koscherSeit 20. Januar als DVD und VoD bei Alpenrepublik, Teil 3

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Für ihr Drehbuch recherchierten die beiden Autoren akribisch. Ab 2007 fuhren sie wiederholte Male in den Nahen Osten, nach Jerusalem und schließlich nach New York, um sich in Brooklyn in der jüdischen Gemeinde umzutun. „Das waren teils konspirative Treffen,“ erinnert sich Keller, „damit die überhaupt mit uns reden konnten.“ Das entstandene Treatment überzeugte den FFF Bayern zu einer Drehbuchförderung, mit deren Hilfe sich Sarazin und Keller 2009 schließlich in die Sinai-Wüste zurückziehen konnten, wo sie unterm Sternenhimmel in intensiven 40 biblischen Tagen gemeinsam das Drehbuch schrieben.

„Wir wissen noch genau, welchen Felsen wir wann debattierend umgewandert haben,“ meint Keller. „Es war ein Herzensprojekt von beiden,“ meint Produzent Fritjof Hohagen, „an dem sie mit Vollgas über einen langen Zeitraum gearbeitet haben. Dadurch ist das Buch auch sehr genau geworden.“ Er selbst ist seit sechs Jahren im Boot.
 

Die Quintessenz der Story

Es sollte eine Geschichte werden, die vom Privaten ins Politische geht, unterhaltsam erzählt und mit ungewöhnlichen Schauwerten. Laut Sarazin „eine positive Geschichte, eine Komödie, die das Leben feiert und die ganze Welt etwas angeht.“

Peter Keller ergänzt: „Die Hauptidee ist die einer Freundschaft, die eigentlich gar nicht zu erwarten ist. Es sind zwei Pole, zwei Extreme im Klischee der Weltmeinung, die sich näherkommen und lebensverändernde Freunde werden.“ Auch eine Romanze erwartet man nicht unbedingt in dem Umfeld, doch die Liebesgeschichte ist eine weitere tragende Säule. Wichtig für das Thema ist die Komödienform, der Zugang mit Humor und Herz.

Die Geschichte hat etwas Märchenhaft-Utopisches. Man wollte nicht mit israelischen Filmen konkurrieren, die eine Realität abbilden. Peter Keller: „Unser Film ist eine Art Märchen, ein humanistischer Ansatz, eine Vision. Sie geht über den Moslem und den Juden hinaus. Es ist eine universelle Geschichte von archetypischen Feinden, die von anderen zu Feinden erklärt werden, und wenn sie eine Chance bekommen, sich als Menschen zu begegnen, beste Freunde werden können.“ Das entspreche durchaus der Realität, meinen die Filmemacher. Man habe oft und vielerorts erlebt, dass die Menschen in der Region gut miteinander auskommen, nur die Politik mache es so oft schwer.


Die Dreharbeiten

In zwei Drehperioden wurde schließlich gedreht, an insgesamt 34 Tagen. Die ersten Aufnahmen fanden 2017 in Haifa statt, der Hauptteil wurde im April/Mai 2019 in Palästina, Jerusalem und Jordanien gefilmt. Zum Glück vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Davon war die Postproduktion betroffen, die sich teils verzögerte. Gedreht wurde in mehreren Sprachen, in hebräisch, arabisch, französisch und englisch – der Sprache am Set.

Das Headquarter der Produktion befand sich zunächst in Palästina, in Jericho am Toten Meer in der Westbank, und dann im jordanischen Wadi Rum. Gedreht wurde mit lokalen Teams, bis auf ein paar Schlüsselpositionen wie Kamera, Ton, Maske, Kostüm- und Szenenbild aus Deutschland. „Das Drehteam war teils palästinensisch, teils israelisch, als wir in Jerusalem gedreht haben, und teilweise jordanisch,“ erzählt Hohagen. „Wir wollten, dass das, was im Film passiert, sich im Team widerspiegelt. Es hat funktioniert, die Menschen zusammenzubringen. Aber vor Ort merkt man dann doch, dass das ein idealistischer Ansatz ist. Es ist noch ein weiter Weg, bis eine Versöhnung der Religionen und Kulturen in
Sicht ist.“

Spannender Wüstendreh

„Vor allem der Wüstendreh in Wadi Rum war aufregend, in der berühmten Wüste von ‚Lawrence von Arabien‘,“ fährt der Produzent fort. „‚Dune‘ ist dort fast gleichzeitig entstanden, wobei wir wahrscheinlich insgesamt deren Catering-Budget hatten.“ Das Team wohnte zum Teil in Akaba, wo es Hotels gibt, schlief aber auch zwei Wochen lang in einem
Beduinen-Camp in Zelten in der Wüste. „Wir haben, im Gegensatz zu ‚Dune‘, nicht an den Rändern der Wüste gefilmt, sozusagen an der Hauptstraße, sondern tief drinnen, ohne Straße,“ erzählt Hohagen. „Das gab tolle Schauwerte.“ Beduinen shuttelten Team und Crew mit ihren Pickups zu den Drehorten tief in der Wüste – es waren Dreharbeiten unter besonders herausfordernden Bedingungen.

