limbo

Serie: 73. Internationale Filmfestspiele Berlin vom 16.– 26.02.23, BERLINALE, Wettbewerb 15

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – Schauen Sie einmal in eine der Suchmaschinen und geben LIMBO ein. Ich mußte das tun, denn die Wortähnlichkeit mit LIMBUS legt dies nahe, was ich als Vorhölle kenne, zumal natürlich auch sofort das limbische System auf der Matte steht, eines der ältesten Teile des Gehirns und der Sitz für Gefühle und mehr. Grundsätzlich ist die lateinische Bedeutung: Rand, abseits.


Und so kommt man sich auch vor, wenn man mit Ermittler Travis Hurley – man glaubt es nicht, daß dies Simon Baker ist, den man vor allem aus amerikanischen Serien als flotten, hübschen Kerl kennt - durch das australische Outback fährt und im Hotel LIMBO ankommt. Ein Labyrinth ist nichts dagegen, denn hier kommen nicht nur Grotteneigenschaften hinzu, sondern es gibt auch die dazugehörigen Felsen. Ansonsten ist leere Landschaft, die aussieht, als ob dort ständig Gips zerschlagen wird, karg und weit. Wir sind von den Autos her in den Fünfziger, Sechziger Jahren, als es auch noch viele Schwarz-Weiß-Filme gab, wie dieser, was ausgezeichnet zur Kargheit paßt und den Hauch von Noir hinzufügt, den man aus den Krimis kennt. Eigentlich ist dies auch einer.

Es geht um einen sogenannten cold case, Travis soll nach 20 Jahren einen Fall recherchieren: Der Mord an dem jungen Mädchen Charlotte Hayes, eine Aboriginal, ist nie aufgeklärt worden. Man hat die Aussagen von damals auf einem Kassettenrecorder, den er mitnimmt und sich immer wieder im Hotelzimmer vorspielt. Dort allerdings erleben wir ihn wenig, allerdings auch, wenn er sich – sozusagen geordnet – per Spritze nach Erhitzen des Löffels -Heroin injiziert.

Hauptsächlich sucht er die Leute auf, die schon damals eine Rolle spielten. Sein Hauptverdächtiger sei tot, sagt dessen Bruder Joseph (Nicholas Hope), was ein anderer für ein Gerücht hält.

Auf der Suche nach dem Täter erhält Hurley schmerzhafte Einblicke in kaputte Familien, Eltern-Kind-Konflikte, Ausweglosigkeit der jungen Generation. Wo kann man hier Arbeit finden, eine Ausbildung machen, überhaupt die Schule besuchen? Der Ort, die Landschaft wirkt wirklich wie der Rand der Welt.

Sein Stoizismus rettet Hurley insofern, als er von den Leuten nichts anderes als Schweigen erwartet, aber nicht aufgibt und schon erste Erfolge erzielt. Da ist vor allem Charlie (Rob Collins), der erst gar nicht mit ihm reden will, dann wertvoll für ihn wird, weil auch Emma (Natasha Wanganeen) ins Spiel kommt, die erst total ablehnend schließlich begreift, daß er für ihre Schwester etwas tun will.

Wir erleben, wie die zuerst einheitlich ablehnende Fassade der wenigen und zurückhaltenden Bewohner der verstreuten Häuser bröckelt und wie Hurley mit den Fragen nach der Vergangenheit auch die der Gegenwart aufwirft und den älteren Generationen ungesagt, allein durch sein Interesse an der Jugend, mit auf den Weg gibt, daß man sich um diese kümmern müsse. Er erzeugt also eine leichte Wellenbewegung im Ort.

Seine Befragung der einzelnen haben wir mitbekommen. Und auch wie der überlebende Bruder des Toten ihm gesteht, daß auch er und der Bruder das Mädchen auf der Straße stehend gesehen hätten. Das aber hatten sie damals nicht zugegeben. Nach mehrfachem Nachfragen beteuert Joseph, daß sie weitergefahren und nicht zurückgekehrt seien. Da muß man unwillkürlich an die Befragung von Petrus denken, der dreimal seinen Herrn verriet – über den übrigens Hurley dauern im Radio hört, weil sich beim Starten der christliche Sender sofort äußert.

Doch da bekommt er telefonisch die Order, sofort zurückzukommen, denn es gibt zwei aktuelle Morde, den Fall also weiter ruhen zu lassen. Der Ermittler packt zusammen, verabschiedet sich und setzt dabei noch etliche menschliche Zusammenführungen in Gang; beim Wegfahren stoppt er jäh, fährt zurück zum alten Joseph, der in seinem Bett stöhnend vegetiert, hält ihm die Pistole an die Stirn, läßt sie dann wieder heruntergleiten und schiebt sie in den Hosenbund. Dieser Mann ist schon halbtot. Daß wir hier den Täter, die Täter vor uns haben, ist unsere Projektion, für die es aber Hinweise gab.

Ein dusterer Film vom indigenen Regisseur Ivan Sen, der alles macht: Regie, Buch, Kamera, Musik, Schnitt, der einem eine Welt zeigt, wie sie es nicht geben dürfte, aber gibt. Und wenn ich nicht im Film DIE FABELMANS die Episode mit Regisseur John Ford und Spielberg gesehen hätte, hätte ich beim Abspann nicht sofort dessen Maxime erkannt. Er sagte, es gibt nur Vordergrund und dann den Horizont, dazwischen nichts. Und genauso endet der Film, der uns alles ganz nah zeigte und dann wird die Landschaft, die weite, immer kürzer und der Horizont immer höher, bis er fast die ganze Leinwand einnimmt. Das Nahe und das Ferne, sie bedingen einander.

Foto:
©berlinale.de

Info:
Stab
Regie   Ivan Sen
Buch    Ivan Sen
Kamera Ivan Sen
Montage Ivan Sen
Musik     Ivan Sen

Darsteller

Simon Baker (Travis Hurley)
Rob Collins (Charlie)
Natasha Wanganeen (Emma)
Nicholas Hope (Joseph)
Mark Coe (Zac)
Joshua Warrior (Oscar)