expo 82 poster wm fussball von joan miro 1Serie: Eine andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft, Teil 2/3 

Von Hans Otto Rößer

Kassel (Weltexpresso) - Perspektive: Antikolonialismus, Antirassismus

Die Autoren widmen ihr Buch dem von der Inselgruppe Neu-Kaledonien stammenden Willy Karembeu, der 1931 im Hamburger Tierparkt Hagenbeck in der „Völkerschau“ „Kanaken - die letzten Kannibalen der Südsee“ und danach auf der Pariser Kolonialausstellung vorgeführt wurde, und seinem Urenkel Christian, der 1998 mit Frankreich Fußball-Weltmeister wurde und im Gedenken an seinen Urgroßvater beim Absingen der französischen Nationalhymne schwieg.

Diese Widmung verdeutlicht den roten Faden des vorliegenden Buches, das die Geschichte der Fußball-WM und der FIFA als Manifestation, Modifikation und schließlich Infragestellung der weißen, europäischen und (US-) amerikanischen Hegemonie in der Welt und, wie im Spiegel, im Fußballsport darstellt und immer wieder mit der Perspektive der (neo-)kolonialistisch und rassistisch Beherrschten und mit den unterschiedlichen Formen und Stufen ihrer Befreiung konfrontiert, bis der Aufstieg des „globalen Südens“ mit all seinen Verwerfungen und wie verzerrt auch immer schließlich in der Gestaltung der WM sichtbar wird.

Die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) wurde von einem Franzosen und einem Niederländer 1904 von sieben europäischen nationalen Fußballverbänden in Paris gegründet. Nicht dazu gehörte der älteste Nationalverband, die englische Football Association. Der Deutsche Fußballbund (DFB) des Kaiserreiches trat noch am Gründungstag der FIFA bei, die Engländer taten dies erst im folgenden Jahr. 1932 verlegte die FIFA ihren Sitz nach Zürich. Heute gehören 211 Nationalverbände der FIFA an.

Trotz europäischer Gründung und europäischen Verbandssitzes überrascht es nur auf den ersten Blick, dass die erste Fußball-WM 1930 in Uruguay stattfand. Bereits 1867 hatten englische Bürger den ersten südamerikanischen Fußballclub in Buenos Aires gegründet. In Uruguay sorgten britische Bildungsinstitutionen für die Verbreitung des Sportes; 1893 hatte der erste Sportclub im Land eine Fußballabteilung. 1901 spielten zum ersten Mal die Nationalmannschaften von Argentinien und Uruguay gegeneinander, 1917, 1923 und 1924 richtete das Land südamerikanische Meisterschaften aus. 1924 und 1928 gewann Uruguay den Fußballwettbewerb im Rahmen der olympischen Spiele.i Südamerika wurde schnell zur zweiten Säule der FIFA.

Zur Erfahrung mit dem Austragen internationaler Wettbewerbe kamen die demokratische Verfassung des Landes und relativ entwickelte sozialstaatliche Einrichtungen auf der Basis einer prosperierenden kapitalistischen Ökonomie. Die FIFA hatte 1930 41 Mitgliedsverbände, nur 13 Nationalmannschaften nahmen schließlich am Turnier teil, obwohl sich Uruguay bereit erklärt hatte, die Reise- und Aufenthaltskosten aller Turnierteilnehmer zu übernehmen. Trotzdem kamen nur vier europäische Mannschaften, deren Zusage zudem auf den letzten Drücker erfolgte. Einmal breiteten sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise aus, zum anderen dauerte eine Schifffahrt von Europa nach Uruguay zwei Wochen und insgesamt mussten europäische Teilnehmer mit einem zweimonatigen Aufenthalt rechnen. Das bedeutete für die damals noch zahlreichen Amateure in den Mannschaften ein hohes Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, während die Verbände gleichzeitig ihre bezahlten Profispieler für eine so lange Zeitspanne nicht freistellen wollten. So stellten auf dieser ersten WM die europäischen Mannschaften zum bislang einzigen Mal nicht den größten Anteil der Mannschaften. Dennoch zeigte sich die „abendländische Selbstbezogenheit“, vulgo: die europäische Hegemonie darin, dass die FIFA darauf bestand, dass die WM im europäischen Sommer (und südamerikanischen Winter) stattfand. Von dieser Regel wich die FIFA erst 2022 bei der WM in Katar ab. Sie fand auch im Interesse der europäischen Mannschaften im Dezember statt, denn ein Turnier im Sommer wäre aus klimatischen Gründen für keine teilnehmende Nationalmannschaft erträglich gewesen.

Weiße Dominanz

Bis 1998 fand die WM siebenmal auf dem amerikanischen Kontinent statt (1994 erstmals in Nordamerika, in den USA) und neunmal in Europa. 2002 fand die WM erstmals in Asien statt, in Japan und Südkorea, schließlich 2022 in Katar. Die einzige WM auf dem afrikanischen Kontinent fand 2010 in Südafrika, nach dem Fall des Apartheid-Regimes, statt, natürlich im Winter der Südhalbkugel. Zum Endspiel erschien der fast 92-jährige Nelson Mandela mit Pelzmütze und im Wintermantel.

Bis 2022 fand demnach die WM elfmal in Europa, achtmal auf dem amerikanischen Kontinent, zweimal in Asien und einmal in Afrika statt. In den 14 Weltmeisterschaften von 1934 bis 1994 stellten die europäischen Mannschaften über die Hälfte der Teilnehmer, in den Weltmeisterschaften danach immer noch den relativ größten Mannschaftsanteil. Bis zur Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien betrug die Zahl der teilnehmenden Mannschaften 16, von 1982 bis 1994 waren es 24 und ab 1998 32. In der kommenden WM 2026 werden es 48 Teams sein.

