frei0Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 1. September 2022, Teil 3

Corinne Elsesser

Weltexpresso (Frankfurt am Main) - Das erste Frauenfreibad in Deutschland wurde in Freiburg gegründet, hart erkämpft als ein Freiraum, an dem Frauen unter sich sein und - auch oben ohne - baden konnten. Ein wenig von diesem Kampfgeist findet sich im neuen Film von Doris Dörrie wieder. Heute allerdings verteidigt man seine Freiheit eher gegen religiöse Intoleranz oder die Gebräuche fremder Kulturen.

Eva (Andrea Sawatzki) und Gabi (Maria Happel) haben ihren festen Platz unter einem roten Sonnenschirm und könnten ungleicher nicht sein. Gabi kommt eingewickelt in Hermes-Schal mit Schosshündchen und vertritt topmodisch die zu Reichtum gekommene altlinke Toskanafraktion, während sich Eva nach wie vor kämpferisch gibt und immer noch in ihrer Studentenbude unter dem Dach wohnt.

Als eines Tages eine Gruppe Syrerinnen aus der nahe gelegenen Schweiz ihren Lieblingsplatz besetzt, werden sogleich alle Register der Kulturdemonstration gezogen. Die beiden Stammgäste plazieren sich direkt vor den stumm verhüllten Frauen und zeigen, wie freizügig man hierzulande baden kann - nämlich demonstrativ oben ohne. In feinen Zwischenmomenten wie diesen beweist Andrea Sawatzki ihr Gespür für das unausgesprochen Hintergründige und stellt es wenig später noch einmal unter Beweis, als sie ihren neuen Untermieter, einen Studenten aus Berlin, mit ihrer locker hingeworfenen Frage "Willst bummsen?" dermassen verschreckt, dass dieser sich in die letzte Ecke seines Sofas verdrückt. Die Protestzeiten sind halt längst vorbei und man muss sich heute mit anderen Problemen auseinandersetzen.

Den Türkinnen im Familienverbund fällt im Schwimmbad nichts anderes ein, als sogleich den Muezzinruf auf dem Handy abzuspielen und den Grill anzuwerfen. Und die junge Schwimmerin Yasemine (Nilam Farooq, aus „Contra” noch glänzend in Erinnerung und nun hochreligiös im Burkini verhüllt) erkennt dort ihre ganze Familie, die einfach mal schauen wollte, wie es dem Kind so geht im Schwimmbad und sich über dessen religiöses Getue lustig macht. Der jungen Bademeisterin Steffi (Melodie Wakivuamina) wachsen die vielen Streitigkeiten bald über den Kopf und sie kündigt, woraufhin das Schwimmbad geschlossen bleiben muss. Gleich geht die grünaktivistisch gesinnte Studentin in Kampfposition und organisiert vor der Badeanstalt eine lautstarke Protestkundgebung im Alleingang. Schliesslich eröffnet die Badi wieder, ein Bademeister ist gefunden - es ist ein Mann! Da regen sich alle auf, dafür habe man nicht gekämpft, doch allzu schnell läuft alles auf das alte Schema hinaus und die Damen strecken und räkeln sich und versuchen attraktiv zu erscheinen, um dem einzigen Mann weit und breit zu gefallen. So viel zur Frauenemanzipation.

Mit ihren beiden Verbündeten Andrea Sawatzki und Maria Happel nimmt die Regisseurin so ziemlich alles aufs Korn, was heute gesellschaftlich und multikulturell in Mode ist. Es gibt eben nicht nur die armen Flüchtlinge, die seit 2015 in Frankfurt und anderswo stranden, sondern auch die sehr reichen, die in der Schweiz leben, in Paris shoppen und in Deutschland baden gehen. "Das ist Freiheit!" kommentiert dies eine Syrerin, wirft ihren Chaddor ab und springt im schicken Ganzkörperanzug von Christian Dior ins kühle Nass. Und der Würstelbrater Kim (Nico Stank), der sich weder als Mann noch als Frau fühlt und sich gleich zu Beginn die abschätzige Bemerkung eines Polizisten "Hast überhaupt noch ein eigenes Würstel!" gefallen lassen muss, findet am Ende doch noch seine große Liebe. Die heftig aneinandergeratenen Freundinnen entkommen schließlich ihrem emanzipatorisch einsamen Singledasein und finden wieder zusammen und auch der Bademeister (Samuel Schneider), dieser coole "aquatische Mensch", wie er sich selbst beschreibt, entdeckt am Ende die großen Gefühle.

Erfrischend unterhaltsame Komödie, die zunächst mit allerlei Klischees auffährt, um bald darauf zu einer brisant ironischen Satire auf unsere aktuellen Befindlichkeiten rund um diverse Kulturkonflikte am Rand eines sommerlichen Freibades zu werden.


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© Verleih

Info:
Freibad, Deutschland 2022
Regie: Doris Dörrie
Drehbuch: Doris Dörrie, Madeleine Fricke, Karin Kaçi
Besetzung: Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Nico Stank, Melodie Wakivuamina, Samuel Schneider u.a.
102 Minuten