 Erste Erfahrungen damit konnte der Produzent bereits früher sammeln: Mehr als zehn Jahre vorher drehte er „Fata Morgana“ mit Jean-Hugues Anglade und Matthias Schweighöfer in der marokkanischen Wüste. Im Katharinenkloster auf dem Sinai konnte nicht gedreht werden. Einen Ersatz fand man im Kloster St. Gerasimos bei Jericho, wo das Team während des Drehs auch untergebracht war. Auch vor Ort in Jerusalem wurde gefilmt. Szenen wie Bens Ankunft im Geschäft seines Onkels im ultraorthodoxen Stadtviertel Me’a Sche’arim, haben halb-dokumentarischen Charakter. Haifa, eine Stadt mit langer arabischer Geschichte, diente als Drehort für sämtliche Szenen, die in Alexandria spielen. 


Religiöse Aspekte

„Die Botschaft des Films ist relativ einfach: Wenn es nur einen Gott gibt, was die beiden Männer sich im Brunnen im Grunde bestätigen, worüber streiten wir dann eigentlich die ganze Zeit?“, konstatiert Sarazin. Keller ergänzt: „Wir sprechen über Klischees, extreme Antipoden. Ben als ultraorthodoxer Brooklyner Jude bringt außerdem eine Weltfremdheit, eine positive Naivität in die Geschichte, die wunderbar ist und ihn in unmögliche Situationen tapsen lässt. Er muss kein Bewusstsein von der Weltlage, der Politik haben und hat
es auch nicht. Das macht es erst möglich, dass er in den Arabern keine Feinde sieht. Im Schtetl in Williamsburg bist du nicht als Orthodoxer der Alien, sondern als Nichtorthodoxer. Da lebt man geschützt unter sich.“
Wichtig ist den Filmemachern, mit ihrem Film nicht für oder gegen eine Lebensweise zu sein.


Die Besetzung der Haupt- und Nebenrollen

Die Besetzung der Hauptrolle des ultraorthodoxen Ben mit Luzer Twersky erwies sich als Riesenglück. Er entstammt selbst einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn, aus der er ausbrechen musste, um Schauspieler werden zu können, und fungierte am Set quasi qua Herkunft auch als Coach in allen religiösen Belangen und Detailfragen. Twersky mit seinem Background fiel es leicht, sich in die Rolle einzufinden. Er weiß, wie es ist, wenn die Eltern entscheiden, wen man heiratet, man keine Entscheidungsfreiheit hat. Nach dem Weggang aus seiner Gemeinde drehte er einige Filme, in denen er ähnliche Charaktere spielte. Umso schöner ist auch für ihn der persönliche, positive Schluss des Films, wenn der Hauptdarsteller endlich den Mut findet, mit der Frau, die er liebt, zusammenzukommen.

„Was das Judentum und den Islam angeht, haben wir bei dem Projekt schwimmen gelernt. Aber je weiter wir rausschwammen, desto tiefer wurde der Ozean unter uns,“ meint Peter Keller. Auch mit der Besetzung von Haitham Omari, einem muslimischen Palästinenser aus Ostjerusalem, als Bens Gegenpol und Freund, dem Beduinen Adel, haben die Filmemacher das große Los gezogen. Alle beteiligten Schauspieler, bis in die kleinsten Nebenrollen, kennen die Situation, die der Film erzählt genau, sie blieben mit ihrem genauen Spiel authentisch und halfen mit ihrem Hintergrund, Klischees zu vermeiden.

Für den Schnitt konnten die Filmemacher neben dem New Yorker David O. Rogers mit Patricia Rommel, die Stefan Sarazin noch von der Filmhochschule kannte, und Hans-Jörg Weißbrich, Koryphäen ihres Fachs, gewinnen. Das Casting übernahm mit Judy Henderson, der Casterin von „Homeland“, ebenfalls ein SuperProfi.


Ohne Kompass durch die Wüste

Für Fritjof Hohagen war es auch ein „Experiment, eine besondere Erfahrung, einen Film über zwei Männer aus zwei verschiedenen Kulturen mit zwei Autoren/Regisseuren zu machen. Die Doppelung ist ungewöhnlich. Das ist bei Kreativprozessen wie dem Schnitt nicht immer einfach, zwei Menschen mit ausgeprägten Meinungen unter einen Hut zu bringen.“ Beim Dreh allerdings habe es eine klare Arbeitsteilung gegeben. „Es war klar, wer welche Entscheidungen trifft. Sarazin kümmerte sich in erster Linie um die Schauspieler, Keller um Kostüm- und Szenenbild, Bildgestaltung und die Koordination der verschiedenen Departments. Besprochen haben sie sich die beiden dennoch in allen Belangen, vier Augen sehen nun mal mehr als zwei. Das hat überraschend gut funktioniert. Beim Schnitt, als der Zeitdruck nicht mehr so groß war, wurde viel lebhafter diskutiert als am Set.“

„Es war ein solcher Marathon mit so unglaublich vielen Gletscherspalten - dass am Ende so etwas Schönes herausgekommen ist, erstaunt mich selber“, bilanziert Stefan Sarazin die wechselvolle Entstehungsgeschichte des Films. „Es war wie durch die Wüste Nefud bei ‚Lawrence von Arabien‘, allerdings ohne Kompass“.

Foto:
Umschlagabbildung


Info:
BRD, 2022
FSK ab 6 freigegeben
Bestellnummer: 11021779
Erscheinungstermin: 20.1.2023
Genre: Komödie
Spieldauer: 117 Min.
Regie: Stefan Sarazin
Darsteller: Luzer Twersky, Haitham Omari, Makram Khoury
Originaltitel: Nicht ganz koscher - Eine göttliche Komödie
Sprache: Deutsch
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Bild: Widescreen
Specials: Wendecover