shambaInternationale Filmfestspiele Berlin vom 15. bis 25. Februar 2024, Wettbewerb Teil 21

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – Wenn es gleich am Anfang bei der Hochzeitszeremonie heißt, daß die hübsche, junge, selbstbewußte Pema (Thinley Lhamo) mit den Brüdern verheiratet wird, versteht man den Sinn erst später. Der älteste Bruder der Waisen ist der unternehmungslustige Tashi (Tenzin Dalha ), mit dem sie nun verheiratet wird, aber gleich anschließend kommt der buddhistische Mönch Karma (Sonam Topden) an die Reihe, dem gesagt wird, daß, wenn Tashi ausfällt oder kein Kind zeugt, er drankommt und das gilt auch für den dritten Bruder, der noch ein Kind ist: Dawa (Karma Wangyal Gurung).

Die temperamentvolle Pema wird von ihrer Mutter liebevoll für die Hochzeit geschmückt und auch der Vater zeigt sich der Tochter nahe. Kein Wunder, daß sie voller Neugier und Freude ihre Ehe antritt, außerdem ist Tashi lebenslustig und so wird das erste halbe Jahr in dieser kleinen Ansiedlung im Herzen des nepalesischen Himalaja, also in einer spektakulären Umgebung, eine helle Freude für Pema. Doch dann eröffnet ihr Tashi, daß er mehrere Monate mit anderen Männern des Dorfes zum Handeln nach Llasa ziehen muß. Nein, er kann sie nicht mitnehmen, außerdem muß sie ja auf Dawa aufpassen, dem er im Umkehrschluß aufträgt, gut für Pema zu sorgen. Und weg ist er.

Dawa läßt in der Schule nach, kommt sogar eines Tages betrunken nach Hause und als Pema mit dem Lehrer Ram Sir (Karma Shakya) darüber spricht, will der helfen und außerdem sucht er die Nähe Pemas. Erst ist sie aufmerksam, schenkt ihm ein, aber wir sehen sie in der nächsten Einstellung frühmorgens ihr Bett verlassen. Vor der Tür findet sie  den Rausch ausschlafend Ram Sir vor, den sie quer auf ihr Pferd bugsiert und ihn nach Hause bringt. Doch ist sie wohl beobachtet worden, denn als ihre Schwangerschaft fortscheitet, beginnen Gerüchte, daß nicht der abwesende Tashi, sondern der Lehrer der Vater sei.

Als die Dorfdelegtion mit frischen Waren aus Llasa zurückkehrt, fehlt Tashi. Die besorgte Pema weiß, was sie zu tun hat. Sie wird ihren Mann suchen und macht sich auf den Weg in die Berge.Unterwegs erfährt sie, daß Tashi von einem Pilger erfahren habe, daß das Kind, das sie erwartet, von Ram Sir sei, weshalb er aus Scham nicht nach Hause kommt. Das auch noch. Sie intensiviert ihre Suche und wir erleben wie im Märchen eine Frau, die allen Schwierigkeiten trotzt, allen Widrigkeiten der Natur, wenn der Herbst in den Winter mit klirrender Kälte übergeht, mit einem Gleichmut und einer Kraft begegnet, die aus ihrer Liebe zu Tashi, aber auch aus ihrer Unschuld resultiert.

Regisseur Min Bahadur Bham ist ein Geschichtenerzähler der kleinen Begebenheiten des Alltags und läßt Pema kleine, skurrile Begebenheiten erleben, bunt und menschlich dazu, die auch tragische Folgen haben, wenn Pemas Pferd, das sie begleitet hat, nachts von Tieren gerissen wird. Doch zuvor hat der zweite Bruder und Mönch Karma sie begleitet. Ungern zuerst, aber vom Klosteroberen Rinpoche (Loten Namling) auf die buddhistischen Regeln hingewiesen, daß die Menschen immer vorgehen, begleitet Karma die Schwägerin und potentielle Ehefrau. Sie verstehen sich gut und haben aufregende Erlebnisse, doch den verschwundenen Tashi finden sie nicht und als Rinpoche stirbt, muß Karma zurück und ihn ersetzen. Unterwegs traf sie auch auf den Lehrer, der nach Kathmandu zurückkehrt.
Doch dies sind die äußeren Handlungsteile, zu denen als eigene Rolle die aufregende Natur gehört. Die Berge und Täler, der Schnee, die Steine, die ganze Natur bebt und lebt, mal zart, mal eiskalt. Die aufrechte und mutige Pema wächst einem ans Herz. Und als sie in einer Höhle dann die von Tashi eingeritzten Steine finden, die sie lesen kann: als Liebe, Wut, Konkurrent, Demütigung, Würde, Selbstbehauptung, Rückkehr nach Hause, weiß sie, daß Tashi zurückgekehrt ist.

Doch als sie – nicht vergessen, sie ist im dritten- vierten Monat schwanger losgezogen – nach Hause kommt, findet sie Tashi eifersüchtig vor, der von ihr tatsächlich den archaischen Brauch verlangt, sie müsse mit einem Pfeil ihr Ziel treffen, verfehlt sie es, war sie untreu und trägt ein außereheliches Kind aus. Die kluge Pema trifft zwar, aber Tashi ist für sie erledigt. Einen solchen Mann will sie nicht. Sie und das Kind werden ohne ihn leben. Däs wäre ein würdiger Schluß.

Doch dann kommt ein zweiter, von dem der Regisseur im Pressegespräch sagen wird, man könne sich seinen Schluß aussuchen, der leider diesen klugen schönen Film zu einer buddhistischen Propaganda werden läßt: in der Schlußszene sehen wir die geschorene Pema mit ihrem mehrjährigen Kind am Wasser. Sie lebt mit ihm im Kloster, hat ihren inneren Frieden und ihren Weg gefunden.

Es wird eine bestimmte Richtung des Buddhismus im Film angesprochen, wohl Mahayana oder wegen der vielen weißen Seidenschals im Film auch Vajrayana, Das alles ist interessant und Teil der Lebensweise der Bevölkerung. Aber statt Pema in dieser ihren Platz zu lassen, oder, nach der üblen Nachrede wegen des Kindes, ihr wieder einen ehrenvollen Platz in der Gemeinschaft zu gönnen, wird ihr Rückzug ins Kloster, der mit Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung gefeiert wird, als idealer Weg vorgegeben. Das ist pure Ideologie und entwertet den Selbstfindungsprozeß von Pema, die zu einer lebenserfahrenen Frau geworden ist, die jede örtliche Gemeinde dringend als lebenskluges Mitglied braucht, ganz abgesehen davon, daß auch ein Kind besser aufgehoben ist, wenn es mit anderen Kindern zusammen aufwächst.

Foto:

©Berlinale

Info:
von Min Bahadur Bham | Nepal / Frankreich / Norwegen / Hongkong, China / Türkei / Taiwan / USA / Katar 2024Tibetisch, Nepali, Untertitel: Englisch, Deutsch150'Weltpremiere
Stab
Regie    Min Bahadur Bham
Buch.   Min Bahadur Bham, Abinash Bikram Shah
Kamera.   Aziz Zhambakiyev

Besetzung
Thinley Lhamo (Pema)
Sonam Topden (Karma)
Tenzin Dalha (Tashi)
Karma Wangyal Gurung (Dawa)
Karma Shakya (Ram Sir)
Loten Namling (Rinpoche)
Tsering Lhamo Gurung (Pemas Freund)
Janga Bahadur Lama (Schäfer)