renatl1Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 8. Januar 2026, Teil 12

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Der Film beginnt mit einer beeindruckenden Trauerfeier in Japan. Das muß ein wichtiger Mann gewesen sein, wenn so viel Gewese um ihn nach seinem Tod getrieben wird! Das denkt sich auch der US-amerikanische Schauspieler (Brendan Fraser), der für die Trauergesellschaft ‚gemietet‘ wurde, denn es ging darum, die Bedeutung des Gestorbenen ins rechte Licht zu setzen. Nur mit einem hat er nicht gerechnet, die Zuschauer auch nicht. Nach der Trauerfeier erhebt sich der angeblich Tote aus seinem Sarg. Er hat sozusagen eine Generalprobe inszeniert, damit, wenn es ernst wird und er wirklich stirbt, auch alles in seinem Sinn klappt.

 

rental 4Eigentlich hält dieser Schock den gesamten Film an, denn wir erleben eine Gesellschaft, deren Verhalten uns dermaßen fremd ist, deren Regularien uns aber eindringlich verfolgen. Doch zuerst erlebt man die Lebenswirklichkeit des abgehalfterten Schauspielers Philipp Vandarpleog , der in Japan erfolgreich war, inzwischen aber sein Geld mit mehr als peinlichen Werbeauftritten bestreitet. Lauter einzelne Aufträge, die ihm unerträglich werden. Doch dann tut sich eine völlig neue Arbeitsmöglichkeit auf. Er verpflichtet sich bei einer Firma, die eine japanische „Mietfamilien"-Agentur ist. Das bedeutet, dass man ihn buchen kann, damit er im familiären Umfeld die Position besetzt, die die jeweilige Familie anfordert. Mal ist er ein Onkel, mal ein Schwager, mal sogar ein Vater. Die Rollen wechseln, aber er entwickelt bei speziellen Aufträgen eine emotionale Nähe zur bestimmten Familien oder wie bei dem kleinen Mädchen, zu dieser selbst. Davon kann er nun leben, sowohl emotional wie auch finanziell.

 

retal2Aber er merkt, dass seine sonstige Schauspielerei ihn als Person nicht weiter tangiert hatte, nun aber seine Rollen nicht einfach am Abend als Rolle abgelegt werden können, sondern dass für ihn seine Schauspielerrolle in eine echte Emotion gegenüber seinen Klienten übergegangen ist, also die Grenze zwischen seinem Beruf als Schauspieler und der Wirklichkeit, in der er in seiner Rolle lebt, verschwimmt, bzw. Letzteres überwiegt. Er hat auf einmal Familie, er hat eine Tochter, auch eine Frau? So befriedigend das für ihn emotional ist, beginnen hier doch die Probleme.

 

Zu ihrem Film bemerkt die Regisseurin HIKARI: „Ich glaube, dass Kino die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Es erlaubt uns, andere mit Empathie zu betrachten, schafft Raum für Gespräche und lässt uns Seiten an uns selbst erkennen, von denen wir nicht wussten, dass sie existieren. Wenn wir uns darauf einlassen, verschwinden Mauern und unsere Menschlichkeit tritt hervor." Dabei hat der US-amerikanische Schauspieler, der also einen US-amerikanischen Schauspieler mimt, ein Pfund einzubringen, das weit mehr als ein Pfund, sondern gleich viele Kilos sind. Gegenüber seiner Oscarrolle des Überdicken in THE WHAL ist er viel dünner, aber durch Konstitution einfach ein großer breiter Mann gegenüber den zartgliedrigen Japanern. Darum wirkt er tatsächlich entweder wie ein tapsiger Bär oder wie ein Elefant im Porzellanladen, was für seine ‚Familien‘ bedeutet, dass er entweder Wärme und Ansprechbarkeit signalisiert oder ihnen fremd ist.

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Dies wird an bestimmten Situationen durchgespielt, wobei dann später tatsächlich der Mann, der seinen Tod schon mal probte, tatsächlich stirbt. Bei diesen Familiensituationen führt uns die Regisseurin immer wieder in die Irre, was Spaß macht. So sehen wir, wie eine junge hübsche Frau mit Philipp die Eheschließung, einschließlich der Hochzeitsfeier begeht. Während man sich noch wundert, wieso sie nicht einen passenden Ehemann gefunden hat, wird klar, dass sie die Flitterwochen nicht mit ihm, sondern mit ihrer eigentlichen Gefährtin, also einer Frau verbringt, was in Japan noch ein gesellschaftliches Problem darstellt.

 

Die Starrheit der japanischen Gesellschaft wird an dem kleinen Mädchen besonders deutlich. Die alleinerziehende Mutter – der Vater, ein US-Amerikaner, ist abgehauen – möchte ihre Tochter an einer renommierten Schule unterbringen, wozu ein Vater unabdingbar ist. Also wird Philipp gebucht und dieses Mädchen wächst ihm ans Herz und er verhält sich der Mutter gegenüber dann in Erziehungsfragen tatsächlich wie der Vater des Mädchens. In einer anderen Rolle wiederum muß er, um das Glück des ihm Anvertrauten, einem alten, dement werdenden Mann, zu sichern, diesen entführen, denn dieser will noch einmal seine alte Heimat sehen, was ihm verwehrt wird, Philipp nun aber erfüllt. Die Konsequenz ist, dass er aus Japan abgeschoben werden soll.

 

Der Film leistet beides: er kann einerseits die speziellen japanischen Empfindlichkeiten zeigen und analysieren, er kann aber auch die positiven und die negativen Verhaltensweisen eines westlichen Ausländers zeigen, der nach seinem Gefühl entscheidet und nicht nach den gesellschaftlichen Gegebenheiten seines Gastlandes. Das geht mal gut, mal schlecht aus und ist auf jeden Fall interessant anzusehen. Was einen eigentlich wundert, das ist, wie leicht dieser Film daherkommt, der doch eigentlich schwerwiegende gesellschaftliche oder persönliche japanische Probleme bringt.

 

Übrigens hätte die Überraschung, wie man sich hier in Japan Familienmitglieder mietet, gar nicht so groß gewesen sein müssen, denn erst im Nachhinein fällt einem der erst vor einiger Zeit und leider ziemlich untergegangene Film PFAU – BIN ICH ECHT?von Bernhard Wenger ein. Wir fanden den Film schon damals als etwas Besonderes, aber das setzt sich in unseren Kinos nicht unbedingt durch. Die damalige Besprechung
https://weltexpresso.de/index.php/kino/33839-pfau-bin-ich-echt_544



Foto:
©Verleih

Info:
Stab
Regie: HIKARI
Drehbuch HIKARI, STEPHEN BLAHU

BESETZUNG
BRENDAN FRASER als Phillip Vandarpleog
TAKEHIRO HIRA als Shinji Tada
MARI YAMAMOTO als Aiko Nakajima
AKIRA EMOTO als Kikuo Hasegawa
SHANNON MAHINA GORMAN als Mia Kawasaki