.
Ab jetzt ist im Geschehen ein dunkler Unterton. Irgendwas stimmt hier nicht. Auf dem Schiff wird sie von einigen geradezu bedroht, auf jeden Fall geschnitten, zusätzlich ist ihr übel, sie muß an der Reling speien und wenn die nette Kapitänsfrau nicht wäre, hätte sie die ersten Essen nicht auf den Tisch bekommen. Die Stimmung ist schlecht, denn man fängt zu wenig.
Daß die Stimmung auf dem Schiff diese Passagen spannender macht als die Erzählung vom Land, ist einsichtig. Denn dort in der Straße, in der auch der nicht erreichbare Schiffskoch lebt, ist eine düstere, niedergeschlagene Stimmung. Zwei Familien bekämpfen sich bis auf’s Messer, zeigen sich gegenseitig ständig an, die örtliche Polizei muß dauernd anrücken, ein drittes Haus war mitsamt seiner Bewohner abgebrannt, nur der Junge konnte sich retten. Der Brand wird dem Schiffskoch angelastet, den die Polizei befragte, aber keine Indizien für seine Täterschaft haben, zudem er mit dem Herrn des Hauses befreundet war.
Dann gibt es ständig tote Hunde und dass der vergiftete, begrabene Hund eines Morgens – ausgegraben - erneut vor der Haustür des Schiffskoch liegt, läßt die Stimmung derart in den Keller fallen, dass diese beiden Familien jeder für sich beschließen, hier wegzuziehen. Dann gibt es noch einen Nachbarn, der vermitteln will, wie er sagt. Auf jeden Fall muß die Polizei ständig vorbeischauen und wird diesmal auch den schon lange toten Hund obduzieren lassen, was es mit dem Gift auf sich hat.
So ist die Gemengelage und mehr kann man nicht weitersagen, ohne die Auflösung zu verraten, die man schon ahnt, die aber am Schluß so komplex ist, dass alles Untere zuoberst liegt.
Wichtig noch, dass tagelang auf dem Schiff kein richtiger Fang gelingt, die Stimmung düster ist, dann aber so viel gefangen wird, wie das Schiff überhaupt transportieren kann, Gunndís einen Mordanschlag überlebt und diejenige ist, die als einzige aus dem Schlamassel mit Gewinn herauskommt.
P.S. Im Buch wird drauf verwiesen, dass in Grindavík keine Loddenfischerei betrieben wird. Das wundert einen, denn es hätte doch sicher andere Orte gegeben. Aber so hat man etwas dazugelernt. Wenigstens das. Denn zäh ist das Ganze schon.
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Umschlagabbildung
Info:
Yrsa Sigurdardóttir, Blut, Thriller, btb, 2025
ISBN 978 3 442 76299 6