Die Professoren Johannes Fried, Axel Honneth u.a. zum Verschwinden der deutschen Sprache in der Wissenschaft – notiert von der FAZ am 12. Juni 2012

 

Felicitas Schubert

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Das freut doch das deutsche Herz und das in Deutsch denkende Hirn, wenn endlich wieder einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein Plädoyer halten läßt, komplizierte Gedankengänge in der Muttersprache sprechen und hören zu lassen, statt im Allerweltsenglisch.

 

Sascha Zoske heißt der FAZ-Journalist, der hier Professoren sprechen läßt, um den Leser über den – unbestritten – Vormarsch des Englischen und Rückzug des Deutschen an deutschen Universitäten und in der Wissenschaftsliteratur durch berufenen Mund zu informieren und ihn – bestritten – über die negativen Konsequenzen des Erfassens und Lernens im Englischen aufklären zu helfen. Schade, uns hätte auch gut gepaßt, daß nämlicher Journalist seine eigene Meinung klar geäußert hätte. Aber auch so sind wir froh, daß nach langer Zeit zu diesem Thema sich wieder etwas rührt.

 

Rührend, wenn Johannes Fried, emeritierter Professor der Universität Frankfurt für Geschichte von sich sagt, er könne 'ein bisschen ' Englisch. Denn er kann es gut. Aber richtig, wenn er weitersagt, daß er, wenn er erklären solle, warum König Heinrich IV. den Gang nach Canossa antrat, er die Feinheiten mittelalterlicher Politik lieber in seiner Muttersprache schildere. „Sonst gingen einfach zu viele Nuancen verloren, findet er." Und wer weiß, welche Forschungsneuheiten er anzubieten hat, der braucht einfach die Quellen.

 

Nicht nur das. Es kommt ja auch auf die Qualität des Deutschen an. Denn der Artikel, der auch im folgenden einige - wie immer - prägnante Friedzitate bringt, spricht leider nicht davon, daß mit Johannes Fried der Richtige befragt wird, nämlich einer von denen, die von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Sigmund-Freud-Preis ausgezeichnet wurden. Dies ist der Preis für besonders gutes Deutsch in wissenschaftlicher Prosa und wirklich einmal ein Preis, der seinen Namen verdient hat, denn Sigmund Freud schreibt ein so schönes, klares, verständliches Deutsch, daß es nur so eine Freude ist. Vom Inhalt ganz abgekoppelt, freut man sich einfach an der Klarheit des Ausdrucks und der gekonnten Indienstnahme der Grammatik.

 

Johannes Fried hat den Preis im Jahr 2006 erhalten und hat illustre Vorgänger: u.a. Hannah Arendt, Philosophin, Werner Heisenberg, Physiker, Karl Rahner, Theologe, Günter Busch, Kunsthistoriker, Ernst Bloch und Jürgen Habermas, Philosophen – und wir sind erst in den Jahren 1975 und 1976 und hören schon auf, denn jeder weiß, daß die Bedeutung der Genannten eben auch mit ihrer sprachlichen Könnerschaft des präzisen Ausdrucks auf Deutsch zu tun hat. Nur Hannah Arendt ist durch die Nationalsozialisten zur Emigration in die Vereinigten Staaten gezwungen gewesen und konnte auch auf Englisch schreiben.

 

Das nur nebenbei und zur Unterstützung der gegen das Englische als Wissenschaftsstandsprache Argumentierenden. Der Autor hätte es sich noch einfacher machen können und einen der erfolgreichsten Unternehmer zu zitieren brauchen. Autobauer Alexander Porsche hatte zu der Zeit, als Mercedes Benz in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts auf Englisch als Konzernsprache umstellte, die Bedeutung der Muttersprache herausgestellt, in dem er betonte, daß Autobauen eine so diffizile Angelegenheit sei, da man die Kompliziertheit der Vorgänge von Motor und Getriebe nur auf Deutsch vermitteln könne. Im übrigen ist das Deutsche für eingeborene Schwaben sowieso meist die erste Fremdsprache, da sie schwäbisch sozialisiert werden. Und dann auch noch Englisch!

 

Wie sich das Deutsche für den Porsche ausgezahlt hat und das Englische negativ auf die Zahlen bei Mercedes Benz auswirkte, ist auch bekannt. Und dies ist laut einer Untersuchung von Walter Krämer, Statistik-Professor und Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache (VDS), auch für andere Firmen in der Bundesrepublik gültig, die ihre Firmenkommunikation auf Englisch umgestellt hatten und dafür Verluste einfuhren.

 

Auf dem Wissenschaftsmarkt kann man dies nicht anhand der Bilanz aufweisen. Da kann man nur Johannes Fried recht geben, der sagt: „Wenn Sie international wahrgenommen werden wollen, geht es nur auf Englisch“. Aber das ist eine andere Sache, die Übersetzung. Das Eigentliche bleibt, nämlich in welcher Sprache ich die wissenschaftliche Erörterung schreibe. Und da wäre alles andere als die Muttersprache töricht, denn nur in dieser können komplizierte Gedankengänge sprachlich wiedergegeben und verstanden werden. Das muß man den Zeitgenossen, die schon „zwanghaft“ den Gebrauch des Englischen“ (Professor Günther Thomé, Germanist) ausüben, viel deutlicher sagen.

 

Vergleicht man diese Situation mit der Ausgangsposition der Geisteswissenschaften, für die im 19. Jahrhundert allgemein galt, daß die Wissenschaftssprache – vor allem die Geisteswissenschaften wie Philosophie - an den Universitäten der Welt Deutsch war und entsprechende Symposien auf Deutsch abgehalten wurden, sieht man erst, wie dramatisch das Deutsche als Sprache Renommee eingebüßt hat. Deshalb beklagt Professor Fried folgerichtig vor allem, daß amerikanische und französische Historiker selbst dann deutsche Fachliteratur nicht mehr zur Kenntnis nehmen (Aufsätze!), wenn sie Deutsch verstehen, so sehr ist das Englische übermächtig.

 

Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, meint, daß das Deutsche noch nicht endgültig international in den Wissenschaften ausgedient habe und führt im FAZ-Artikel dazu an, daß deutsche Philosophen in den USA „ganz stark im Kommen“ seien. Er vermutet, wer die Klassiker wie Hegel und Nietzsche wirklich verstehen wolle, diese im Original lesen werde und dazu Deutsch studieren müsse und wolle. Auch entsprechende Konferenzen müßten dann auf Deutsch abgehalten werden.

 

Da staunen wir erst einmal und hoffen, daß es so kommt. Bis dahin versucht unsereiner sich zu wehren, wo er kann, daß mit "Pidgin-English" auf einmal deutsche Gelehrtensprache billig gemacht wird.

 

Quelle: SELBST KANT WIRD SCHON AUF ENGLISCH GELESEN: Auch in den Geisteswissenschaften verliert Deutsch als Gelehrtensprache an Bedeutung – aber es gibt noch Hoffnung, von Sascha Zoske, FAZ vom Dienstag, 12. Juni 2012, Nr. 134, Seite 40