Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 8. Januar 2026, Teil 2Redaktion
Berlin (Weltexpresso) – Das Unscheinbare, das etwas Tiefes in uns bewegt. Im Mittelpunkt von Schwesterherz steht eine Geschwisterbeziehung. Ich bin fasziniert von Geschwistergeschichten, weil sie Raum für grundlegende Fragen bieten, wie: Was verbindet uns? Was trennt uns? Die Idee für diesen Film entstand vor einigen Jahren während einer
Demonstration zum Weltfrauentag. Dort sah ich ein Banner mit der Aufschrift: „Warum kenne ich so viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, aber keine Täter?“
Diese Frage blieb mir im Gedächtnis.
Solange wir Vergewaltiger als Monster bezeichnen, wird es uns nicht möglich sein, sie in unserer Mitte zu erkennen – als Freunde, Kollegen und Brüder. Je näher uns eine Person steht, desto schwieriger ist es, klar zu sehen. Die Person, die Rose am nächsten steht, ist ihr Bruder Sam.
Ich interessiere mich sehr für die Menschlichkeit meiner Figuren. Dieses Interesse drücke ich aus, indem ich großen Wert auf die körperliche Ausdruckskraft innerhalb der Inszenierung lege. Die Verwendung der Körpersprache als eigenständiges Kommunikationsmittel ermöglicht es uns, zwei Geschichten parallel zu erzählen, die sich, wenn sie ausgesprochen würden, manchmal widersprechen.
Es ist die Widersprüchlichkeit des körperlichen Ausdrucks im Verhältnis zu dem, was wir bewusst preisgeben wollen, was Kommunikation oft so kompliziert macht. Meist steuern wir unsere kleinen Bewegungen, unsere Mimik und Gestik, weniger als das Ausgesprochene. Unser Gegenüber nimmt nicht nur das Gesagte wahr, sondern auch jene kleinen, mitunter unbewussten Bewegungen — und sieht sich möglicherweise in der Antwort einer ähnlichen Spannung bzw. ähnlichen vermeintlichen Widersprüchlichkeiten ausgesetzt.
Das ist, was uns manchmal so liebenswert macht und zugleich die Kraft hat, die engsten Bindungen zu zerstören. Bei der Arbeit mit den Schauspieler:innen war es mir wichtig, Raum für ihre Intuitionen zu schaffen, ihren Körpern als Stimmen ihrer Figuren zu vertrauen, und genau zu beobachten. Mein Ziel war es, Situationen, Beziehungen und Emotionen zu erforschen.
Die Kamera und der Ton unterstützen die subjektive Perspektive, durch die wir die Geschichte unserer Protagonistin Rose erleben. Die Sprache der Kamera spiegelt in gewisser Weise Roses intuitive Erfahrung wider. Anfangs oft frei beweglich und aus der Schulter gefilmt, verlangsamt sie sich allmählich, bis sie schließlich zum Stillstand kommt. Die Figuren werden
zunehmend durch Türrahmen oder hinter Fenstern gezeigt, so wie Rose sich durch ihre Beziehung zu ihrem Bruder immer mehr eingeschränkt fühlt.
Der Ton hingegen kann unsere Gefühlswelt direkt und unbemerkt steuern.
Ich möchte ihn als zusätzliche Ebene nutzen, die Zugang zu Roses komplizierten und manchmal destruktiven Gefühlen gewährt.
Foto:
© Verleih
Info:
SCHWESTERHERZ
Regie Sarah Miro Fischer
Drehbuch Sarah Miro Fischer · Agnes Maagaard Petersen
Kamera Selma von Polheim Gravesen
Mit Marie Bloching · Anton Weil · Proschat Madani · Laura Balzer · Jane Chirwa
Aram Tafreshian · David Vormweg
Abdruck aus dem Presseheft