Bildschirmfoto 2026 01 27 um 21.17.08Gisa Klönne läßt uns an der Schwelle vom prallen zum überlegten Leben teilhaben

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Das genau geht nicht. Ich wüßte zu gerne, was ich zu diesem Roman mit zwanzig oder dreißig Jahren gesagt hätte, ob ich ihn überhaupt gelesen, weitergelesen hätte und wie ich die Protagonistin, die Journalistin und Moderatorin Kora gefunden hätte, die gerade nach einer schwerwiegenden, ja lebensbedrohlichen Herzoperation nach Hause kommt, in das Elternhaus ihres Mannes Anselm in Köln, das sie umgebaut haben und dessen Miteigentümerin sie inzwischen ist.


Eigentlich war sie zur Untermiete eingezogen, als sie vor Jahren Anselm kennenlernte, da war sie 37 Jahre und er über 40 und pendelte jede Woche nach Berlin, wo er gutes Geld verdient, während sie ja in Berlin lebte, aber damals fest eine Moderatorenstelle in Köln angeboten bekam. Doch dann verliebten sie sich, heirateten, wobei sie sich ja nicht so viel sahen, doch jetzt passiert es gleichzeitig: er in Pension und ihr wird – sie ist Monate ausgefallen – ein Aufhebungsvertrag ihres Senders zugeschickt, mit relativ guten Bedingungen. Aber sie liebt ihren erfolgreichen Mitt-Night-Talk. Was soll sie denn ohne den anfangen? Und sie hat nur positive Rückmeldungen. Den hört fast jeder. Doch erst einmal muß sie, gerade aus dem Krankenhaus gekommen, Anselm beibringen, dass sie am Wochenende nach München fahren muß, denn ihre Förderin und Freundin Gabriella wird 85 Jahre und da darf sie bei der 150 Personen-Feier nicht fehlen.

 

Der Roman besteht aus sehr vielen Gedanken und Gefühlen von Kora, die an einer Lebensschwelle steht, in der sich wirklich entscheidet, ob man noch mitmischen will oder die Aufgabe der Arbeit auch als Lebensende begreift. Sie hat Anselm in Verdacht, dass er sie ans Haus binden will, dabei will er endlich seiner Leidenschaft als Libellenforscher ungehindert nachgehen. Sie fährt also nach München und hält kurzentschlossen in einem Dorf hinter Ingolstadt an, denn dort lebt Felix, den sie vor 10 Jahren bei einem gefährlichen Unwetter in den Bergen kennengelernt hatte, das beide überlebten, weil sie stundenlang in einer Höhle verbrachten. Inzwischen ist er glücklich verheiratet und geschäftlich total erfolgreich, aber seine Frau Leonie ist verschwunden. Einfach weg.

 

Nun sind Erwachsene frei in ihren Entscheidungen, zu tun, zu lassen, was sie wollen, wegzufahren etc. Die Polizei unternimmt also wenig, erkennt er und will Kora bewegen, in ihrer Sendung Leonie zu suchen. Die Frau ist wirklich weg, sehr spät im Buch wird ihr Auto in den Bergen gefunden, mitsamt Ausweis und Geld etc. Sie bleibt bis Buchende verschwunden mit der Aussicht, entweder verunglückt zu sein, also tot, oder sich ein neues Leben in den Bergen gesucht zu haben, denn eine Überfliegerin war sie seit je.

 

Wir verfolgen also den Prozeß, wie Kora aus einem tätigen Leben, erfolgreich, weil ihr persönlicher Einsatz Anerkennung von Hörern, Sehern, Lesern und vor allem Hörerinnen, Seherinnen und Leserinnen brachte in ein gewisses Nichts fällt, denn was ist sie ohne diesen Background, der ihr Leben bestimmte. Das macht nötig, dass sie einen Abstand von dem nun täglich im Kölner Haus lebenden Anselm braucht, sowieso nach Berlin fahren muß, wo sie für die Eigentumswohnung ihres verstorbenen Vaters einen neuen Mieter braucht, nun auf einmal ihr früheres Berliner Leben erinnert, die Wohnung nicht vermietet, sondern selbst einzieht, ein paar Möbel kauft, nicht so recht weiß, wie sie das Anselm beibringen soll, der also nichts davon weiß.

 

Man muß gar nicht weitererzählen, denn ein älterer Mensch kennt das alles. Entweder aus eigenem Erleben oder von Freunden und vor allem Freundinnen. Doch, kann man mit dieser Erfahrung sagen, die Gefühle und Handlungsweisen von Kora sind sehr stimmig, entsprechen solchen Lebenssituationen von Männern und Frauen. Und am Schluß – unterschreibt Kora nun den Aufhebungsvertrag oder nicht, bleibt sie in Köln oder geht sie zurück nach Berlin, was ist mit Leonie? – gibt die Autorin auch Anselm noch ein Eigenleben, indem er seiner Libellenforschung exzessiv forscht und sich als eigenständig auch ohne Kora erweist.

 

Wir kannten Gisa Klönne von ihren Kriminalromanen um die Kommissarin Judith Krieger, von der wir schon länger nichts lasen. Der Autorin Name war also Anlaß, diesen Roman lesen zu wollen, denn so oft passiert das nicht, dass eine anerkannte Krimiautorin über späte Liebe und mehr schreibt. Doch, es hat sich gelohnt, für eine in die Jahre gekommene Journalistin auf jeden Fall, weshalb es so interessant wäre, die Reaktion von jungen Frauen auf diese Geschichte von Kora (und Anselm) zu erleben.

 

Besonders gefallen die Auflistungen, die zwischen den Handlungsverlauf geschoben sind, und in denen es z.B. um fünf Dinge geht, die Anselm nicht von Kora weiß, oder um fünf Fragen, die Kora ihrem Vater heute gern stellen würde oder fünf Dinge, die Kora im Laufe der Jahre über Männer und Frauen gelernt hat. Das sind Reflexionsmomente, die die Leserin mitmacht und gut auf ihr eigenes Leben übertragen kann. Wenn man denn das eigene Leben gestalten will. Und darum geht es den Roman hindurch.

 

Foto:
Umschlagabbildung

 

Info:
Gisa Klönne, Die Liebe, später, Roman, Kindler/Rowohlt, 2026
ISBN 978 3 463 00075 6