lunaSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 3

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Silent Friend greift Themen auf, die bereits in Ihren früheren Filmen eine Rolle gespielt haben: die Möglichkeit der Verbindung mit unsichtbaren Kräften, die Komplexität der Beziehungen zwischen Menschen, der Einfluss der Wissenschaft auf das tägliche Leben ...

Meine Absicht war es, Fragen aufzuwerfen und bestimmte, für mich spannende Themen zur weiteren Erforschung in den Fokus zu rücken. Diese Fragen haben sehr viel mit meinem meinem persönlichen Werdegang zu tun – denn all meine Filme sind sehr persönlich.

Ich war in den 70er Jahren ein Teenager. Ich habe zwei bedeutende Jahre in Frankreich verbracht - in Montpellier an der Universität Paul Valéryv, wo ich als Gymnasiastin aus dem Ostblock eine Sondergenehmigung erhielt. Sie können sich vorstellen, wie prägend es für eine 16- bis 17-Jährige war, Teil dieses pulsierenden, intensiven Universitätslebens nach 1968 zu sein. Es war eine Zeit der Neugierde und der Offenheit gegenüber vielen Themen, in der damals die erste große Welle von Experimenten zur Kommunikation von Pflanzen stattfand. Das war für mich äußerst spannend. Natürlich ging man damals vielleicht noch etwas naiv vor, was die Foschung betraf: Aber die Grundhaltung von einst hat bis heute Bestand. Es ist bezeichnend, dass ich mich in jener Zeit, wo so viele Dinge hinterfragt und neu erfunden wurden, statt für politischen Aktivismus für die Neugierde gegenüber anderen Lebensformen entschieden habe. In „Magic Hunter“, meinem zweiten Spielfilm, der in Venedig im Wettbewerb lief, wandle ich über sechshundert Jahre hinweg auf den Spuren eines Eichenbaums. In „Simon the Magician“ löst eine Topfpflanze einen Mordfall. Ich bin keine Person mit einem grünen Daumen, sondern ein Stadtgewächs, das von der Natur isoliert lebt. Ich spüre die Distanz zwischen den Lebewesen und sehne mich nach Verbindung. Ganz ähnlich wie die menschlichen Protagonisten in SILENT FRIEND.


In den Geschichten rund um die drei Hauptfiguren, die sich in verschiedenen Epochen abspielen, dient ein Baum als zentrales Motiv. War der Baum selbst der Ausgangspunkt Ihres Projekts?

Karl Baumgartner, dieser visionäre unabhängige Produzent, der von der gesamten Filmbranche schmerzlich vermisst wird, kam mit der Idee auf mich zu, einen Film über Pflanzen zu drehen. Er wusste aus meinen früheren Filmen, dass ich Pflanzen mit neugierigen Augen betrachte. Als wir mit unserem Projekt begannen, dachte ich sofort an einen Botanischen Garten als zentralen Drehort – nicht an die wilde Natur, sondern an einen von Menschen geschaffenen, künstlichen Lebensraum für Pflanzen. Dem uralten Ginkgobaum inmitten des botanischen Gartens wollte ich drei menschliche Protagonisten gegenüberstellen, die jeder auf seine Weise durch den Kontakt mit der Welt der Pflanzen eine wundersame Veränderung durchleben. So ist der Baum als Symbol zwar von grundlegender Bedeutung für meinen Film – aber der Film SILENT FRIEND wurde ja von Menschen gemacht und wird von ihnen im Kino angesehen und mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Daher sehe ich meinen Film als Einladung für die Zuschauer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Ich würde niemals wagen, jemandem eine Erklärung dafür zu liefern, wie ein Baum die Welt wahrnimmt. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es sich bei einem Baum um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt handelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen. Wir sind auf dieser Welt nicht das Maß aller Dinge, unsere Wahrnehmung beschreibt die Welt nicht auf eine objektive Art und Weise. Da wir die Grenzen unserer Wahrnehmung nicht überschreiten können, habe ich mich dafür entschieden, durch drei Begegnungen, drei Zusammenstöße, drei unvollkommene und eher unbeholfene Versuche mit der Welt jenseits des menschlich Wahrnehmbaren in Verbindung zu treten. Thomas Nagels berühmte Abhandlung aus dem Jahr 1974 mit dem Titel „What Is It Like to Be a Bat” (Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?) hat mich in dieser Hinsicht sehr beeinflusst. Sie fasst den Ansatz meines Films zusammen. Unser Geist wird durch unseren Körper definiert - und zu akzeptieren, dass es unmöglich ist, in die Wahrnehmungswelt eines anderen Wesens einzutauchen, bedeutet nicht, dass seine Welt nicht existiert. 


Silent Friend spielt in drei Epochen: Im Jahre 1908, 1972 und 2020. Drei Protagonisten unterschiedlichen Alters stehen im Zentrum der Geschichte - von einem jungen Studenten bis zu einem erfahrenen Wissenschaftler. War das Ihre Art zu zeigen, wie sich Generationen im Laufe der Zeit weiterentwickeln?