In dieser Entwicklung zeigt sich einmal der lange Schatten des Kolonialismus. Die europäischen Kolonialherren verbreiteten zwar den Sport in ihren Kolonien, untersagten aber in der Regel ihren Untertanen die Teilnahme an den entstehenden Ligen. Die FIFA war Teil dieser Unterwerfungsstruktur. Bis zur Entkolonialisierung nach 1945 nahmen ohnehin nur Ägypten, das bis 1922 nominelle Kolonie und bis 1946 De-facto-Kolonie Englands war, und Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, an einer WM teil. Es dauerte, bis es den neuen Nationalstaaten gelang, eine solide Infrastruktur für den Fußballsport zu schaffen und bis in die Qualifikationsphase und schließlich in die Austragungsphase einer Weltmeisterschaft vordringen zu können. Es verwundert daher nicht, dass insbesondere arabische Länder die Weltmeisterschaft in Katar als Meilenstein im langsamen Emanzipationsprozess des „globalen Südens“ gefeiert haben, obwohl dieser Prozess auch mit dem Leib und Leben vieler Arbeiter bezahlt wurde, die in das feudale Kafala-System eingezwängt waren. Nur Franz Beckenbauer, deutsche Lichtgestalt, die dennoch nicht allein von Licht und Liebe („DfB“) lebte, will „nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen“ haben.

Profit und Korruption in der „Multimilliardenindustrie“

Zum anderen geht mit der wachsenden Zahl der Nationalverbände die Herausbildung der FIFA zu einem Sport-Finanzkomplex einher. Mit Mitgliedsbeiträgen, Eintrittsgeldern, vor allem aber durch die Vergabe von Fernsehrechten (im großen Maßstab seit der WM 1970 in Mexiko) und Marketingrechten wurde die FIFA zur „Multimilliardenindustrie“ mit gut 7 Milliarden Euro Einnahmen allein von 2019 bis 2022, zitieren die Autoren eine Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wichtiger als die Korruption und die Millionenbeträge, die sie einbringen kann und mit denen sich auch längere Gefängnisaufenthalte gut überbrücken lassen, wenn man das Geld nur richtig versteckt hat, oder die man sich gleich an die Arme stecken kann wie die zwei unverzollten Rolex-Uhren des Karl-Heinz Rummenigge, sind die veranschlagten WM-bezogenen Infrastrukturausgaben. Wer hier als Konzern beteiligt ist, dem gelingt tatsächlich der wirklich relevante „Griff nach dem Gold“. In Katar ging es um 220 Milliarden Dollar. Die Verfasser nennen als beteiligte deutsche Unternehmen Hochtief und den Offenbacher Ingenieurdienstleiser Dorsch-Gruppe, der 2011, kurz nach der WM-Vergabe an Katar, mit der Bauaufsicht über das auf 45 Milliarden Euro geschätzte Projekt der Errichtung einer Retortenstadt nordöstlich von Dohar beauftragt worden ist. Informationen zu Finanzströmen und Korruption finden sich zu je einzelnen Weltmeisterschaften über das ganze Buch verteilt. Meines Erachtens hätte ein eigenes systematisches einführendes oder bilanzierendes Kapitel über Geschichte und Entwicklung der FIFA dem Buch gutgetan.

Vergnüglicher als die Korruption, der man nur durch umfangreiches Aktenstudium auf die Schliche kommen kann, ist die, die man sieht. Hierzu gehört das Kapitel Schiedsrichter in der WM-Geschichte, über das man sich ärgern, aber besser noch lachen kann. Hier wäre des brasilianischen Schiedsrichters Gilberto de Almeida Règo ehrend zu gedenken. Er pfiff 1930 das Spiel Argentinien gegen Frankreich. Kurz nachdem die Argentinier sehr spät durch einen direkten Freistoß mit 1:0 führten, pfiff der Schiedsrichter das Spiel in der 84. Minute ab. Es kam zu Tumulten, der Schiedsrichter musste seine Entscheidung revidieren und die Spieler aus den Kabinen holen lassen. Das Spiel wurde zu Ende gespielt, an der argentinischen Führung änderte sich nichts. Es kam in dem Turnier noch zu anderen Unregelmäßigkeiten und Aufregungen, so dass sich der belgische Schiedsrichter John Langenus nur unter drei Bedingungen dazu bereit erklärte, das Finale zu pfeifen: Er verlangte den Abschluss einer Lebensversicherung zugunsten seiner Familie, Polizeischutz während des Spiels und eine Polizeieskorte vom Abpfiff des Spiels bis zur Erreichung des Passagierschiffes, das ihn nach Europa zurückbringen sollte. Auch andere WMs kennen ihre Schiedsrichtergeschichten, man kann sie bei Gomes und Jäger nachlesen. Vor dem Finale in Uruguay wurden immerhin 1600 Revolver von den Zuschauern eingesammelt.

Fortsetzung folgt


Foto:
FIFA-Plakat zur WM 1982 von Joan Miró

 Info:

Carlos Gomes, Glenn Jäger: Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Köln: PapyRossa Verlags GmbH 2026.  28,00 Euro
ISBN 978-3-89438-867-6

i Dietrich Schulze-Marmeling: Die Geschichte der FIFA-Fußballweltmeisterschaft. Aus Politik und Zeitgeschichte, bpb, 04.05.2006