Ja, obwohl ich anstatt einer Entwicklung eher von einer Veränderung sprechen würde.
Diese drei verschiedenen Momente in den letzten rund hundert Jahren sollen zeigen, wie sehr und wie schnell sich unser scheinbar unerschütterlich solides Realitätsempfinden verändert. Es wird nicht nur durch unsere Sinne definiert, sondern ist auch ein kulturelles Konstrukt und als solches ziemlich vergänglich. Unsere menschlichen Helden wandeln auf denselben Wegen durch denselben Garten, betreten die Gebäude desselben Campus - aber jede und jeder von ihnen nimmt dabei eine andere Welt wahr. Wenn sie versuchen, sich mit dem Ginkgobaum und den Pflanzen um sie herum zu verbinden, entdecken sie nicht nur verschiedene Pflanzen, sondern auch sich selbst.

„Being You“ – ein aktuelles Buch des Neurowissenschaftlers Anil Seth – und seine gesamten Forschungen zum Thema Bewusstsein waren die wichtigste Inspiration für mich bei der Vorbereitung auf meinen Film.


Die Idee der Realität wird hier mit dem Konzept der Zeit verknüpft. Mehr als in Ihren früheren Filmen nutzen Sie dies als dramaturgisches Mittel: Das Tempo der Handlung in der Geschichte um den Neurowissenschaftler ist nicht dasselbe wie das in der Geschichte von Grete, das sich wiederum von dem Erzähltempo derjenigen Episode um Hannes und seine Geranie unterscheidet ...

Wir alle haben unsere eigenen starken Erfahrungen mit dem ersten Lockdown gemacht. Die radikale und plötzliche Veränderung dessen, was man als Zeitablauf wahrnimmt, gehört zu den stärksten davon. Der Hauptstrang von SILENT FRIEND, in dem der von Tony Leung Chiu-Wai gespielte Neurowissenschaftler im Zentrum steht, handelt genau von dieser plötzlichen Veränderung seines zeitlichen Rhythmus. Tonys Realitätswahrnehmung innerhalb der monastischen Stille des leeren Uni-Campus gibt ihm die Möglichkeit, sich anderen Zeitwahrnehmungen anzunähern. Der eines Baumes zum Beispiel.

Alice, die Wissenschaftlerin für Pflanzenkommunikation, die von Léa Seydoux gespielt wird, reflektiert in ihrem TED-Vortrag über unsere lächerliche Blindheit gegenüber anderen Zeitrhythmen. Wir halten die Mimosa pudica für eine intelligente Pflanze, weil sie innerhalb unserer menschlichen Wahrnehmung von Zeit agiert. Das ist einem reinen Zufall geschuldet, aber wir sind davon begeistert. Als wären unsere Lebensform die absolute Norm, an der sich alle anderen Lebewesen orientieren müssen! Für einige Lebensformen mit einem viel schnelleren Tempo erscheinen wir Menschen wahrscheinlich wie unbewegliche Statuen.

Im Vergleich zu Tonys als meditative wahrgenommene Zeit sind Gretes (Luna Wedler) Tage hyperstrukturiert und geprägt von bestimmten Regularien, formalen Gewohnheiten und Ritualen. Ihre Welt ist aktiv, reaktiv, konfliktreich, verbal. Sie findet ihre Freiheit, indem sie die Zeit durch die Fotografie anhält. Ihre Modelle sind dabei die Pflanzen – durch die Schwarz-Weiß-Fotos entdeckt Grete universelle Strukturen des Lebens. Ann Atkins und vor allem Karl Blossfelds Werk waren die Hauptinspiration für Gretes Ansatz, die Welt zu verstehen. Blossfelds Fotos zeigten alltägliche Pflanzen auf eine verblüffende Art und Weise - als hätte man sie noch nie zuvor gesehen.

Hannes (Enzo Brumm), ein junger Student in den 1970er Jahren, wirkt in SILENT FRIEND, als wäre er in einem impressionistischen Gemälde verloren.

Während die Wahl für Gretes Geschichte auf 35-mmSchwarzweiß-Aufnahmen fiel, wählten wir für die Geschichte von Hannes die üppigen, aber ungenauen 16-mm-Aufnahmen, die wir mit der durchdringenden Genauigkeit der digitalin Aufnahmen für die Geschichte von Tony kontrastierten. Die digitalen Aufnahmen spiegeln die Einsamkeit von Tony im Jahr 2020 wider und sollen wie ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Epochen im Film wirken.


Foto:
©Verleih

Info:
Stab
Drehbuch und Regie Ildikó Enyedi
Besetzung
Tony Leung Chiu-Wai Tony
Luna Wedler Grete
Enzo Brumm Hannes
Sylvester Groth Anton
Martin Wuttke Herr Fuchs
Johannes Hegemann Thomas
Rainer Bock Prof. Winterhalter
Léa Seydoux Alice Sauvage

Abdruck aus dem Presseheft